„Ohne Geld gibt es keine Freiheit der Forschung“

Nicht nur der Bestand an Wissen ändert sich, sondern auch die Art, wie wir damit umgehen. Die Digitalisierung hat neue Techniken und Möglichkeiten mit sich gebracht. Im Interview erörtert Professor Hans-Jochen Schiewer, Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, was das für den Wissenschaftsstandort Freiburg bedeutet – und warum die Universität nie ihre Rolle als Ort des Lernens verlieren wird.

Zur Person:

Professor Dr. Dr. h.c. Hans-Jochen Schiewer, Jahrgang 1955, ist Rektor der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. 1983 schloss er das Studium der Germanistik und Geschichte mit dem Staatsexamen ab und promovierte 1990 zum Dr. phil., 1998 folgte die Habilitation. Nach einer Gastprofessur an der Universität Freiburg in der Schweiz wechselte er 2001 an die Georg-August-Universität Göttingen. 2003 übernahm er die Professur für ältere deutsche Literatur und Sprache an der Albert-Ludwigs-Universität. 2008 wurde er zum Rektor dieser Universität gewählt.

Frage:
„Zukunft ist gestaltbar – aber eben nur zum Teil. Ein Teil bleibt immer offen“, sagt der Trend- und  Zukunftsforscher Matthias Horx. Professor Schiewer, wie bewerten Sie diese Aussage?

Hans-Jochen Schiewer:
Da kann ich zunächst nur simpel „Ja“ sagen. Natürlich können wir die Zukunft nur bedingt gestalten, und von daher ist ein Teil immer offen. Wir kennen nur die Geschichte, wir kennen noch nicht die Zukunft. Aber wir können tatsächlich gestalten – und genau das müssen wir uns zur Aufgabe machen. Und dazu gehören Wissenschaft, Forschung und die Ausbildung junger Menschen.

Frage:
Welche Bedeutung haben Forschung und Lehre für die Weiterentwicklung moderner Gesellschaften?

Hans-Jochen Schiewer:
Das Modell der Forschungsuniversität hat sich in den vergangenen 900 Jahren von Europa aus in der ganzen Welt ausgebreitet. Es ist also offenkundig ein Format von langer Lebensdauer. Aber es verändert sich kontinuierlich. Anfangs gab es bloß Theologie, Rechtswissenschaft und Medizin. Heute sind wir Volluniversitäten, die im Grunde das ganze Spektrum abdecken – von den Lebenswissenschaften über die Ingenieurswissenschaften und die Naturwissenschaften bis hin zu den Geistes-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Forschungsuniversitäten sind Institutionen, in denen wir die gesamte Persönlichkeit bilden wollen. Wir sind keine berufsausbildende Einrichtung in dem Sinne, dass wir ein klares Berufsbild in jedem Fach haben. Uns ist vielmehr wichtig, unsere Studierenden zu kritischem Denken und zu einer systematischen Herangehensweise an Probleme zu befähigen – nicht nur im Hinblick auf ihre eigene Disziplin. Sie sollen über intellektuelle Mobilität verfügen, um sich in dieser Gesellschaft einbringen zu können. In Zukunft werden wir darüber hinaus auch als Weiterbildungsinstitution an Bedeutung gewinnen. Wissen, Methoden und Techniken: All das verändert sich derart rapide, dass eine einmal erhaltene Ausbildung nicht mehr für die gesamte berufliche Laufbahn genügt. Weiterbildung ist ein Muss geworden.

Uns ist wichtig, unsere Studierenden zu kritischem Denken und zu einer systematischen Herangehensweise an Probleme zu befähigen – nicht nur im Hinblick auf ihre eigene Disziplin. […]Hans-Jochen Schiewer

Frage:
Eltern schicken ihre Kinder mehr und mehr aufs Gymnasium, und die Abiturienten strömen in die Universitäten. Industrie, Einzelhandel und Handwerk dagegen suchen mitunter händeringend Auszubildende – die „Zeit“ sprach gar von einem „Akademisierungswahn“. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Entwicklung Studienanfänger an Hochschulen in Baden-Württemberg 2004–2014

  • Tsd.

