Zusammenarbeit neu definiert

Wie wird aus einer guten Idee ein gutes Projekt oder gar eine funktionierende Existenz? Der Grünhof bietet eine gute Plattform, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Wie das funktioniert, erklärt Hagen Krohn, Inhaber und Geschäftsführer der Grünhof GmbH.

Zum Unternehmen:

Die Grünhof GmbH wurde 2013 von Hagen Krohn und Martina Knittel in Freiburg gegründet. Sie bietet einen Ort, an dem sich junge Existenzgründer treffen, austauschen und auch arbeiten können. Vorträge und Fortbildungsangebote vermitteln den Mitgliedern das nötige unternehmerische Know-how.

Mit Förderprogrammen, wie den „Ökonauten“ und seit Neuestem den „Sozionauten“, werden Projekte aus dem ökologischen oder sozialen Bereich dabei unterstützt, aus einer Idee ein erfolgreiches Start-up zu machen.

Zum Grünhof gehört außerdem das „Café Pow“, wo neben der Gastronomie Veranstaltungen wie ein Weinfest, der jährliche Weihnachtsmarkt oder das Open-Air-Kino stattfinden.

Frage:
Sie wollen mit dem Grünhof einen Ort schaffen, an dem unternehmerische Menschen und Projekte zusammenkommen, wo neue Ideen gedacht und vor allem auch umgesetzt werden. Wie funktioniert das?

Hagen Krohn:
Zum einen bieten wir das sogenannte Co-Working an. Das heißt, Selbstständige oder auch Start-ups können Platz in unseren Büroräumen nutzen. Man kann sich das ein bisschen wie in einem Fitness-Studio vorstellen: Die kleinste Mitgliedschaft ist bei uns fünf Tage im Monat, das maximale wäre Vollzeit.

Diese Mitgliedschaft berechtigt einen dazu, Zeit hier zu verbringen. Was man in dieser Zeit macht, ist jedem selbst überlassen – also ob man einfach den Schreibtisch als Arbeitsplatz nutzt oder sich mit anderen austauscht. Die meisten Mitglieder sind allerdings nicht nur wegen des Arbeitsplatzes hier, sondern wegen der anderen Menschen. Auf dem Weg zur Selbstständigkeit ist es oft die größte Hürde, gegen Ängste und Unsicherheiten anzukommen. Und da ist es sehr hilfreich, wenn man Menschen um sich hat, die ähnliche Herausforderungen haben.

Gründer haben oft mit den gleichen Problemen zu kämpfen: Wie ist das mit den Steuern? Wie funktioniert Finanzbuchhaltung? Welche rechtlichen Aspekte gibt es? Wie finde ich neue Mitglieder für mein Team? Wie entwickle ich ein Geschäftsmodell? All dieses Wissen ist in unserem Netzwerk vorhanden.

Dieses Wissen vermitteln wir auch ganz gezielt in Workshops zu verschiedenen Themen. Entweder wir vom Grünhof-Team oder in sogenannten Community-Learning-Formaten mit Menschen, die hier Mitglied sind. Ein Beispiel: Wir haben relativ viele Software-Entwickler hier, die abends kostenlos für andere Mitglieder einen Kurs zur Suchmaschinenoptimierung oder Google-Adwords anbieten.

Und dann gibt es noch unsere thematisch gebundenen Förderprogramme, beispielsweise für den Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit. Dort besteht die Förderung aus Coachings zum Thema Unternehmensgründung, und wir stellen den Projekten themenspezifisch Mentoren zur Seite.

Auf dem Weg zur Selbstständigkeit ist es oft die größte Hürde, gegen Ängste und Unsicherheiten anzukommen.Hagen Krohn
Die Gemeinschaft, die hier entsteht, ist mit das Wertvollste, was wir bieten können.Hagen Krohn

Frage:
Wie funktioniert die Zusammenarbeit von so vielen unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Projekten in gemeinsamen Büroräumen?

Hagen Krohn:
Beim Grünhof kann man sich nicht einfach einbuchen, sondern es findet eine Art Bewerbungsgespräch statt. Der Grund dafür ist, dass die Gemeinschaft, die hier entsteht, mit das Wertvollste ist, was wir bieten können. Deshalb ist es uns natürlich wichtig, dass die Zusammensetzung und die Qualität stimmen.

