„Menschen sind nicht digital, Menschen sind analog“

Vertrauen, Kompetenz, Glaubwürdigkeit – Volksbank-Vorstand Stephan Heinisch ist überzeugt davon, dass genossenschaftliche Banken auch im Zeitalter von Niedrigzins und Regulatorik eine wichtige Rolle spielen können. Mehr dazu lesen Sie im Zukünfte-Interview.

Zur Person:

Stephan Heinisch, geboren 1966 in Langenhagen, ist seit 2009 Vorstandsmitglied der Volksbank Freiburg eG und zuständig für Privatkundengeschäft, Vertriebsmanagement sowie Depot A / Eigenhandel.

Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Heinisch bis 1994 Wirtschaftswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover. Anschließend folgten Anstellungen bei der Sparkasse Leipzig (Sachsen) und der Stadtsparkasse Wedel (Schleswig-Holstein). Von 2001 bis 2005 war Stephan Heinisch zunächst  Leiter Regionalmarkt mit Schwerpunkt Firmenkunden bei der Sparkasse Schwarzwald-Baar in Villingen-Schwenningen und später Leiter Vertriebsmanagement und stellvertretendes Vorstandsmitglied. Danach erfolgte der Wechsel in seine jetzige Position bei der Volksbank Freiburg.

Neben seiner Tätigkeit als Vorstand ist Heinisch auch Gutachter sowie nebenberuflicher Dozent an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen. Der gebürtige Niedersachse lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern in Freiburg-Tiengen.

Volksbank Freiburg:

Die Volksbank Freiburg eG mit Hauptsitz in Freiburg im Breisgau zählt zu den großen Genossenschaftsbanken in Deutschland. Das Kreditinstitut verfügt über 31 Filialen, eine Hauptstelle sowie 14 SB-Filialen und betreut mehr als 140.000 Kunden im Geschäftsgebiet zwischen Kaiserstuhl, Hochschwarzwald und Stadt Freiburg. Derzeit arbeiten rund 518 Mitarbeiter bei der Volksbank Freiburg, davon 24 Auszubildende. Die Bilanzsumme liegt bei rund drei Milliarden Euro. Die Volksbank Freiburg geht auf die Freiburger Gewerbebank zurück, die 1867 gegründet wurde.

„Vertrauen ist die radikalste Vereinfachung in einer immer komplexer werdenden Welt“, sagt Stephan Heinisch, Vorstand der Volksbank Freiburg. Er ist überzeugt davon, dass auch in Zukunft das vertrauensvolle persönliche Gespräch zwischen Bankberater und Kunde durch nichts zu ersetzen ist.

Frage:
Herr Heinisch, welche Einflüsse verändern die Banken derzeit am stärksten?

Stephan Heinisch:
Wir reden hier von drei Themen: Das eine Thema ist Digitalisierung, wobei das nicht so dramatisch ist, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Dort tauchen zwar neue Wettbewerber auf – sogenannte FinTechs –,  die zwar den Convenience-Gedanken ins Netz tragen, aber meist über kein belastbares Geschäftsmodell verfügen. Die knabbern bei uns an der linken und rechten Seite, aber letztendlich bedroht ist dadurch unser Geschäftsmodell nicht. Diese Trends kann man adaptieren und das tun wir auch. Wir sind darin stellenweise auf Marktstandard, ohne dass irgendjemand das nach außen so kommuniziert. Da müssen wir selber noch aktiver werden.

Frage:
Bleiben Thema zwei und drei …

Stephan Heinisch:
Richtig, denn die Themen Niedrigzins und Regulatorik treiben uns wirklich um. So wie es aussieht, handelt es sich bei der Niedrigzinsphase nicht nur um ein Phänomen, das man in ein, zwei Jahren abhaken kann. Das scheint  ein dauerhaftes Ereignis zu sein, das uns mindestens noch für die nächsten fünf bis zehn Jahre beschäftigen wird. Und dabei kommen alle Banken erheblich unter Druck. Das Problem bei der Regulatorik ist, dass sie uns viel Geld kostet und uns Vorgaben auferlegt werden, durch die wir nicht mehr unternehmerisch frei entscheiden können.

Frage:
Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?