Hans-Jochen Schiewer:
Es ist seinerzeit ein politischer Wunsch gewesen, dass mehr junge Menschen an Universitäten studieren. Dabei wurde allerdings eines übersehen: Deutschland bietet eine duale Ausbildung, die es in den meisten Ländern der Welt nicht gibt. Die Menschen müssen dort Hochschulen besuchen, wenn sie eine professionelle Ausbildung bekommen wollen. In Großbritannien zum Beispiel kann man daher Gartenbau und Touristik studieren, bei uns sind diese Berufe über das duale System erlernbar. Die Politik unterlag dem Irrglauben, ein hoher Prozentsatz an Studierenden sei eine Art Benchmark im Vergleich mit den anderen Ländern, ein Indikator für die Qualität unserer Ausbildung. Man hat damals die Zahlen in anderen Ländern falsch interpretiert und gedacht, auch in Deutschland müsse man mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs an die Hochschulen bringen. Dabei wurde die duale Ausbildung nicht berücksichtigt. Ich glaube allerdings, dass sich das jetzt ein bisschen austariert hat. Zudem waren wir – zumindest in Baden-Württemberg – klug genug, ein sehr differenziertes Hochschulsystem zu entwickeln.

Frage:
Was unterscheidet denn das Hochschulsystem in Baden-Württemberg von anderen?

Hans-Jochen Schiewer:
Seine Vielseitigkeit. Es gibt bei uns neun Forschungsuniversitäten, zudem 24 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Und mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg haben wir ein Modell geschaffen, das die akademische mit der dualen Ausbildung kombiniert. Die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften bieten zudem eine sehr praxisnahe Ausbildung: Die meisten Ingenieurinnen und Ingenieure kommen inzwischen von dort und nicht von den Forschungsuniversitäten. In Letzteren wiederum führen wir die Studierenden an methodisches, systematisches Arbeiten heran und geben ihnen damit die Kompetenz, Probleme selbstständig zu lösen. Was ich mir für die Zukunft vorstelle, ist eine engere Kooperation mit der IHK, um eine gemeinsame Beratung für Schülerinnen und Schüler anzubieten. Ziel wäre hier, herauszufinden, wo deren Interessen und Stärken liegen, um sie dann gleich auf den richtigen Bildungsweg zu bringen.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit IHK-Präsident Steffen Auer.

Frage:
Eine bessere Beratung vor Ort in den Schulen wünschen sich auch die IHK Südlicher Oberrhein und die Handwerkskammer Freiburg …

Hans-Jochen Schiewer:
Wir können es uns nicht erlauben, dass sich ein Talent oder eine Begabung in die falsche Richtung entwickelt. Wir sind in Deutschland darauf angewiesen, dass wir mit einer hervorragenden Ausbildung das Optimum an Bildungswerten und Kompetenzen aus unserer jungen Generation schöpfen.

Frage:
Die Digitalisierung hat neue Formen des Lernens und Lehrens hervorgebracht. Was bedeutet das für die Universität als Ort des Lernens?

Unibibliothek Freiburg – Bücher werden immer noch gebraucht

Hans-Jochen Schiewer:
Wenn wir mit der gewaltigen Menge an Wissen, über die wir verfügen, etwas anfangen wollen, müssen wir sie strukturieren. Denn nur dann ist sie für uns nutzbar und von Wert. Zudem haben wir gewissermaßen eine Staffelung in den Generationen: Die Generation, die jetzt an der Universität unterrichtet, ist nicht mit der Digitalisierung groß geworden. Wir haben andere Kulturtechniken erlernt, mit denen wir gearbeitet haben, beispielsweise die Kulturtechnik des Tipp-Ex und des Zusammensetzens von Schreibmaschinenseiten und Textbausteinen mit Schere und Kleber. Das ist heute komplett aus der Mode gekommen. Es stellt sich die Frage, ob diese ältere Generation Lernformen anbieten kann, die mit den Computertechniken der jüngeren Generationen und der digitalisierten Welt kompatibel sind. Ist die Orientierung im Gedruckten nicht vielleicht doch eine Kulturtechnik, die uns leichter gelingt als die Orientierung auf einem Bildschirm? All das ist noch nicht hinreichend durchdacht und erforscht. Aber wir nehmen die Herausforderungen an, die sich uns mit der Digitalisierung stellen, gehen unseren Weg konsequent und entwerfen Angebote, mit denen wir den größten Lernerfolg erzielen.

