„Für Wachstum ist immer gesorgt“

Steffen Auer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein, erläutert im Interview, welche Entwicklungen auf Industrie und Einzelhandel zukommen – und was den deutschen Föderalismus zum Standortvorteil macht.

Zur Person:

Steffen Auer, Jahrgang 1969, ist seit 2011 Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein. Zudem ist der promovierte Diplomchemiker und Wirtschaftsingenieur Geschäftsführer der Schwarzwald-Eisenhandel Gmbh & Co. KG. Berufliche Stationen waren zuvor The Boston Consulting Group in Zürich und die Novartis Pharma AG in Basel, für die er als Marketingleiter in Stockholm und Prag tätig war. Auer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Frage:
Herr Auer, inwieweit können Sie als Unternehmer und als Präsident der IHK die Zukunft der Region beeinflussen?

Ich brauche eine Art ökologischer Nische, in der ich mit meinem Geschäft überleben kann.Steffen Auer

Steffen Auer:
Das hängt in erster Linie davon ab, wie die Rahmenbedingungen aussehen. Ich kann als Unternehmer nur erfolgreich sein, wenn ich die Rahmenbedingungen erkenne und mich ihnen anpasse. Mit Unternehmen ist es dabei wie in der Biologie: Ich brauche eine Art ökologischer Nische, in der ich mit meinem Geschäft überleben kann. Und wenn sich die Bedingungen ändern, muss ich in der Lage sein, mich anzupassen.

Als IHK-Präsident kann ich mich einmischen, Stellung beziehen und Einfluss nehmen. Damit kann  ich die Standortbedingungen für unsere Mitglieder positiv beeinflussen.

Frage:
Sie gestalten als Unternehmer also weniger selbst, sondern reagieren lediglich auf die Rahmenbedingungen?

Steffen Auer: Das Aktive daran ist, dass ich schauen muss, mit welcher Strategie ich in meiner Nische erfolgreich sein kann. Diese Strategie muss ich dann konsequent verfolgen. Das können drei, vier Erfolgsfaktoren sein – und sie können für jede Industrie, jedes Unternehmen anders sein, sogar für zwei Unternehmen derselben Branche. Das Schwierige ist, herauszufinden, was das eigene Unternehmen voranbringt.

Frage:
Wie finden Sie das heraus?

Die Globalisierung hat eine unglaubliche Härte erreicht.Steffen Auer

Steffen Auer:
Indem ich permanent das Marktumfeld im Blick habe. Ich muss erkennen, wie sich meine Kunden und meine Konkurrenten entwickeln. Ob es vielleicht ein Geschäftsmodell gibt, das mein eigenes bedroht. Ein Beispiel: Schwarzwald-Eisen ist zwar ein regionales Unternehmen, doch der Handel ist so global geworden, dass ich mich beim Stahlpreis nicht mehr an der Region, sondern am internationalen Markt orientieren muss. Die Globalisierung hat eine unglaubliche Härte erreicht. Sie zwingt Unternehmer dazu, Jahr für Jahr effizienter zu werden.

Frage:
Globalisierung, Digitalisierung, Industrie 4.0: All diese Trends haben Sie auch in Ihrer Antrittsrede nach Ihrer Wiederwahl zum Präsidenten der IHK Südlicher Oberrhein hervorgehoben. Wo liegen die Herausforderungen?

Steffen Auer:
Die IHK hat die Unternehmen der Region gefragt: Was sind eure Themen? Da sieht es in den einzelnen Branchen unterschiedlich aus. Der Einzelhandel sieht das Thema Digitalisierung eher im Hinblick auf E-Commerce. Für den Großhandel dagegen ist vor allem die Auflösung der kompletten Wertschöpfungskette ein Thema: dass alles völlig automatisiert werden kann. Ähnliches gilt für die Banken. Im Bereich Industrie – vor allem im Hinblick auf Industrie 4.0 – geht es mehr darum, wie einzelne Produktionseinheiten künftig miteinander kommunizieren, um effizienter zu werden. Maschinen tauschen dabei Informationen aus, anhand derer sie selbstständig handeln. Und im Tourismus geht es vor allem um Tourismus-Plattformen und die Frage, wie sich mit ihrer Hilfe das Marketing optimieren lässt. Die Herausforderungen sind in jeder Branche andere. Auf jeden Fall ist klar, dass die Digitalisierung unser Arbeitsumfeld verändern wird.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt Unternehmen mit dem Projekt „Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ auf ihrem Weg der digitalen Transformation: Zukunftsprojekt Industrie 4.0

Frage:
Das heißt konkret?