Aber im Prinzip ist der Grünhof für jeden offen. Bei uns finden sich alle möglichen Berufsgruppen, von Kinderbuchautoren über Naturwissenschaftler und Bankern bis hin zu Handwerkern. Allen gemeinsam ist, dass sie sehr motiviert sind, irgendetwas anders oder besser zu machen. Sie vertrauen darauf, dass die Gespräche, die sie hier führen und die Erfahrungen, die sie hier machen, sie auf einen guten Weg bringen.

Frage:
Vor der Gründung des Grünhofs waren Sie schon bei einem ähnlichen Projekt, dem „HUB“ in Zürich, aktiv. Warum sind Sie dort weggegangen und was ist in Freiburg anders?

Hagen Krohn:
Das Projekt in Zürich hatte ich 2010 gemeinsam mit drei Freunden gegründet. Mein Hauptantrieb, nach Freiburg zu kommen war, dass ich meinen Lebensmittelpunkt hierher verlegen wollte. Das „HUB“ war auf jeden Fall ein Vorbild für den Grünhof, allerdings ist die Szene hier in Freiburg sehr anders.
Die Leute hier konnten sich unter unserem Konzept zunächst noch nicht so viel vorstellen. In Zürich gab es dagegen schon eine richtige Start-up-Szene.

Vor allem am Anfang bewegten wir uns in Freiburg in einem ziemlichen Spannungsfeld: Von den einen wurden wir als ausbeuterische Kapitalisten wahrgenommen, für die anderen waren wir die alternativen Ökos. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Wir verstehen uns als Plattform, wo ein Diskurs geführt wird: Was ist denn eigentlich Nachhaltigkeit, was bedeutet zukunftsfähige Gesellschaft? Inzwischen ist das anders. Wir haben viel gearbeitet, viel Klinken geputzt, mit Leuten gesprochen und immer wieder unser Konzept erklärt. Mittlerweile wird der Grünhof als Ort wahrgenommen, wo Neues passiert und wo es Innovation gibt. Das nutzen nicht nur die Mitglieder, die hier sind, sondern auch Organisationen wie die Handwerkskammer, die Diakonie oder die Caritas. Mit der Diakonie haben wir beispielsweise gerade ein „Bootcamp“ durchgeführt, bei dem 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ganz neue Ideen entwickelt haben, um im sozialen Bereich neue Wege zu gehen.

Wir verstehen uns als Plattform, wo ein Diskurs geführt wird: Was ist denn eigentlich Nachhaltigkeit, was bedeutet zukunftsfähige Gesellschaft? Hagen Krohn

Frage:
Würde so ein Konzept in jeder Stadt, also auch in Kleinstädten, funktionieren?

Hagen Krohn:
Ich glaube schon, dass das funktioniert, denn im Grunde geht es um „machen“. Viele Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft gerade steht, können primär darüber gelöst werden, dass Leute etwas machen.

Die Frage, wie ich mein Engagement in die Welt bringen kann, ist überall ein Thema. Das „Impact HUB“ nach Züricher Vorbild gibt es inzwischen weltweit in 80 Städten. Die Leute, die das ins Leben rufen, sind Menschen, die einfach etwas bewegen wollen. Also nicht auf die Politik oder auf schon bestehende Strukturen setzen, sondern selbst etwas in Gang bringen wollen.

Frage:
Sehen Sie die Art von Zusammenarbeit und Austausch als Zukunftskonzept oder bleibt das eine Nische?

Hagen Krohn:
Ich glaube, es geht nicht anders! Die Zukunft der Arbeit wird sehr stark auf Zusammenarbeit ausgelegt sein – ob Zusammenarbeit zwischen Menschen, Unternehmen oder Institutionen.

Frage:
Man hört immer wieder, dass Gründen in Deutschland schwieriger ist als beispielsweise in den USA. Können Projekte wie das Ihre daran etwas ändern?

Hagen Krohn:
Wir treffen mit unserem Angebot auf jeden Fall auf ein Bedürfnis. Allerdings denke ich, dass die Schwierigkeiten in Deutschland nicht nur an mangelnder Unterstützung liegen, sondern auch einen großen psychologischen Anteil haben.

