„Vom Kunden her denken, ist das A und O“

Als „verkehrte Welt“ bezeichnet Volker Spietenborg, Vorstand der Volksbank Freiburg, die derzeitige Niedrigzinsphase in Europa. Warum er dennoch an eine positive Zukunft für seine Volksbank glaubt, lesen Sie in diesem Zukünfte-Interview. 

Zur Person:

Volker Spietenborg, geboren 1967 in Hennef/Sieg, ist Vorstandsmitglied der Volksbank Freiburg eG und zuständig vor allem für das Firmenkundengeschäft. Nach der Lehre zum Bankkaufmann bei der Dresdner Bank und seinem Wehrdienst bei den Gebirgsjägern studierte Spietenborg Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn. Der berufliche Einstieg erfolgte 1995 bei der Commerzbank in Düsseldorf. Nach zweijähriger Vorstands-Assistententätigkeit leitete er das Firmenkundengeschäft zuerst von Fulda aus für das Marktgebiet Rhön-Vogelsberg und anschließend von Freiburg aus für das Marktgebiet Südbaden und West-Schweiz. Der Wechsel in die jetzige Position bei der Volksbank Freiburg erfolgte 2009.

Volker Spietenborg ist Vater einer Tochter und eines Sohnes und lebt mit seiner Familie in Kirchzarten.

Volksbank Freiburg:

Die Volksbank Freiburg eG mit Hauptsitz in Freiburg im Breisgau zählt zu den großen Genossenschaftsbanken in Deutschland. Das Kreditinstitut verfügt über 31 Filialen, eine Hauptstelle sowie 14 SB-Filialen und betreut mehr als 140.000 Kunden im Geschäftsgebiet zwischen Kaiserstuhl, Hochschwarzwald und Stadt Freiburg. Derzeit arbeiten rund 518 Mitarbeiter bei der Volksbank Freiburg, davon 24 Auszubildende. Die Bilanzsumme liegt bei rund drei Milliarden Euro. Die Volksbank Freiburg geht auf die Freiburger Gewerbebank zurück, die 1867 gegründet wurde.

Frage:
Digitalisierung, die andauernde Niedrigzinsphase und die europäische Regulierungspolitik sind nur einige von vielen Herausforderungen, mit denen sich Banken derzeit beschäftigen müssen. Was ist davon für Sie, Herr Spietenborg, das Hauptthema der Bank für die Zukunft?

Volker Spietenborg:
Digitalisierung und Regulatorik sorgen derzeit branchenübergreifend wohl für die größten Herausforderungen. Mit beiden Herausforderungen können wir gut umgehen. Letztlich schon ein seit langem währender Prozess, der sich lediglich beschleunigt hat. Bei uns als Bank hat aber die Negativzinsphase – oder zumindest die Niedrigzinsepoche – den größten Einfluss. Diese im wahrsten Sinne des Wortes verkehrte Welt mit einem nahezu risikolosen Zins und all ihren Auswirkungen beschäftigt uns doch sehr.

Frage:
Wie wirkt sich das konkret aus?

Volker Spietenborg:
Für eine Bank, bei der Dreiviertel der Erträge aus dem Zinsgeschäft resultieren und diese Erträge durch die Niedrigzinsphase rasant schwinden, ist vorausschauendes Handeln mehr als je zuvor notwendig. Wir müssen in unserer Arbeitsweise noch agiler werden. Das heißt, wir müssen als Unternehmen noch flexibler auf Herausforderungen reagieren und Entscheidungsprozesse beschleunigen.

Frage:
Inwieweit bereiten Ihnen FinTechs wie N26 Kopfzerbrechen? Die besitzen ja inzwischen eine Vollbanklizenz und sind als Direktbanken am Markt …

Volker Spietenborg:
Grundsätzlich ist es so, dass einfache Themen, bei denen keine Beratung vonnöten ist, sicherlich früher oder später austauschbar sind – ein digitales Angebot wird einfach vorausgesetzt. Wo jedoch eine Entscheidung mit Tragweite getroffen werden muss – wie bei einer langfristigen Finanzierung oder einer Wertpapieranlage – kommen die persönliche kompetente Beratung und das Vertrauen des Kunden zum Bankberater ins Spiel. Das können Finanzierungsplattformen nicht leisten. Und im Internet gibt es im Schutze der Anonymität auch zu viele Möglichkeiten des Betruges, sowohl auf der Anbieter- als auch auf der Nachfragerseite.

Frage:
Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, Banken dächten heute immer noch zu sehr vom Produkt her und zu wenig vom Kunden?