Bis 2025 werden uns in der Region rund 25.000 Fachkräfte fehlen.Steffen Auer

Steffen Auer:
Bis 2025 werden uns in der Region rund 25.000 Fachkräfte fehlen. Und die nachrückenden brauchen eine andere Ausbildung: Aufgrund von Digitalisierung, Automatisierung und CNC (Anm. d. Red.: Computerized Numerical Control – ein elektronisches Verfahren zur Steuerung von Werkzeugmaschinen) müssen sie künftig viel mehr leisten und können als heute. Andere Jobs werden im Zuge dieses Wandels wegfallen, etwa die Helfer-Jobs, bei denen nur angelernte Kräfte zum Einsatz kommen.

Frage:
Können kleine mittelständische Unternehmen angesichts dieser Entwicklungen überhaupt noch mithalten?

Steffen Auer:
In den kleineren Städten besteht eine große Gefahr für die Einzelhändler. Eine Lösung für sie könnte sein, E-Commerce stärker mit einzubeziehen. Oder auf besonderen Service zu setzen. Werfen Sie einen Blick auf den Buchhandel: Viele hatten vermutet, die Einzelhändler würden hier untergehen angesichts des Marktriesen Amazon. Aber etablierte Buchhändler, die gute Beratung bieten, bekommen wieder Zulauf. Trotzdem wird es schwieriger werden, in einer Kleinstadt ein Einzelhandelsgeschäft zu führen. Viele Einzelhändler werden sich neu erfinden müssen.

Frage:
Regionale Verwurzelung, dabei jedoch erfolgreich auf den Weltmärkten: Kein anderes Land auf der Welt hat so viele mittelständische Unternehmen, die auch Weltmarktführer sind. Woran liegt das?

Im deutschen Wirtschaftssystem kann ein Mittelständler gut agieren.Steffen Auer

Steffen Auer:
Wir beklagen uns zwar immer, aber letztlich ist das deutsche Wirtschaftssystem eines, in dem ein Mittelständler gut agieren kann. Deutschland ist – im Vergleich mit anderen Ländern – insgesamt sehr föderal aufgestellt. Das Klein-Klein ist bei uns überall erkennbar. Die Möglichkeiten, die ein deutscher Bürgermeister im Vergleich zu einem französischen hat, sind völlig anders. Er kann seine Stadt entwickeln.

Frage:
Klein-Klein? Klingt eher nach viel Bürokratie und damit einem Nachteil …

Steffen Auer:
Es ist mehr Bürokratie, ja. Aber der deutsche Bürgermeister hat viel mehr Macht als der französische, wo alles über Paris läuft. Er kann sein regionales Umfeld unmittelbar verändern. Dasselbe gilt für das Bankensystem. Es ist nur in Deutschland so stark vernetzt – aufgrund der föderalen Strukturen. Das trifft auch auf die Unternehmen zu. Und das ist ein Riesenvorteil. Denn es bedeutet, dass jeder Unternehmer größte Anstrengungen unternimmt, weil er seinen eigenen Betrieb nach vorne bringen will.

Frage:
Hat diese Kleinteiligkeit angesichts der fortschreitenden Globalisierung eigentlich noch eine Chance? Anders gefragt: Bleibt der deutsche Mittelstand auch weiterhin stark, oder können wir uns darauf einstellen, dass es künftig mehr Zusammenschlüsse gibt?

Steffen Auer:
Es braucht beides: den großen Konzern ebenso wie den kleinen Mittelstand. Ich sehe das Ganze allerdings auch weniger unter dem Gesichtspunkt Groß versus Klein. Viel wichtiger ist, dass die Produktion bei uns im Land bleibt. Und ein guter Unternehmer hat immer Chancen, sein Unternehmen voranzubringen – da glaube ich fest dran. Viel gravierender ist das Problem der Unternehmensnachfolge: Viele Kinder von Unternehmern verkaufen lieber, anstatt den elterlichen Betrieb zu übernehmen.