Ist die Orientierung im Gedruckten nicht vielleicht doch eine Kulturtechnik, die uns leichter gelingt als die Orientierung auf einem Bildschirm?Hans-Jochen Schiewer

Frage:
Können Sie uns ein Beispiel für solche Angebote geben?

Hans-Jochen Schiewer:
Wir haben beispielsweise Online-Studien-Assistenten für fast alle wichtigen Fächer aufgelegt, in denen die Interessentinnen und Interessenten ausprobieren können, was es bedeutet, das jeweilige Fach zu studieren. Wir verfügen über eine zentrale E-Learning-Plattform für die gesamte Universität und bieten weiterbildende Online-Masterstudiengänge an. Außerdem haben wir Konzepte für E-Klausuren entwickelt – also Klausuren in digitaler Form. Doch trotz neuer Strukturen und Angebote darf eines nicht außer Acht gelassen werden: Die intellektuelle Auseinandersetzung findet zwischen Menschen statt. Wer zu Hause lernt, kann zwar Wissen erwerben. Aber Techniken, Problemlösungen, Methodik: All das vollzieht sich im Gespräch, im Seminar, im Praktikum. Deswegen wird die Universität als Diskursraum nie verschwinden. Denn wir müssen neue Ideen diskutieren, in einem spontanen Dialog mit Kolleginnen und Kollegen und Studierenden durchdenken, weiterentwickeln, auf den Prüfstand stellen.

Frage:
Aber es gibt doch mittlerweile genug Möglichkeiten, digital in Verbindung zu treten, beispielsweise über Videokonferenzen. Wir sind nicht mehr an den Ort des Lernens gebunden.

Hans-Jochen Schiewer:
Das ist richtig. Aber vergessen Sie nicht, dass dennoch eine gewisse Distanz besteht, die es schwierig macht, bestimmte wichtige Kulturtechniken umzusetzen. Wenn Sie an einer Videokonferenz teilnehmen, nehmen Sie Ihr Gegenüber wahr, aber Sie erfassen nicht das ganze Setting. Sie erleben nicht die Reaktionen der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir lesen aus dem Gesicht, der Körperhaltung. Und aus der Vielfalt dieser Wahrnehmungen bündeln wir Informationen und ziehen Rückschlüsse. Das ist ein Potenzial, das bisher keine Maschine leisten kann. Und über die distanzierten digitalen Kommunikationsformen können wir dieses Potenzial nicht komplett nutzen. Daher bin ich fest davon überzeugt, dass auch Sie es schätzen, dass wir beide dieses Interview vis-à-vis im selben Raum führen und nicht via Skype.

Frage:
Bleiben wir beim Thema Wissenskultur: Das Idealbild dieses Megatrends ist ja, dass alles Wissen quasi auf Knopfdruck überall und jederzeit verfügbar ist – egal in welchem Bereich. Wie nah kommen wir in Deutschland und im Speziellen in Baden-Württemberg an dieses Ideal heran?