Stephan Heinisch:
Zum Beispiel sind wir nicht mehr frei in der Anlage unserer Einlagenüberschüsse. Es gibt eine Kennziffer, die uns zwingt, Staatsanleihen zu kaufen, auch wenn man der Meinung ist, dass Staatsanleihen vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss sind, sondern auch entsprechend Risiken bergen. Darüber hinaus sind diese Staatsanleihen momentan nur mit Negativrenditen zu erwerben. Das kostet uns also Geld und beschränkt uns in unserer unternehmerischen Freiheit.

Frage:
Wie lange wird die Europäische Zentralbank die Niedrigzinspolitik noch betreiben?

Stephan Heinisch:
Noch eine ganze Weile, befürchte ich. Zumindest wenn man den frei zugänglichen Forecast der EZB im Internet zugrunde legt. In der regelmäßigen Vorausschau auf die Inflationsrate in fünf Jahren wird fürs vierte Quartal 2021 eine Inflationsrate von 1,8 Prozent prognostiziert. Wir wissen, dass das Inflationsziel der EZB bei zwei Prozent liegt. Da wir diesen Wert laut Voraussage in fünf Jahren nicht erreichen werden, gibt es auch keinen Grund für die EZB, ihre Niedrigzinspolitik zu verändern.

Frage:
Welchen Einfluss hat die Ankündigung von US-Notenbank-Chefin Janet Yellen, den Leitzins schrittweise erhöhen zu wollen?

Stephan Heinisch:
Das hat für Europa kaum Einflüsse, weil beide Wirtschaftsräume momentan zu sehr auseinanderdriften. Und deswegen macht Frau Yellen die Geldpolitik, von der sie meint, dass sie richtig ist für die USA. Und Herr Draghi muss die Geldpolitik machen, von der er meint, dass es die richtige für Europa ist. Es macht aus europäischer Sicht keinen Sinn, sich an die Zinserhöhungen in den USA dranzuhängen.

Herr Draghi muss die Geldpolitik machen, von der er meint, dass es die richtige für Europa ist. Es macht keinen Sinn, sich an die Zinserhöhungen in den USA dranzuhängen.Stephan Heinisch

Frage:
Welche Möglichkeiten hat eine Bank überhaupt, um erfolgreich durch die Niedrigzinsphase zu kommen?

Stephan Heinisch:
Wachstum hilft immer. Wir müssen schauen, dass wir weiter kontinuierlich wachsen. Unsere Volksbank muss in der Wahrnehmung der Menschen in Freiburg und Umgebung, im Schwarzwald sowie am Kaiserstuhl die Nummer eins in Sachen Finanzberatung sein. Über eine kompetente und umfassende Beratung, die anders ist als bei allen anderen Banken, müssen wir uns weiterhin Marktanteile dazuerobern. Wesentlich neue Geschäftsfelder sehe ich derzeit persönlich nicht. Grundsätzlich sollte man immer das machen, was man besonders gut kann. Und Beratung können wir besonders gut, da steckt noch viel Potenzial drin. Gleichzeitig müssen wir natürlich schauen, dass uns die Kosten nicht davonlaufen.

Frage:
Lassen Sie uns noch einmal über FinTechs und das veränderte Kundenverhalten reden. Wo sind FinTechs besser als traditionelle Banken?

Als FinTechs bezeichnet man Unternehmen, die durch den Einsatz neuartiger, digitaler Finanztechnologien traditionelle Dienstleistungen von Banken und Versicherungen bedienen. Die zumeist als Start-ups gegründeten und mit viel Risikokapital ausgestatteten FinTech-Unternehmen konzentrieren sich darauf, bestehende etablierte Geschäftsprozesse und Produkte im Finanz- und Versicherungswesen durch technologische Innovationen effizienter und rentabler zu gestalten. Ziel ist es, bestehende Finanzdienstleistungen zu verbessern, zu unterstützen oder gar abzulösen. Häufig kommen diese Unternehmen ursprünglich aus dem Nichtbankenbereich.

Beispiele solcher Lösungen sind mobile Bezahllösungen (Mobile-Payment), Social-Trading-Plattformen, Online-Marktplätze für die Vergabe von oder Investitionen in Privat- und Unternehmenskredite (Peer-To-Peer-Lending, Crowdlending), Social Banking oder Online-Portfolio-Management-Systeme.