Frage:
Schlagwort Digitalisierung: In vielen Unternehmen verläuft die Umstellung eher schleppend …

Steffen Auer:
Das ist ja ein fließender Prozess. Aber ich sage mal: Bei uns im Großhandel wird das innerhalb der kommenden fünf Jahre umgesetzt – und das wird vermutlich auch generell in der Industrie so sein. Das kann sich allerdings nicht jedes Haus leisten, denn die Kosten sind hoch. Doch zumindest können wir unsere Mitglieder mit unserem Know-how unterstützen. Dafür haben wir das Kompetenzzentrum Industrie 4.0 Südlicher Oberrhein eingerichtet.

Frage:
Müssen wir duch die Digitalisierung mit wegfallenden Arbeitsplätzen rechnen?

Steffen Auer:
Es kostet uns Arbeitsplätze im Bereich der ungelernten Arbeitskräfte. Wir werden aber mehr hochspezialisierte Fachkräfte im Bereich IT oder CNC brauchen. Dass es zu wenig Arbeitsplätze geben wird, diese Sorge habe ich weniger. Eher, dass wir nicht genug Mitarbeiter finden, um die anspruchsvolleren Positionen zu besetzen.

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Frage:
Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwinden mehr und mehr, alternative Arbeitsmodelle entstehen: Wie geht der Mittelstand damit um?

Laut der im Auftrag von Vodafone durchgeführten Befragung „Flexibles Arbeiten: Freund oder Feind?[1] profitieren Unternehmen von der Einführung flexibler Arbeitszeitmodellen:

  • 83% der Unternehmen bestätigten eine höhere Produktivität
  • 61% gaben an, profitabler zu sein
  • 58% berichten von positiven Effekten auf die Arbeitgeber-Reputation
  • 54% stellen eine höhere Mitarbeiterbindung fest

Aber auch für Arbeitnehmer werden flexible Arbeitsmodelle bei der Auswahl eines Arbeitgebers immer wichtiger:

  • 69% der befragten Mitarbeiter gaben an, dass sie eine Stelle ablehnen würden, wenn das Unternehmen keine flexiblen Arbeitsmodelle ermöglicht
  • 61% sind überzeugt davon, dass sie zufriedener mit ihrer Arbeit wären, hätten sie mehr Spielraum bezüglich Arbeitszeit und Arbeitsort

Somit können flexible Arbeitszeitmodelle in Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden.

Zusammenfassung der Ergebnisse
Weitere Informationen zur Studie

[1]:Die Befra­gung „Flexi­bles Arbei­ten: Freund oder Feind?“ wurde vom Markt­for­schungs­un­ter­neh­men Morar (zuvor Redshift Research) im Auftrag der Vodafone Group durch­ge­führt. Insge­samt wurden in sieben Ländern weltweit 2800 Unter­neh­men und 5500 Mitar­bei­ter befragt.

Steffen Auer:
Ich sehe da in erster Linie eine Chance. Weil wir im Unterschied zu einem Konzern sehr viel flexibler reagieren können, wenn wir dazu bereit sind. Hat ein Mitarbeiter eine spezielle Lebensplanung, geht er direkt zum Chef, man diskutiert das und entwickelt eine individuelle Lösung.

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Frage:
Aber ein Konzern kann eine Lücke doch viel einfacher und schneller kompensieren …

Steffen Auer:
Das stimmt. Aber große Unternehmen haben auch eine größere Fluktuation. In einem gut geführten mittelständischen Unternehmen ist die Fluktuation gering. Was man allerdings gerade bei kleinen mittelständischen Unternehmen häufig beobachten kann, ist, dass sie die Personalentwicklung nicht richtig planen. Wir als IHK weisen die Unternehmen immer wieder darauf hin, die Altersstruktur ihres Personals im Blick zu behalten. Und den kleineren gelingt das weniger gut als den großen.

Frage:
Laut Statistischem Bundesamt waren 2014 rund 14 Prozent der 65- bis 69-Jährigen noch erwerbstätig – mehr als doppelt so viele wie 2005, als es lediglich sechs Prozent waren. Länger arbeiten: Ist das ein Zukunftsmodell?