Hans-Jochen Schiewer:
Dazu müssten wir erst einmal klären, was wir alles unter Wissen verstehen. Früher hatten wir im gutbürgerlichen Zuhause einen 20-bändigen Brockhaus stehen; das war sozusagen unser Wissensschatz. Das Universallexikon wurde jedoch von Wikipedia und anderen Formen der Wissensschöpfung verdrängt. Aufgekommen ist dabei das Problem von Big Data: Wir haben gewaltige Datenmengen angesammelt – und die befinden sich auch nicht komplett im Besitz einzelner Menschen oder öffentlicher Institutionen. Die größten Datenmengen gehören den großen IT-Unternehmen aus den USA. Und diese Unternehmen setzen diese Daten auch ein. Auf der anderen Seite produzieren wir natürlich auch in der Forschung inzwischen riesige Datenmengen. Das Problem ist also: Wie organisieren wir das verfügbare Wissen so, dass es in einer vernünftigen, konsumierbaren und auch präzise abfragbaren Form verfügbar wird? Wir haben noch bei Weitem nicht die Methodik entwickelt, diesen riesigen Wissensbestand – selbst wenn er völlig frei verfügbar ist – auch nutzen zu können. Hinzu kommt, dass wir uns die Frage stellen müssen: Wie viel von diesem Wissensbestand bewahre ich eigentlich auf – und wie lange? Das berührt dann die Bereiche Datenschutz und Archivierung.

Serverfarmen speichern riesige Datenmengen

In Rechenzentren wird die Menge der weltweit gespeicherten Daten bis 2020 auf 915 Exabyte anwachsen (Quelle: Cisco). Dies entspricht etwa der 4575-fachen Datenmenge aller jemals gedruckten Bücher.

Wir haben noch bei Weitem nicht die Methodik entwickelt, diesen riesigen Wissensbestand […] auch nutzen zu können.Hans-Jochen Schiewer

Frage:
Wissenskultur ist also mehr und mehr eine Frage von Wissensmanagement?

Hans-Jochen Schiewer:
Ja. Und Wissensmanagement wiederum beruht auf Forschung. Sie müssen Forschung betreiben, um herauszufinden, wie Sie beispielsweise optimale Rechnerkapazitäten schaffen und das Wissen so strukturieren, dass es sinnvoll abrufbar wird.

Frage:
Anderes Thema: Was müssen Studierende heute mitbringen, um an einer Universität erfolgreich zu sein – verglichen mit den Studierenden vor 15, 20 Jahren?

Hans-Jochen Schiewer:
Neugier, Begeisterung und Engagement sind nach wie vor zentrale Eigenschaften für den Erfolg an einer Universität – und ich spreche jetzt nur von der Universität. Denn bei uns geht es eben nicht darum, Wissen zu reproduzieren, sondern problemlösend und eigenständig denken zu können. In dieser Hinsicht haben sich die Voraussetzungen nicht geändert. Allerdings sind heute mehr Menschen formal für Hochschule und Universität qualifiziert, und gleichzeitig treffen wir in vielen Fällen auf Studierende, welche die zuvor genannten Voraussetzungen nicht mitbringen. Sie erwarten einen durchstrukturierten Lehrplan und wollen genau wissen, was sie lernen müssen, um ihre Klausuren bestehen zu können. Das ist eine Einstellung, die nicht zur Universität passt.

Matthias Horx zur neuen Wissenskultur

Frage:
Ist diese Entwicklung nicht vor allem dem Bologna-Prozess geschuldet?

Der Bologna-Prozess bezeichnet eine transnationale Hochschulreform und geht zurück auf eine 1999 von 29 europäischen Staaten unterzeichnete freiwillige Selbstverpflichtung zur Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraums. (Sorbonne-Erklärung)

Ziele dieser Hochschulreform waren unter anderem die Einführung von Bachelor und Master als berufsqualifizierende Studienabschlüsse sowie ein europäisch einheitlicher Qualitätsstandard im Hochschulbereich.
Weitere Informationen:
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Wikipedia: Der Bologna-Prozess