Bekannte deutsche FinTech-Unternehmen sind zum Beispiel Payleven (Mobile-Payment), Kreditech (Big-Data-Analysen zur Kreditwürdigkeit), Auxmoney (Crowdlending-Plattform) und Fidor Bank (Online-Direktbank). Laut einer FinTech-Studie von Ernest & Young agieren in Deutschland ca. 250 FinTech-Unternehmen (Stand 03.2016)

Quellen: Wikipedia, Handelsblatt

Stephan Heinisch:
FinTechs sind auf jeden Fall schneller als wir, so kommen wir ein bisschen in Umsetzungsstress. Letztendlich brauchen wir uns aber gegenseitig. Ohne Kooperationen mit Banken wird das in Zukunft für FinTechs nicht klappen.

Frage:
N26 ist so ein FinTech-Unternehmen: Das Berliner Start-up hat binnen eines Jahres rund 200.000 Kunden gewonnen, ist in Besitz einer Vollbanklizenz, will ein Marktplatz für Bankprodukte werden …

Stephan Heinisch:
… und hat inzwischen auch schon seinen ersten Sündenfall (siehe dazu Artikel in Heise). Darüber bin ich, ehrlich gesagt, nicht erstaunt. Ebenfalls interessant ist, dass N26 sich jetzt mit seiner Banklizenz derselben Regulatorik unterwerfen muss, wie wir. Und da wird es spannend, weil ein Vorteil der FinTechs ja immer gewesen ist, dass sie eben nicht so reguliert wurden wie eine Bank. Das heißt, sie benötigten keinen Geldwäschebeauftragten, keinen Datenschutzbeauftragten, keine Innenrevision und, und, und. Jetzt sind sie richtig in der Bankenwelt angekommen und müssen sich dem Thema Regulatorik stellen. Die Frage dabei ist, wie diese Unternehmen auf Dauer Geld verdienen wollen – das gelingt ihnen im Moment noch nicht. Das wird das Problem sämtlicher FinTechs sein.

Frage:
Was machen Banken aus Ihrer Sicht schon sehr gut – und wo haben sie noch Nachholbedarf?

Stephan Heinisch:
Banken sind sehr gut beim Thema Sicherheit, das gilt sowohl für die Abwicklungsprozesse als auch für das klassische Bankangebot. Das sind Erfahrungen, die wir uns über Jahrzehnte erarbeitet haben, und die uns zum Beispiel in die Lage versetzen, unabhängig von irgendwelchen computerunterstützten Modellen Kreditentscheidungen zu treffen. Auf der anderen Seite müssen Banken daran arbeiten, den Muff der Bürokratie abzubauen und noch mehr aus Sicht des Kunden zu denken. Was will der Kunde eigentlich? Hier sind wir zu oft noch mit uns selbst beschäftigt und sehen uns an erster und den Kunden erst an zweiter Stelle. Diese Überlegung ist noch nicht in allen Häusern angekommen. Hier ist der Druck, ehrlich gesagt, noch nicht hoch genug. Aber das wird definitiv kommen. Wer heute noch glaubt, sich nur in seinem eigenen Universum drehen zu können, ist zum Scheitern verurteilt.

Banken müssen daran arbeiten, den Muff der Bürokratie abzubauen und noch mehr aus Sicht des Kunden zu denken.Stephan Heinisch

Frage:
Welche Rolle werden in Zukunft Filialen spielen?

Stephan Heinisch:
Es wird weiterhin Filialen geben, aber es werden definitiv weniger sein. Dafür kommen größere Filialeinheiten, die technisch, organisatorisch und personell hervorragend ausgestattet sind. Sie werden an gut erreichbaren, hochfrequentierten Standorten liegen. Es muss gewährleistet sein, dass eine persönliche Beratung in annehmbarer Entfernung möglich ist. Denn ich bin felsenfest davon überzeugt, dass unsere Kunden – obwohl es Internet gibt – weiterhin das persönliche Gespräch suchen.

Frage:
Stichwort Omnikanal-Bank – ist das eine mögliche Strategie für die Zukunft?