Ältere Arbeitnehmer haben eine unglaubliche Erfahrung und sind in der Lage, innerhalb kürzester Zeit Dinge zu lösen […]Steffen Auer

Steffen Auer:
Ja. Dabei ist wichtig, die älteren Mitarbeiter richtig einzusetzen. Die sind oft nicht mehr so schnell und können im Tagesgeschäft und bei dem damit verbundenen Stress nicht mehr so gut mithalten. Aber sie haben eine unglaubliche Erfahrung und sind in der Lage, innerhalb kürzester Zeit Dinge zu lösen, für die ein junger Mitarbeiter oft mehrere Tage braucht. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht erlauben, auf diese längere Arbeitszeit zu verzichten, weil sonst unser Rentensystem aus dem Ruder läuft. Teilzeit, individuelle Lösungen – als Unternehmer muss man flexibel sein, was die Beschäftigung der Mitarbeiter anbelangt. Und wir brauchen hier eine Politik, die verschiedene Beschäftigungskonzepte möglich macht. Die Regularien in Deutschland machen es den Unternehmen und den Mitarbeitern in dieser Hinsicht derzeit nicht einfach.

Frage:
Ihrer Erfahrung nach: Warum arbeiten die Leute länger? Lässt sich generell sagen, „die wollen“?

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Arbeiten jenseits 65 – mehr Segen als Fluch

Das sagt Matthias Horx dazu:

Steffen Auer:
Nein. Für Mitarbeiter, die jahrelang körperlich sehr hart gearbeitet haben, trifft das nicht zu. Die können nicht mehr – oft auch vor dem 65. Lebensjahr schon nicht. Das verändert sich zwar aufgrund neuer Arbeitsanforderungen – in unserem Unternehmen beispielsweise sind die Lager schon automatisiert – aber diejenigen, die nun 60 Jahre alt werden, haben früher noch selber schwer getragen, und die sind körperlich teilweise am Ende. Da muss die Politik etwas tun.

Frage:
Ein Blick in die Glaskugel. Klassische Industrie, Neo-Ökologie, Dienstleistungssektor: Wo liegt Ihrer Meinung nach künftig der Schwerpunkt?

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie / Statistisches Bundesamt

  • Klassische Diensleistungen
  • Verarbeitendes und produzierenedes Gewerbe
  • Handel, Verkehr, Gastgewerbe
  • Baugewerbe
  • Information- und Kommunikation
  • Land-, Forst- und Fischereigewerbe

Steffen Auer:
Diejenigen, die vorausgesagt haben, dass der Dienstleistung die Zukunft gehört, müssen nur einen Blick auf Großbritannien werfen. Margaret Thatcher hatte damals die Industrieproduktion massiv heruntergefahren mit der Idee, den Finanzdienstleistungssektor stark auszubauen. Wir Deutschen waren zu dieser Zeit als Langweiler verschrien, weil wir im Vergleich nicht so hohe Renditen erwirtschaftet und die Industrie aufrechterhalten haben. Im Nachhinein sieht man: Wenn ein Land die Produktion beibehält, bewahrt es sich auch das Know-how. Deswegen denke ich, dass die Industrieproduktion auch weiterhin ein wichtiger Schwerpunkt ist.

Frage:
In der Schweiz allerdings scheint der Dienstleistungssektor ausgezeichnet zu funktionieren.

Steffen Auer:
Aber auch dort gibt es einen breiten Mittelstand und einen starken Maschinenbau. Allerdings sehe ich ein Risiko, wenn es um die Frage geht, wer denn nun künftig die Wertschöpfung erzielt. Ist es derjenige, der die Maschine baut, oder ist es derjenige, der die Automatisierung, Digitalisierung und den Umgang mit Kundendaten beherrscht? Deutschlands Stärke ist die Industrieproduktion. Das liegt auch an unserer Ausbildung: Bei uns gibt es die duale Ausbildung und das Studium. Im Schnitt beschäftigen die Betriebe in Deutschland zu 15 Prozent Hochschulabsolventen. Der große Rest setzt sich zusammen aus Mitarbeitern mit dualer Ausbildung und einem kleineren Teil ohne entsprechende Ausbildung. Die Maschinen, die wir entwerfen, bauen wir auch selber. Dafür werden Leute gebraucht, die das können. Und genau das läuft bei uns besser als im Rest der Welt. Ausgenommen vielleicht Österreich, Schweiz und Dänemark – Länder, die ebenfalls ein duales Ausbildungssystem haben. Industriemechaniker oder Mechatroniker, so etwas gibt es sonst nirgends. Ein sehr großer Wettbewerbsvorteil, den wir keinesfalls aufgeben sollten.

