Urbanisierung: die Magie der Stadt

Sei es die Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben, seien es Kultur und Lebensqualität: Städte ziehen Menschen an. Der Anteil an Menschen, die in der Stadt leben, war nie so hoch wie heute – und er wächst weiter. Das stellt die Städte vor Herausforderungen.

Wenn wir das Wort Mega-City hören, kommen sie uns unweigerlich in den Sinn: riesige Wolkenkratzer, die sich voreinander auftürmen. Ein Panorama von Kolossen aus Stahl, Beton und Glas – miteinander verbunden in einer Art Wettstreit um Größe und Ästhetik. Allein der Burj Khalifa in Dubai (Foto oben), das mit 828 Metern höchste Gebäude der Welt, mutet an wie ein futuristischer, in den Himmel gewachsener Stadtkomplex. Und längst entsteht im saudi-arabischen Dschidda ein ambitionierter Herausforderer: Der Jeddah Tower soll bei Fertigstellung eine Höhe von mehr als einem Kilometer erreichen.

Wenn wir an Mega-Citys denken, haben wir auch Bilder von New York (Foto 1), São Paulo (Foto 2) oder Singapur (Foto 3) bei Nacht vor Augen. Mit Straßen, die wegen Abertausenden von Autos wie Flüsse aus goldenem Licht wirken. Womöglich kommen uns Menschen in den Sinn, die durch belebte Einkaufspassagen flanieren, begleitet vom Blinken aufdringlicher Leuchtreklamen. Oder überfüllte Märkte im Orient, in denen Menschenmassen den Eindruck vermitteln, die Stadt platze aus allen Nähten – was vermutlich sogar stimmt.

Gleich, ob uns diese Bilder nun faszinieren oder eher Unbehagen bereiten: Die Zukunft gehört der Stadt, und damit dem Megatrend Urbanisierung. Denn mittlerweile lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in den Städten – so viele wie nie zuvor. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass dieser Anteil bis 2050 weltweit sogar auf 70 Prozent und mehr steigt.

1950 gab es weltweit nur zwei Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern: Tokio und New York. Gut 60 Jahre später waren es bereits mehr als zwei Dutzend. „Die Menschen rücken überall auf dem Planeten in die Städte ein,“ sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx. „Das heißt: Wir haben wieder viel Platz für Landwirtschaft, aber auch für Wildnis-Gebiete. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts werden wir ungefähr 20 Prozent der gesamten Erdoberfläche als Naturschutzgebiete ausweisen können“, lautet seine optimistische Prognose.

Auffällig ist, dass unter den Top-20 der größten Metropolregionen der Welt nicht eine einzige aus Europa dabei ist. Das hat seine Gründe. Zwar gibt es hier viele altehrwürdige Städte, die  – als florierende Zentren von Kunst und Kultur, Wirtschaft und Wissen, Handwerk und Handel – schon immer Menschen angezogen haben. Doch der Großteil der Bevölkerung lebte jahrhundertelang auf und von dem Land. Mit der Industrialisierung strömten die Menschen in die Städte, denn die dort entstandenen Fabriken versprachen Arbeit. Doch während diese Landflucht in Europa weitgehend abgeschlossen ist, hat sie in Asien, Afrika und Lateinamerika in den vergangenen Jahren deutlich an Fahrt gewonnen. Und sie fällt in eine Zeit, in der zugleich auch die Weltbevölkerung rapide wächst – vor allem in Afrika.

Anteil an der Weltbevölkerung nach Kontinenten, 1950–2100

  • Asien
  • Europa
  • Amerika
  • Afrika
  • Ozeanien

Quelle: UN Population Division 2011 (mittlere Variante);Berechnung BiB

Viele aufstrebende Entwicklungs- und Schwellenländer erleben nun gewissermaßen ihre eigene Industrialisierung. Auch dort wollen die Menschen nun nicht mehr länger auf dem Land leben und strömen in die Städte. Gerade die Metropolen Asiens sind dabei oft nicht langsam gewachsen, sondern nach wirtschaftlichen Überlegungen quasi auf dem Reißbrett entstanden, um dem massiven Drang der Menschen hin zur Stadt zu begegnen.

Die Volksrepublik China beispielsweise erschafft derzeit eine Metropolregion, die so groß ist, dass alle anderen Megastädte neben ihr wie Zwerge wirken. Jing-Jin-Ji lautet der Name dieses Projekts – ein Kunstwort aus den Städtenamen Beijing und Tianjin sowie Ji, dem alten Namen für die Provinz Hebei. Schon bald sollen hier rund 130 Millionen Menschen auf etwa 200.000 Quadratkilometern leben – das entspricht nahezu der dreifachen Fläche von Bayern (70.000 Quadratkilometer).