Stephan Heinisch:
Kunde A interessiert sich für eine Baufinanzierung. Dann informiert er sich erst einmal auf der Website der Volksbank Freiburg und hinterlegt hier schon mal seine Daten. Jetzt möchte er den nächsten Schritt gehen: zum Beispiel eine Videokonferenz als Beratung oder vielleicht ein persönliches Gespräch. Aufgrund der vorhandenen Daten kann problemlos ein persönlicher Termin mit einem Bankberater vereinbart werden. Man braucht nicht beim persönlichen Gespräch noch einmal von null anfangen, es ist alles bereits bekannt.

Nach der persönlichen Beratung hätte der Kunde gerne ein Angebot per E-Mail. Dann switchen wir einfach wieder auf den Online-Kanal um. Nichts geht dabei verloren. Alles ist intelligent miteinander vernetzt – bis hin zu unseren Verbundpartnern EasyCredit, R&V etc.

Stephan Heinisch:
Wenn die einzelnen Kanäle intelligent miteinander vernetzt sind – ja! Identische Prozesse – identische Angebote. Und der Kunde kann beliebig wechseln zwischen den einzelnen Kanälen.

Das erwarten unsere Kunden von uns und das geht mir als Verbraucher ja genauso, wenn ich sage, „Mensch, das habe ich doch schon mal irgendwo eingegeben! Warum muss ich denn jetzt hier noch mal anfangen, wenn ich persönlich vorbeikomme?“. Convenience ist das Thema der Stunde – Verbraucher möchten es so einfach wie möglich haben. Und wer es den Kunden nicht einfach und angenehm macht, der spielt demnächst keine Rolle mehr.

Frage:
Regionalität und die Nähe zum Kunden sind eine Stärke der Volksbanken. Wie lässt sich hier eine tragfähige Balance schaffen?

Stephan Heinisch:
Digitalisierung heißt ja nicht, dass wir auf Nähe verzichten müssen. Allerdings müssen wir diese Nähe neu definieren. Das ist eine Herausforderung, mit der wir uns gerade im Rahmen eines internen Projektes beschäftigen. Wir glauben, dass wir über intelligente Maßnahmen Nähe schaffen können. Entscheidend ist, dass uns die Menschen trotz weniger Filialen weiterhin als Bank vor Ort wahrnehmen. Wir müssen also eine gefühlte Nähe erzeugen.

Frage:
Blick in die Zukunft: Wie wird der Bankenmarkt in 50 Jahren aussehen?

Stephan Heinisch:
Ich glaube, wir werden immer noch mit denselben Sachen Geld verdienen wie heute. Wir werden Einlagen entgegennehmen, Kredite ausgeben, Finanzdienstleistungen und vieles mehr anbieten. Vielleicht mit anderen Produkten. Und die persönliche Beratung wird in Zeiten steigender Digitalisierung und Anonymisierung eher zunehmen. Die Menschen suchen Orientierung und gehen dorthin, wo sie diese Orientierung erhalten. Darüber hinaus wird in unserer immer komplexer werdenden Welt das Thema Vertrauen immer wichtiger. Mein Lieblingssatz ist: Vertrauen ist die radikalste Vereinfachung in einer immer komplexer werdenden Welt. Und dafür steht ja auch genossenschaftliches Banking, bei dem sich Kunden und Berater partnerschaftlich auf Augenhöhe begegnen.

Frage:
Das bedeutet, dass wir als Kunden Kontrolle zugunsten von Vertrauen abgeben?

Die ganze Informationsflut für einen Kunden auf das Wesentliche zu verdichten ist die eigentliche Aufgabe eines Beraters.Stephan Heinisch

Stephan Heinisch:
Richtig! Und das tun wir ja auch heute schon permanent in unserem Alltag. Sie können mir sicher nicht erklären, wie Ihr Auto in allen Details funktioniert. Hier vertrauen wir dem jeweiligen Autohersteller oder dem Mechaniker in der Autowerkstatt. Es reicht, wenn wir wissen, dass es beim Autofahren folgende Risiken gibt: Ich kann einen Unfall oder eine Panne haben. Dieses Vertrauen halte ich für enorm wichtig, weil wir sonst die Welt in ihrer Komplexität nicht mehr verarbeiten können. Die ganze Informationsflut für einen Kunden auf das Wesentliche zu verdichten ist also die eigentliche Aufgabe eines Beraters.