In Amerika ist es grundsätzlich erst mal gut, wenn jemand etwas gründet. Und wenn es schiefgeht, sagen die Leute: „Na ja, nächstes Mal klappt es.“ Wer in Deutschland gründet, muss sich erst mal Kommentare anhören wie: „Oh je, und was ist mit deiner Rente?“, „Ist das nicht gefährlich, willst du dir nicht lieber einen gescheiten Job suchen?“

Diese Ängste, diesen psychologischen Effekt zu überwinden, das ist die Brücke, die wir schlagen. Indem wir sagen: „Das ist etwas Positives. Toll, dass ihr etwas mit eurem Leben macht, und schaut mal, da gibt es noch andere, die das auch tun.“

Frage:
Sie wollen insbesondere Geschäftsideen fördern, die gesellschaftlichen Mehrwert stiften. Was ist damit genau gemeint? Können Sie uns dafür ein, zwei Beispiele geben?

Hagen Krohn:
Da muss man unterscheiden zwischen den Mitgliedern und der Förderung. Mitglied werden kann zunächst einmal jeder, auch ohne das Ziel, gesellschaftlichen Mehrwert zu generieren. Nehmen wir beispielsweise einen App-Entwickler oder ein Architekturbüro.

Die Förderprogramme dagegen richten wir an ganz bestimmten Themen aus. Mit den „Ökonauten“ lag unser Schwerpunkt bisher auf dem ökologischen Teil der Nachhaltigkeit. Neu dazu kommt jetzt die soziale Dimension von Nachhaltigkeit mit dem Förderprogramm „Sozionauten“ für Start-ups im sozialen Bereich.

Heute ist es den Firmen – vor allem im IT-Bereich – schon häufig egal, wo ihre Mitarbeiter sitzen. Die Kommunikation läuft dann über Videokonferenzen oder Team-Chats. Hagen Krohn

Frage:
Bei Ihnen spielen Nachhaltigkeit und Ökologie von Anfang an eine große Rolle. Wird es zukünftig für Unternehmen überhaupt noch ohne einen Fokus auf diese Themen gehen?

Hagen Krohn:
Das ist eine Frage der Zeitskala. Ich denke schon, dass es in der nahen Zukunft noch Platz gibt für Unternehmen, die das nicht berücksichtigen und rein auf wirtschaftlichen Erfolg aus sind. Mittelfristig gibt es, denke ich, keinen anderen Weg. Dann werden die Fragen nach der Nachhaltigkeit und der Ökologie die Strategie eines Unternehmens bestimmen müssen. Meine persönliche Einschätzung ist: Es wird zukünftig so viele Herausforderungen geben, dass sich langfristig kein Unternehmen mehr erlauben kann, darauf nicht zu achten.

Frage:
Sie haben vorhin die Zusammenarbeit von Menschen und Organisationen als Zukunftsmodell genannt. Gibt es aus Ihrer Sicht noch weitere Zukunftstrends in Bezug auf Arbeit?

Hagen Krohn:
Ein wichtiges Stichwort ist da Dezentralisierung. Heute ist es den Firmen – vor allem im IT-Bereich – schon häufig egal, wo ihre Mitarbeiter sitzen. Die Kommunikation läuft dann über Videokonferenzen oder Team-Chats. Und ich glaube auch, dass die Zeitspanne, in der jemand für eine bestimmte Organisation arbeitet, wesentlich kürzer wird.

Früher war es ja eher wünschenswert, unbefristete Verträge zu haben. Heutzutage ist es eher so, dass sich die Menschen nach drei bis fünf Jahren umschauen, wo und wie sie sich weiterentwickeln können. Im Grunde ist diese Individualisierung die Basis unseres Geschäftsmodells.

Frage:
Wie schaffen Sie es, für Ihre Mitarbeiter attraktiv zu sein?

Hagen Krohn:
In unserem Team ist uns ganz wichtig, dass jeder Lernziele für sich definiert. Das bedeutet, neben den Projekten, die wir für das kommende Jahr planen, überlegen wir uns auch, was will ich denn als Person noch lernen, wie möchte ich meine Persönlichkeit weiterentwickeln und was muss ich dazu tun.