Volker Spietenborg:
Ja, das ist in weiten Teilen immer noch so. Allerdings arbeiten wir bei der Volksbank Freiburg bereits seit vielen Jahren daran, dies zu ändern. Gleichwohl ist die Herausforderung ziemlich groß. Unsere Kunden wollen es im Zeitalter des Internets natürlich bequem und schnell haben, andererseits wünschen sie auch hohe Qualität und individuelle Beratung. Diesen Spagat müssen wir schaffen. Vom Kunden her denken, ist aber das A und O!

Unsere Kunden wollen es im Zeitalter des Internets natürlich bequem und schnell haben, andererseits wünschen sie auch hohe Qualität und individuelle Beratung. Diesen Spagat müssen wir schaffen.Volker Spietenborg

Frage:
Können Sie uns ein konkretes Beispiel dafür geben?

Volker Spietenborg:
Wir sind schon lange keine Produktverkäufer mehr. Wir gehen nicht in ein Gespräch rein und wissen vorher schon, was wir verkaufen. Sondern wir versuchen, unsere Kunden zu verstehen. Was sind ihre Ziele? Was sind ihre Wünsche? Welche Bedürfnisse haben sie? Die jeweiligen Antworten gilt es dann zu analysieren, um daraus die bestmögliche Lösung für den Kunden zu finden. Aber natürlich müssen wir besser werden in der Erreichbarkeit auf allen Kanälen und zu jeder Zeit. Kunden müssen zum Beispiel am Wochenende ihre Wünsche und Anliegen so adressieren können, dass diese am nächsten Arbeitstag – ohne Informationsbruch – zügig durch die Bank weiterverarbeitet werden können. Zudem muss der Kunde immer in Kenntnis gesetzt werden, wo der Prozess steht – wir kennen das doch schon von den Versanddienstleistern.

Frage:
Sie sind bei der Volksbank Freiburg für den Bereich Firmenkunden verantwortlich. Verändern sich vor dem Hintergrund der genannten Rahmenbedingungen gerade die Anforderungen an die Beratung bei Finanzierung, Existenzgründung oder Unternehmensnachfolge?

Volker Spietenborg:
Im Grunde nicht. In der Beziehung zwischen Unternehmer und Bank ist es nach wie vor wichtig, das Geschäftsmodell des Unternehmers zu kennen. Gleichwohl kommt es auch darauf an, dem Kunden die Herausforderungen der Bank im derzeitigen Zinsumfeld zu erklären. Gegenseitiges Verständnis für die geschäftlichen Belange des jeweiligen Partners zu wecken und dabei eine Vertrauensbasis aufzubauen – das ist nach wie vor essenziell.

Frage:
Lassen Sie uns einen Blick in die Glaskugel werfen: Wie wird Ihrer Meinung nach der Bankenmarkt in 50 Jahren aussehen?

In fünf bis sieben Jahren wird es deutlich weniger Bankenstandorte und deutlich weniger Banken geben.Volker Spietenborg

Volker Spietenborg:
50 Jahre sind natürlich eine lange Zeit. Mit Blick auf die Negativzinsphase beziehungsweise Niedrigzinsepoche und die begleitende Regulatorik wird es bereits in fünf bis sieben Jahren gravierende Veränderungen in der Bankenlandschaft geben. Konkret heißt das: deutlich weniger Bankenstandorte und deutlich weniger Banken.

Frage:
Es findet also eine Bereinigung auf dem Bankenmarkt statt?

Volker Spietenborg:
Genau, entweder werden Banken und Filialen geschlossen oder es finden Fusionen statt. Im Ergebnis bleibt sich das aber gleich.

Frage:
Braucht man auch weniger Banken?

Volker Spietenborg:
Menschen und Unternehmen, also die Volkswirtschaft, braucht weiterhin Banken. Am langen Ende wird es aber aufgrund der Digitalisierung weniger Banken geben.

Frage:
Wird es die Volksbank Freiburg in 50 Jahren geben?

Wenn nicht wir, wer dann?Volker Spietenborg

Volker Spietenborg:
Davon bin ich fest überzeugt und habe dafür auch gute Gründe. Wir gehen die eben genannten Herausforderungen aus der Position der Stärke heraus an. Wir haben stabile und gesunde finanzielle und wirtschaftliche Verhältnisse bei unserer Volksbank Freiburg. Kern unseres Geschäftsgebietes ist das Oberzentrum von Südbaden, wir haben eine ausgewogene Branchenstruktur, Bevölkerungswachstum durch Zuzug und bevorzugte Lebensbedingungen. Wenn nicht wir, wer dann?

Frage:
Gibt es in der Bankenwelt etwas, das heute normal ist, was sie sich aber zu Beginn Ihres Berufslebens nie hätten vorstellen können?