Hans-Jochen Schiewer:
Natürlich ist dieses Dilemma zum Teil auch den Strukturierungen geschuldet, die der Bologna-Prozess mit sich gebracht hat. Dass die gesamte Bildungsbiografie eines Studierenden an der Universität für seinen Abschluss relevant ist, habe ich immer für wünschenswert gehalten. Dass also alle Leistungen im Studium zu einem Schlussergebnis akkumuliert werden – und eben nicht bloß auf der Grundlage einer einstündigen mündlichen Prüfung, einer vierstündigen Klausur und einer größeren schriftlichen Arbeit am Ende des Studiums bemessen werden. Aber jetzt, nach Einführung des neuen Systems, erleben wir, dass es auch unerwünschte Nebeneffekte hat: Die Studierenden erleben es als Dauerstress und wären dankbar, wenn sie wieder nur am Ende geprüft würden. Es muss uns gelingen, einerseits die neuen Strukturvorgaben zu erfüllen, andererseits aber auch den neugierigen, bildungshungrigen und auch für andere Disziplinen offenen Studierenden wieder zurückzubekommen.

Frage:
Wie wollen Sie diesen Spagat angehen?

Hans-Jochen Schiewer:
Wir haben in Freiburg als einzige große deutsche Universität einen Bachelor in Liberal Arts and Sciences aufgelegt. Das ist ein vierjähriges Programm, in dem die Studierenden im ersten Jahr zunächst einmal lernen, welche Techniken und Methoden Geistes-, Sozial-, Wirtschafts-, Natur- und Rechtswissenschaften verwenden – und wie sie an ihre Probleme herangehen. Auf dieser Basis entscheiden die Studierenden dann, wo sie ihren Schwerpunkt für das weitere Studium setzen. Hinter dem Bologna-Prozess und auch dem G8 (achtjähriges Gymnasium anstatt neun Jahren, Anm. der Red.) steckte damals vor allem ein Gedanke: Strukturen zu schaffen, die dafür sorgen, dass junge Menschen schon mit Anfang 20 ihr Studium abgeschlossen haben. Doch damit sind zwei Probleme aufgetreten: Zum einen wurde in den Schulen der Stoff, der bisher auf neun Jahre verteilt war, in acht Jahre gestopft. Mittlerweile hat man erkannt, dass die Rechnung so nicht aufgeht. Und an den Universitäten ist bei den Studierenden der Eindruck entstanden: „Ich muss das Studium in drei beziehungsweise fünf Jahren geschafft haben.“ Das hat Druck erzeugt. Und dieser Druck äußert sich darin, dass die Studierenden arbeitsoptimiert denken: „Was muss ich gelernt haben, um in diesem Zeitraum mein Studium erfolgreich abschließen zu können?“ Das geht zulasten der Neugierde. Hinzu kommt, dass die Universitäten von den Ländern keine zusätzlichen Ressourcen bekommen haben, um das Bachelor-Master-Modell und all die damit verbundenen Umstrukturierungsprozesse umzusetzen.

[…] Druck äußert sich darin, dass die Studierenden arbeitsoptimiert denken: ,Was muss ich gelernt haben, um in diesem Zeitraum mein Studium erfolgreich abschließen zu können?‘ Das geht zulasten der Neugierde.Hans-Jochen Schiewer

Frage:
Sie sprechen das Thema Kosten an. Die Universität Freiburg steckt mitten im Rennen um die Exzellenz. Inwieweit sind denn die damit verbundenen Fördergelder wichtig für die Universitäten?

Ausgabenentwicklung für Lehre und Forschung der Universitäten und Gesamthochschulen in D 2000–2013