Deshalb stecken wir Leute nicht nur in Projekte, in denen sie performen. Wir geben ihnen bewusst Aufgaben, für die sie noch nicht alle Fähigkeiten haben, damit sie diese erwerben können. Und ich glaube, dass das ein Anreiz ist, auch mit schlechteren Gehältern zu leben, wenn man sich auf diese Weise als Person entfalten kann.

Das ist manchmal ein Spagat: Wir sind professionell und arbeiten wirtschaftlich, aber wir wollen, dass der Mensch dabei noch Platz hat. Wenn man so etwas äußert, läuft man immer Gefahr, dass Leute sagen, das sind ja gar keine richtigen Unternehmer, das sind Ökos.

Aber es ist ja so: Wir konkurrieren mit anderen Unternehmen um Talente. Also muss ich meinen Leuten etwas bieten. Und da wir hier nicht mit hohen Gehältern punkten können, müssen das andere Dinge sein.

Wir sind professionell und arbeiten wirtschaftlich, aber wir wollen, dass der Mensch dabei noch Platz hat. Hagen Krohn

Frage:
Wie finden Sie neue Mitarbeiter?

Hagen Krohn:
Bisher war es immer so, dass das Leute waren, die wir schon kannten, beispielsweise über ein Praktikum oder als Teil unseres Netzwerks. Kürzlich hatten wir die Leitung der Gastronomie neu zu besetzen. Dafür hat der vorherige Stelleninhaber selbst ein Video gedreht, um einen Nachfolger zu suchen. Er verspürte also die Verantwortung, dass die Gastronomie in gute Hände kommt.

Für mich als Geschäftsführer ist es natürlich toll zu sehen, dass den Angestellten ihr Job so wichtig ist, dass sie sich sogar selbst um einen Nachfolger kümmern.

Frage:
Die Menschen, die bei Ihnen arbeiten, lassen sich nicht immer in klassische Berufsbilder einordnen. Ist das auch ein Trend, dass man immer weniger mit einer bestimmten Ausbildung oder einem bestimmten Studium später einen ganz bestimmten Beruf ausüben wird?

Hagen Krohn:
Ich glaube schon. Deshalb werden auch andere Qualifikationen immer mehr an Bedeutung gewinnen, die nicht mit irgendeinem Schein verbunden sind. Praktische Erfahrungen sind für mich mindestens gleichwertig mit einer universitären Ausbildung.

Frage:
Mit dem Grünhof haben Sie in Freiburg ein neues Prinzip in Sachen Existenzgründung etabliert. Was glauben Sie – wird diese Form der Zusammenarbeit in 50 Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden sein?

Hagen Krohn:
Ganz klar ja! Ich glaube auch, dass das in 50 Jahren nicht nur selbstverständlich, sondern auch verständlicher geworden ist. Das ist ein Trend, den ich in größeren Städten schon sehe, da ist das schon normal.

Frage:
Gefühlt wird unser Alltag immer komplexer und damit unübersichtlicher. Was tun Sie, um den Überblick zu behalten?

Hagen Krohn:
Ich habe gar nicht immer den Überblick. Ich versuche eher immer wieder, ihn mir zu verschaffen. Eine Sache, die dafür ganz wichtig ist, sind funktionierende Teamstrukturen.

Abschließende Frage:
Was macht Ihnen Angst, wenn Sie an die Zukunft denken? Und was macht Ihnen Hoffnung?

Hagen Krohn:
Es gibt schon eine Sorge, die ich habe – die manifestiert sich in solchen Phänomenen wie der AfD oder Donald Trump. Ich meine, dahinter eine Entwicklung zu erkennen, dass sich viele Menschen ungehört fühlen und Angst vor der Komplexität der Welt haben, die nicht mehr zu durchschauen ist. Gruppierungen oder Menschen, die darauf vermeintlich einfache Antworten bieten, erfreuen sich dann großer Beliebtheit.

Auf der anderen Seite habe ich genau auch da Hoffnung. Es gibt ja auch sehr viele Menschen, die durch so etwas wieder spüren, dass sie eine Verantwortung haben, und das, was sie denken und fühlen, auch kundtun. Für mich heißt das ganz klar, noch viel mehr zu den Überzeugungen zu stehen, die ich habe und keine Angst davor zu haben, diese öffentlich zu äußern.

Das Interview führten Claudia Wasmer und Franziska Wendlandt
Fotos: Michael Bode

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