Was ich mir wirklich nie vorstellen konnte, sind Negativzinsen auf Guthaben!Volker Spietenborg

Volker Spietenborg:
Mein Berufsleben begann 1986 mit einer Banklehre. Also vor gut 30 Jahren. Die Technisierung und Digitalisierung konnte ich mir zwar bildlich – wie zum Beispiel ein Smartphone – nicht vorstellen. Aber letztlich bin ich als Kind mit Computern wie Sinclair ZX Spektrum, Commodore C64 und Macintosh groß geworden. Die Entwicklung war irgendwie zwangsläufig. Was ich mir wirklich nicht vorstellen konnte sind Negativzinsen für Guthaben!

Frage:
Gibt es aus der Vergangenheit etwas, das Sie sich zurückwünschen?

Volker Spietenborg:
Im normalen Arbeitsumfeld eigentlich nichts. Aber ich komme wieder auf die Zinsen zurück: Normale Zinsen, so dass Guthaben ordentlich verzinst werden und das Risiko mit einem angemessenen Zins bezahlt wird, das ist wünschenswert.

Frage:
In 50 Jahren feiert die Volksbank Freiburg ihr 200-jähriges Bestehen. Wie werden im Jahr 2076 Bankgeschäfte erledigt – und womit verdient eine Bank dann ihr Geld?

Wenn sie so wollen, müssen wir als Banker die Informationsvielfalt des Internets kundengerecht verdichten und die Verführungen der schnellen Entscheidungen im Internet entschleunigen. Volker Spietenborg

Volker Spietenborg:
Wieder eine Frage mit einem weiten Blick in die Zukunft. Wenn Sie 50 Jahre zurückblicken und dann nur die letzten sieben bis acht Jahre betrachten, wie die Digitalisierung sich rasant entwickelt hat, dann glaube ich, dass Big Data das Entscheidungsverhalten der Menschen stark begleiten wird. Wir als Banker müssen unsere Kunden in finanziellen Angelegenheiten Orientierung geben und die Fähigkeit entwickeln, die jeweiligen Entscheidungen auf die Auswirkungen der zukünftigen Lebensperspektiven zu projizieren. Wenn sie so wollen, müssen wir als Banker die Informationsvielfalt des Internets kundengerecht verdichten und die Verführungen der schnellen Entscheidungen im Internet entschleunigen.

Frage:
Werden Banken noch mit Bargeld handeln?

 

Volker Spietenborg:
Nein, das glaube ich nicht.

Frage:
Warum nicht?

Volker Spietenborg:
Weil das unnötig und teuer ist. Das Smartphone wird irgendwann die Brieftasche ersetzen, warum braucht man da noch Bargeld?

Das Smartphone wird irgendwann die Brieftasche ersetzen, warum braucht man da noch Bargeld?Volker Spietenborg
Bargeldlos einkaufen – die Bezahlsysteme der Zukunft sind digital

Frage:
Zum Beispiel, um sich ein Stück persönliche Freiheit zu erhalten.

Volker Spietenborg:
Das verstehe ich. Da ist die Privatsphäre der Bürger auf der einen Seite und die Bestrebungen der Europäischen Zentralbank (EZB), durch das Wegnehmen von Bargeld einen direkten Zugriff auf die Geldmenge zu haben, auf der anderen Seite. Das sind konträre Positionen. Das Kunden- und Kaufverhalten hat sich aber durch Amazon, PayPal & Co. in unserer konsumorientierten Gesellschaft bereits in den vergangenen vier bis fünf Jahren massiv verändert. Ob in den Urlaub fahren oder etwas anschaffen – Bestellen und Kaufen soll Spaß machen! Und das geht am einfachsten ohne Bargeld: Ein Klick und das Geld ist weg. Die Lust soll lange bleiben und der Schmerz des Bezahlens muss schnell gehen. Und jetzt denken Sie diese Entwicklung einmal 50 Jahre weiter… da hat Bargeld keine Relevanz mehr.

Abschließende Frage:
Unser Alltag wird zumindest gefühlt immer komplexer. Was tun Sie, um den Überblick zu behalten?

Volker Spietenborg:
Ich versuche Aufgabenstellungen und Sachverhalte wirklich zu verstehen und wenn nötig, Fragen zum Verständnis zu stellen. Die daraus getroffenen Entscheidungen müssen zu Ende gedacht werden. Das hört sich banal an. Aber das heißt, wir müssen die Auswirkungen und Konsequenzen unserer Entscheidungen in allen Verästelungen berücksichtigen. Und das ist zuweilen anstrengend, aber absolut notwendig. In Teilen der Gesellschaft vermisse ich diese Grundhaltung.

Das Interview führte Marcus Stradinger
Fotos: Britt Schilling

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