So weit das Auge reicht – Peking soll das Zentrum der Megacity „Jing-Jin-Ji“ bilden

In armen Ländern lockt die Stadt die Menschen vor allem mit der Hoffnung auf Arbeit und bessere Lebensbedingungen. In wohlhabenderen Ländern indes verspricht sie darüber hinaus mehr Lebensqualität. Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund der gestiegenen Lebenserwartung der Menschen. Eine immer älter werdende Bevölkerung findet die Strukturen, die sie braucht, in der Stadt: ein gutes Netz öffentlicher Verkehrsmittel, ärztliche Versorgung, kulturelle Angebote.

Da in vielen westlichen Ländern die meisten Menschen bereits in den Städten leben, die Bevölkerungsgröße aber insgesamt stagniert oder gar zurückgeht, konkurrieren einzelne Regionen um die Gunst der Bürger. Städte oder Regionen, die hier nicht erfolgreich sind und nicht die gestiegenen Bedürfnisse der Bürger befriedigen können, haben das Nachsehen. Die Folge: Die Menschen ziehen weg – und zwar in der Regel in andere Städte. Arbeitslosigkeit, Streichungen bei öffentlichen Ausgaben und Probleme, die Infrastruktur zu halten, bleiben zurück – was wiederum zu weiterem Wegzug führt. Für manche Regionen ist das ein Teufelskreis.

Attraktive Regionen, darunter Freiburg und das Umland, erleben einen regelrechten Boom (Bevölkerungsprognose Freiburg 2014–2030). Doch der bringt auch für die Gewinner-Städte Herausforderungen mit sich: „Wachsende Stadt heißt (…) auch, dass die Grundstückspreise und in der Folge die Mietpreise steigen, weil die Nachfrage nach Wohnraum größer ist als das Angebot. Und dem kann man nur entgegenwirken, indem man baut. Das ist in vielen Städten schwierig, weil die Flächen, auf denen gebaut werden kann, knapp sind“, sagt Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg. (Zum Interview mit Dieter Salomon)

Doch eine rein funktional-wirtschaftlich ausgerichtete Bauweise mit dicht aneinander gedrängten grauen Plattenbauten ist freilich nicht, was die Bürger sich unter einer attraktiven Stadt vorstellen: „Die Menschen wollen auch in Freiburg später noch ein Stück Grün sehen. Man kann nicht beliebig verdichten. Die Lebensqualität muss erhalten bleiben“, bringt es Bärbel Schäfer auf den Punkt, Präsidentin des Regierungsbezirks Freiburg. (Zum Interview mit Bärbel Schäfer)

Urban Gardening (Zukunftsinstitut) und „Gray City to Green City“ lauten die Devisen: weg von der grauen, tristen Industriestadt und hin zu einem Ort, der die Annehmlichkeiten der Stadt mit grünem Idyll verbindet. Das Ruhrgebiet beispielsweise – der ehemalige „Kohlenpott“ – hat einen regelrechten grünen Wandel vollzogen. Alte Fabriken und Industriegelände sind grünen Oasen gewichen. Die ehemalige Hochregion in puncto Kohle, Stahl und Industrie wartet daher heute mit einer ganzen Reihe von Städten auf, die zu den grünsten der Republik zählen. Die Stadt Essen wurde jüngst von der EU-Kommission gar zur „grünen Hauptstadt Europas 2017“ gekürt.

Westliches Ruhrgebiet – grüner als man denkt

Gray City to Green City

Urban Gardening – grüne Oasen zwischen Beton, Glas und Stahl

Und eine weitere Entwicklung bringt die Urbanisierung mit sich: Sie verändert – zumindest in Deutschland – auch unser Verständnis von dem, was schützens- und erhaltenswert ist. Davon ist Johannes Ullrich überzeugt, Präsident der Handwerkskammer Freiburg: „Künftig werden ganze Städte oder Stadtteile unter Denkmalschutz gestellt. Es wird viel mehr Wert darauf gelegt, Gebäude zu erhalten, die nach heutigen Maßstäben nicht dem klassischen Bild vom Denkmal entsprechen. Die Städtepolitik wird sich in dieser Hinsicht ändern.“

Autor: Mario Oleschko

Schreibe einen Kommentar


Lesen Sie unsere Kommentarrichtlinien