  • In Mio. €

Hans-Jochen Schiewer:
Mehr als eine halbe Milliarde Euro, die in Deutschland zusätzlich für die Universitäten als Forschungsmittel zur Verfügung gestellt werden, sind ein substanzieller Beitrag, der Unterschiede entstehen lassen kann. Das Modell in Deutschland beruht darauf, dass die deutschen Universitäten einerseits vom Steuerzahler finanziert werden und andererseits ihre Forschungsleistung dadurch unter Beweis stellen, dass sie ständig im Wettbewerb Mittel einwerben. Freiburg als Spitzenuniversität wirbt jedes Jahr 180 Millionen Euro ein. Ohne diese Mittel könnten wir keine Spitzenforschung machen, aus der Grundfinanzierung wäre das undenkbar. In Deutschland war man immer der Meinung, die Qualität der Universitäten unterscheide sich nicht. Aber das stimmt ja nicht, es gab immer Hierarchien. Und künftig wird es in Deutschland eine „Premier League“ von elf plus X Universitäten geben – und zwar auf Dauer. Alle sieben Jahre müssen sich diese Universitäten evaluieren lassen. Aber solange sie die entsprechenden Voraussetzungen weiter erfüllen, bleiben sie in dieser Liga und steigen nicht ab. Und dafür, dass sie oben ist, bekommt eine Spitzenuniversität 15 Millionen Euro – für Maßnahmen, um sie weiter in der Spitzengruppe konkurrenzfähig zu machen, auch im internationalen Vergleich. Ein solches Modell gab es in Deutschland noch nie.

Frage:
Sehen Sie Nachteile in dieser Wettbewerbssituation?

Hans-Jochen Schiewer:
Natürlich! Weil wir die Leistung Jahr für Jahr steigern müssen, ist die Belastung hoch. Diese Steigerung beruht darauf, dass wir hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ausgezeichneten Forschungsprogrammen und Forschungsdesigns haben. Dahinter steckt jede Menge Arbeit, und die kostet Geld. Wenn die Universität im Exzellenzwettbewerb erfolgreich ist, fließt dieses Geld in die Forschung. Aber die Grundstruktur wächst dann nicht mit. Das heißt: Wir haben beispielsweise im technischen Gebäudemanagement und in den verschiedenen Verwaltungseinheiten nur eine bestimmte Anzahl an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich nicht erhöht. Die Fläche und das Angebot an passenden Räumen für Forschung und Lehre wachsen ebenfalls nicht so schnell wie unsere Forschungsleistung. All das kann die Universität – wenn sie erfolgreich ist – in eine sehr schwierige Lage bringen. Wenn sie die Hälfte des Gesamthaushaltes aus eingeworbenen Mitteln decken muss, besteht ein strukturelles Ungleichgewicht.

Weil wir die Leistung Jahr für Jahr steigern müssen, ist die Belastung hoch. Diese Steigerung beruht darauf, dass wir hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ausgezeichneten Forschungsprogrammen und Forschungsdesigns haben. Dahinter steckt jede Menge Arbeit, und die kostet Geld.Hans-Jochen Schiewer

Zudem: Wir haben mittlerweile ein Wissenschaftsmanagement aufgebaut, das es früher an deutschen Universitäten überhaupt nicht gab. Schließlich müssen wir uns ja auch an den Förderrichtlinien und dem, was gerade gefördert wird, ausrichten. Und da muss man sich natürlich auch entscheiden, auf welchen Zug man aufspringt. Dahinter steht die Frage: Wie weit lasse ich mich in meiner Forschung fremdbestimmen, weil dafür gerade Geld zur Verfügung steht?

Frage:
Ihr Wunsch wäre also: weniger Politik und mehr Freiheit für die Uni?

Hans-Jochen Schiewer:
Mehr Geld! Im Grundgesetz ist die Freiheit von Forschung und Lehre verankert. Ich würde gerne einmal wissen, was das im Hinblick auf Budgets bedeutet: Wie viel Geld muss ich eigentlich einer Institution zur Verfügung stellen, um tatsächlich die Freiheit von Forschung und Lehre garantieren zu können? Wann habe ich die Grundfinanzierung so definiert, dass ich Freiräume habe, ohne darauf angewiesen zu sein, ständig Mittel einzuwerben? Ohne Geld habe ich auch keine Freiheit.

Frage:
Entwicklung der Region, Zukunft der Universität Freiburg: Was muss Ihr Haus schaffen?