Frage:
Wird es 2067 die Volksbank Freiburg noch geben?

Stephan Heinisch:
Hier würde ich es mit Johann Wolfgang von Goethe halten: „Name ist Schall und Rauch“. Ob es Volksbank Freiburg heißt oder Volksbank Südbaden, das ist eigentlich egal. Die Frage ist: Gibt es noch ein genossenschaftliches Banking in der Region Freiburg? Und da sage ich Ja! Weil auch in 50 Jahren die Menschen jemandem ins Gesicht schauen wollen, wenn sie über ein wichtiges Thema reden. Das gehört zu unserer westlichen Kultur. Menschen sind nicht digital, Menschen sind analog.

Frage:
Gibt es in der Bankenwelt etwas, das heute normal ist, was Sie sich aber zu Beginn Ihres Berufslebens nie hätten vorstellen können?

Stephan Heinisch:
Negativzinsen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich einmal für Bundesanleihen dem Finanzminister Geld bezahlen muss.

Frage:
Wird es den Euro in 50 Jahren noch geben?

Stephan Heinisch:
Warum nicht? Es wird ja immer behauptet, dass aufgrund der drohenden Staatspleiten der Euro gefährdet sei. Das glaube ich aber nicht. Man muss nur eine Insolvenzordnung für europäische Staaten schaffen. Wenn klar ist, wie Staaten, wenn sie überschuldet sind, abgewickelt werden und wie man als Staatengemeinschaft damit umgeht, dann kann auch die Insolvenz eines Staates nicht existenzbedrohend für den Euro werden. Es ist ja fast absurd, dass ein Land wie Griechenland – mit einer deutlich kleineren Wirtschaftskraft als Baden-Württemberg – einen ganzen Währungsraum zum Kippen bringen kann.

Frage:
Und wie sieht es mit der Europäischen Union aus?

Stephan Heinisch:
Sorgen bereitet mir das Thema Extremismus. Und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Allerdings müssen wir genau hinschauen, woher dieser Extremismus kommt. Dabei stellen wir häufig fest, dass sich die politischen Eliten von ihren Wählern abgekoppelt haben. In der Debatte schwingt viel Frustration mit, die in den vergangenen Jahren einfach ignoriert wurde. Jetzt hat sich der Frust angesammelt und entlädt sich explosionsartig. Hier müssen sich Politiker und Parteien wieder stärker und glaubwürdiger um die Belange der Bevölkerung kümmern.

Frage:
Im März 2017 finden die Parlamentswahlen in den Niederlanden statt, im April die Präsidentschaftswahl in Frankreich und in Deutschland werden die Wähler im September an die Wahlurne gebeten. Was passiert, wenn in einem der Länder eine extremistische Partei an die Macht kommt? Wird dann die europäische Idee infrage gestellt?

Ich glaube auch nicht, dass die europäische Idee infrage gestellt wird.Stephan Heinisch

Stephan Heinisch:
Ich hoffe natürlich nicht, dass in irgendeinem der Länder eine extremistische Partei an die Regierung kommt. Und ich glaube auch nicht, dass die europäische Idee infrage gestellt wird. Wenn Sie jemanden fragen: Finden Sie Frieden in Europa gut? Finden Sie Niederlassungsfreiheit in Europa unter Europäern gut? Finden Sie eine gemeinsame Währung gut? Ich glaube, da würde eine deutliche Mehrheit einen Haken hinter diesen Themen machen und sagen: Europa ist klasse! Gleichwohl gibt es auch externe Probleme wie die Flüchtlingsströme, für die Antworten gefunden werden müssen.

Frage:
Wie könnten diese Antworten aussehen?

Stephan Heinisch:
Das ist schwer zu sagen. Entscheidend wird sein, dass die europäischen Staaten sich einig werden und einzelne Staaten nicht immer unter die Decke der anderen schlüpfen, sondern selbst Verantwortung übernehmen.

Frage:
Danach sieht es gerade aber nicht aus.

Stephan Heinisch:
Das ist keine Frage des Wollens mehr, sondern eine des Müssens. Wir müssen uns einig werden. Und wir werden uns auch einig werden, weil der Druck von außen einfach zu hoch wird.

Das Interview führte Marcus Stradinger
Fotos: Brit Schilling

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