Meine Vision ist, dass wir als Gesellschaft in Europa nur überlebensfähig sind, wenn wir gemeinsam die offene Gesellschaft und die gemeinsamen Werte der EU aufrechterhalten. Wenn wir innerhalb der EU zusammenarbeiten, sind wir der stärkste Wirtschaftsraum der Welt und Deutschland ist auch in 50 Jahren noch eine wichtige Wirtschaftskraft.Steffen Auer

Frage:
Nach Ihrer Wiederwahl zum IHK-Präsidenten haben Sie gesagt, die Politik müsse wieder auf die Menschen zugehen, sich mit ihren Sorgen und Ängsten auseinandersetzen und eine Vision für die Zukunft aufzeigen. Was ist Ihre Vision von der Region Südlicher Oberrhein in 50 Jahren?

Steffen Auer:
In letzter Zeit wird die Politik nur noch getrieben von Horrorszenarien. Griechenland, Irland, Spanien, Italien: Ständig wurden andere Rettungsschirme produziert in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dann kamen die ganzen Konfliktherde dazu: Syrien, die Krim-Annexion, die Situation in vielen afrikanischen Ländern. Daraus hat sich die Flüchtlingskrise entwickelt. Unsere Politik reagiert nur noch. Und sie kann gar nicht mehr so schnell reagieren, wie sie es eigentlich müsste. Dabei ist die Vision verloren gegangen. Wir brauchen eine Politik, die uns zeigt, wie es mit uns weitergehen soll. Und meine Vision ist, dass wir als Gesellschaft in Europa nur überlebensfähig sind, wenn wir gemeinsam die offene Gesellschaft und die gemeinsamen Werte der EU aufrechterhalten. Wenn wir diese Vision voranbringen, können wir auch wirtschaftlich erfolgreich sein. Wenn wir innerhalb der EU zusammenarbeiten, sind wir der stärkste Wirtschaftsraum der Welt und Deutschland ist auch in 50 Jahren noch eine wichtige Wirtschaftskraft. Tun wir das nicht, kann es sein, dass wir gegenüber anderen großen Partnern mehr und mehr an Bedeutung verlieren.

Frage:
Wenn wir das Tagesgeschehen beobachten, sieht es eher danach aus, dass die Menschen sich von der EU abwenden und hinbewegen zur Abschottung oder Abgrenzung.

Steffen Auer:
Deshalb glaube ich, wir Deutschen haben die Aufgabe, unseren Partnern klarzumachen, dass Gemeinschaftlichkeit der einzige Überlebensweg ist. Viele andere Staaten – das zumindest ist mein Eindruck – verfolgen die Politik, sich lediglich das Beste aus der EU herauszuholen. Das ist der falsche Weg. Alle Mitgliedsstaaten der EU müssen zusammenarbeiten, um das Ganze wieder voranzutreiben. Wenn wir das nicht tun, habe ich Schwierigkeiten, eine positive Zukunft zu erkennen.

Frage:
Sie sprachen bislang als Unternehmer und IHK-Präsident. Was macht der Privatmensch Steffen Auer, um den Überblick zu behalten?

Steffen Auer:
Ich habe die komplette Administration des Hauses und alles, was wir privat machen, an meine Frau übergeben. Und wir sind uns einig: Das Wochenende bleibt für die Familie. Ansonsten gilt für mich: Ich bin ein Priorisierungsfanatiker. Und ich treffe schnell Entscheidungen.

Das Wochenende bleibt für die Familie.Steffen Auer

Frage:
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was bereitet Ihnen Sorge, was macht Ihnen Hoffnung?

Steffen Auer:
Diese Abschottungstendenzen und die Angst und Unzufriedenheit der Menschen bereiten mir Sorgen. Es gibt immer weniger Menschen, die bereit sind, sich für das Gemeinwohl einzusetzen oder dafür Zugeständnisse zu machen. Obwohl es uns noch nie so gut gegangen ist wie heute. Auf der positiven Seite denke ich, dass Deutschland – und ganz besonders unsere Region – alle Voraussetzungen mit sich bringt, um in eine gute Zukunft zu blicken. Unsere Wirtschaft steht hervorragend da. Und wenn es großen, bevölkerungsreichen Ländern wie Indien und China zunehmend besser geht, dann werden auch wir davon profitieren. Für Wachstum ist immer gesorgt.

Das Interview führte Mario Oleschko
Fotos: Michael Bode

 

Matthias Horx im Interview

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Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

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