Verbunden und vernetzt

Die Hälfte der Weltbevölkerung ist bereits online – und stündlich kommen neue Verbindungen hinzu. Nicht nur Menschen vernetzen sich. Auch Häuser, Maschinen und ganze Fertigungsstraßen sind „drin“. Doch der Megatrend Konnektivität gebiert bereits eine Gegenbewegung: Achtsamkeit. Denn wer immer online ist, verliert sich selbst …

„Ich bin drin“, staunt Tennis-Legende Boris Becker 1999 in einem Werbespot für den Medienkonzern AOL. Zum ersten Mal – so die Botschaft – hat er sich erfolgreich ins Internet eingewählt. Ohne Probleme, obwohl er doch mit Technik so rein gar nichts am Hut habe. Euphorisch-selbstzufrieden blickt Becker in die Kamera. Motto: Keine Bange, Leute – Internet ist kinderleicht! Sogar der Becker hat sich ins Netz der Netze eingeklinkt.

Es war die Zeit, in der das Internet massentauglich wurde. Binnen weniger Sekunden konnten wir nun dank E-Mail Bilder und Texte austauschen und uns auf Internetseiten aller Couleur umschauen. Findige Internet-Pioniere sicherten sich Web-Adressen mit den Namen großer Unternehmen – um sie dann an genau diese Unternehmen für viel Geld zu verkaufen. Es entstanden Tausch- und Handelsbörsen, Nachrichtenportale, Foren für jede Art von Hobby. Kurzum: Ein neues Medium stand zur Verfügung und brachte Unmengen von Wissen, Daten und Möglichkeiten mit sich.

Thomas Stearns Elliot – Public Domain Wikimedia

Der Literaturnobelpreisträger Thomas Stearns Eliot stellte einst zwei Fragen, die bis heute nachhallen: „Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?“ („Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das uns in der Information verloren ging?“)

Eliot wurde 1888 geboren und starb 1965 – also lange vor dem Internetboom. Doch seine Sätze sind aktueller denn je. Sie bringeneines zum Ausdruck: Wir leben in einer Zeit, in der das uns zur Verfügung stehende Wissen rapide wächst. So schnell, dass es schwierig wird, den Überblick zu behalten. Angelehnt an Eliots Aussagen ist daher später eine dritte hinzugekommen, deren Urheber nicht eindeutig geklärt ist: „Where is the information we have lost in data?“ – „Wo ist die Information, die wir in der Datenflut verloren haben?“

Die Hälfte der Weltbevölkerung ist online

Mittlerweile umkreisen mehr als 1400 Satelliten die Erde und ermöglichen blitzschnellen Datenaustausch. Das ehrgeizige Projekt „OneWeb“ will in den kommenden Jahren Hunderte hinzufügen, um das Internet auch in die entlegensten Winkel unserer Erde zu bringen. Um die Jahrtausendwende gab es nach Angaben von internet live stats weltweit gerade einmal rund 414 Mio. Internetnutzer. 16 Jahre später sind es fast 3,5 Milliarden, nahezu die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung.

  • in Mio. gerundet

Quelle: internet live stats
Im Juli 2016 hatten bereits 46,1 % der Weltbevölkerung Zugang zum Internet. Stündlich kommen Tausende dazu. Auf internet live stats können Sie den Wachstum des Internets und die weltweite Vernetzung live verfolgen: live tracker

Zuletzt ist dieser Trend des explosionsartigen Wachstums von Websites zwar wieder etwas zurückgegangen. Das jedoch nur, weil ein neuer Kommunikationstrend aufgekommen ist, die Nutzung von Apps. Ob Nachrichtenportale oder Plattformen für den Online-Handel: Mehr und mehr wandern Inhalte von klassischen Websites in neuer Form auf mobile Geräte. Gab es beispielsweise im April 2009 rund 35.000 Apps im Angebot des Herstellers Apple, waren es im Juni 2016 bereits zwei Millionen. Hinzu kommen noch Kommunikationsplattformen und Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Xing, die der E-Mail und der Website aus der Pionierzeit des Internets mehr und mehr das Wasser abgraben. Die „Süddeutsche“ sprach 2015 gar vom „schleichenden Tod der Website“.

Tag für Tag prasselt ein Strom von Daten und Botschaften über verschiedene Kanäle auf uns ein und buhlt um unsere Aufmerksamkeit. Zunehmend fällt es schwerer, Informationen zu filtern und einzuordnen.