Hans-Jochen Schiewer:
Wir sind die Institution, die – kooperativ mit anderen Einrichtungen – das Beste aus dem Wissenschaftsstandort Freiburg herausholen muss. Dafür arbeiten wir zum Beispiel intensiv mit der Fraunhofer-Gesellschaft zusammen. Wir haben gemeinsam mit der Gesellschaft und mit den fünf Fraunhofer-Instituten vor Ort ein Leistungszentrum für Nachhaltigkeitsforschung entwickelt. Die Projekte dort finden auch unter Beteiligung der Industrie statt. Zudem haben wir mit Fraunhofer ein neues Institut für Nachhaltige Technische Systeme an unserer Technischen Fakultät gegründet, verbunden mit dem Studiengang Embedded Systems Engineering. Es gibt nur eine Zukunft für Freiburg, wenn Stadt und Universität sie gemeinsam entwerfen. Denn stellen Sie sich Freiburg ohne Wissenschaft vor! Ein großer Schritt wurde bereits gemacht: Die Oberrhein-Universitäten – Basel, Mulhouse, Straßburg, das Karlsruher Institut für Technologie und Freiburg – sind jetzt ein europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit. Das bedeutet, dass der Oberrhein zu einem der wichtigsten – wenn nicht zum wichtigsten – kontinentaleuropäischen Wissenschaftsstandort wachsen kann.

Es gibt nur eine Zukunft für Freiburg, wenn Stadt und Universität sie gemeinsam entwerfen.Hans-Jochen Schiewer
Die Universität Freiburg – wichtig für die Zukunft der Stadt Freiburg
Wir sind die Institution, die – kooperativ mit anderen Einrichtungen – das Beste aus dem Wissenschaftsstandort Freiburg herausholen muss.Hans-Jochen Schiewer

Frage:
Ein Blick in die Glaskugel: Wird Studieren in 50 Jahren etwas kosten?

Hans-Jochen Schiewer:
Kurz und knapp: Ja!

Frage:
Tag für Tag werden wir mit Informationen bombardiert, überschüttet. Wie behalten Sie als Privatmensch den Überblick in dieser Datenflut?

 

Hans-Jochen Schiewer:
Durch ständige Priorisierung. Ich setze immer Prioritäten – und die werden dann abgearbeitet. Das bedeutet, dass es auch Dinge gibt, die unter Umständen liegen bleiben.

Letze Frage:
Wenn Sie an die Zukunft denken, was macht Ihnen Angst – und was macht Ihnen Hoffnung?

Hans-Jochen Schiewer:
Sorge bereitet mir vor allen Dingen die neue Kultur des Populismus. Die Ignoranz gegenüber Wissen, die Lebensgestaltung durch Behauptungen und Annahmen, die nicht auf gesicherter Erkenntnis beruhen. Und, ebenfalls damit verbunden, eine für Europa – aus meiner Sicht – vierte Renaissance des Nationalstaats. Ich bin geprägt als Berliner, und als Berliner war ich immer Weltbürger. Insofern bedrückt mich, was ich jetzt an Entwicklungen sehe: Sei es in Polen, Ungarn, Frankreich oder in anderen Ländern. Ich hoffe, dass die Entwicklung, die wir jetzt leider auch in Deutschland beobachten können, beherrschbar bleibt. Dass die Werte und die Qualitäten, die wir uns nach 1945 hier in Europa erarbeitet haben, wieder geschätzt und gewürdigt werden und die Menschen erkennen, dass sie damit ein Gut haben, das nicht leichtfertig verspielt werden darf. Die Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge war richtig. Ein Land wie Deutschland kann sich das leisten. Wir haben schon lange vor dieser Grenzöffnung eine multikulturelle Gesellschaft gehabt. Und damit müssen wir uns auseinandersetzen: Wie gehen wir in der Zukunft mit dieser multikulturellen Gesellschaft um? Meine Hoffnung ist, dass wir für ein Zusammenleben in einer solchen Gesellschaft die passenden Konzepte finden.

Das Interview führte Mario Oleschko
Fotos: Patrick Seeger

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