Daten werden zur Ware

Die Vernetzung, sie nimmt allerorten zu. So sehr, dass auch die Frage an Bedeutung gewinnt, wem wir Zugriff auf unsere Daten und unser privates Netz gestatten. Denn wir kaufen und verkaufen online, buchen online unseren Urlaub, Flüge oder Autos, und googlen vor dem Kauf Testberichte über die neuesten Fernseher. Auf welchen Seiten wir im Internet surfen, was wir einkaufen und wo und wie wir bezahlen: All diese Daten sind für Unternehmen wertvoll. Sie suchen deshalb nach immer neuen Wegen, an diese Informationen zu kommen – was mitunter die Datenschützer auf den Plan ruft. So musste beispielsweise die Hamburger Sparkasse 2010 ein Bußgeld in Höhe von 200.000 Euro bezahlen (N24), weil sie ohne Zustimmung der Kunden externen Finanzberatern Zugriff auf Kundendaten ermöglicht hatte.

Doch der Megatrend Konnektivität spielt auch in anderer Hinsicht eine Rolle: Nicht mehr bloß der Mensch ist vernetzt – auch Maschinen sind es untereinander. Die Technik in einem modernen Wohnhaus ist in der Lage, je nach Sonneneinstrahlung automatisch Jalousien zu bedienen, die Raumtemperatur konstant zu halten oder sogar Lebensmittel nachzubestellen, wenn sie im Kühlschrank zur Neige gehen. Und das selbst fahrende Auto ist keine utopische Vision mehr, sondern Realität geworden. (Artikel: Uber testet selbstfahrende Autos, Zeit Online)

Bereits Realität – vernetzte Haustechnik
Bezahlen mit Smartwatch – wird das Bargeld bald abgelöst?

Das Internet of Things (IoT) beschreibt die Vernetzung intelligenter Geräte über das Internet. Sie können meist über Smartphone-Apps gesteuert und konfiguriert werden. Verschiedene Anwendungsmöglichkeiten sind schon längst Realität:

  • Die Gesundheits-Überwachung (E-Health) über Fitness-Tracker
  • Steuerung und Überwachung von Wohnungen (Smart-Home) über vernetzte Heizungen, Rollläden oder Beleuchtung
  • Selbst fahrende Autos
  • Steuerung ganzer Fertigungsstraßen (Industrie 4.0)

Weltweit mit dem Internet verbundene Geräte
(in Milliarden)
Die Zahl der mit dem Internet verbundenen Geräte könnte, nach Schätzungen von Cisco, bis 2020 von aktuell etwa 18 Milliarden auf 50 Milliarden ansteigen.

Quelle: Cisco, Das Internet der Dinge (2011, S.3)

Die Kommunikation zwischen Maschinen wird die Industrie nachhaltig beeinflussen und verändern – davon ist Steffen Auer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein, überzeugt. „Die Digitalisierung kann dazu führen, dass die gesamte Wertschöpfungskette in meinem Unternehmen automatisierbar wird. Das hieße dann: Der Kunde bestellt digital, die Ware wird automatisch aus dem Hochregal entnommen und dann in einem Lkw transportiert, der in Zukunft womöglich ohne einen Fahrer rollt. Die Ware gelänge dann zum Kunden, ohne dass an irgendeinem Punkt ein Verkäufer ins Spiel kommt“, so der IHK-Chef im „Zukünfte-Interview“.

Digitalisierung von Produktionsprozessen – neue Anforderungen für Produktionsmitarbeiter

Deshalb hat der Megatrend Konnektivität auch große Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Er hat neue Berufsfelder geschaffen; andere dagegen verdrängt er zunehmend. Hilfsarbeiter etwa werden in einem automatisierten Produktionsablauf weniger gebraucht – dafür aber Menschen, die intelligente Maschinen programmieren können.

Wie wichtig Vernetzung für unseren Alltag geworden ist, sehen wir auch tagtäglich auf dem Bahnhof, im Bus, im Café: Der Anblick von Menschen, die mit ihren Mobilgeräten beschäftigt sind, ist nichts Besonderes mehr. Er ist die Regel. Das Internet steckt in unserer Hosentasche. Die ständige Flut von Daten und Informationen befeuert allerdings einen weiteren Trend, welcher der Konnektivität in gewisser Weise entgegen tritt: Achtsamkeit.

Text: Mario Oleschko

„Wer in jeder Sekunde ununterbrochen kommuniziert, kann sich irgendwann
selbst nicht mehr spüren.“Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx

Menschen wollen nicht mehr rund um die Uhr erreichbar sein, suchen nicht permanent nach neuen Nachrichten, sondern nehmen sich bewusst Auszeiten und klinken sich aus dem Netz aus. „Wer in jeder Sekunde ununterbrochen kommuniziert, kann sich irgendwann selbst nicht mehr spüren“, sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx im „Zukünfte“-Interview. „Achtsamkeit heißt: in einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen.“

Matthias Horx zum Thema Digitalisierung

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung?

Wie verändert die Digitalisierung die Lebensqualität?

Wo liegen die Chancen von Industrie 4.0?

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