Menschen das gedruckte Wort nahebringen

Wer liest heute noch Bücher? Und wer kauft sie in einer Buchhandlung? Die Rombach-Unternehmensgruppe setzt auch in Zeiten von Digitalisierung auf das gedruckte Wort und auf den stationären Buchhandel. Wie das heute und künftig funktionieren kann, erzählt Geschäftsführer Andreas Hodeige.

Zum Unternehmen:

Andreas Hodeige ist Geschäftsführer der Rombach-Unternehmensgruppe, die sein Großvater Heinrich Rombach 1936 gegründet hat. Nach seinem Studium der Philosophie und Germanistik übernahm Hodeige vor rund 30 Jahren die Leitung des Familienunternehmens, das heute rund 170 Mitarbeiter beschäftigt. Zur Unternehmensgruppe gehört die Heinrich Rombach KG. Diese hält die Hälfte der Anteile am Badischen Verlag.

Seit 1970 ist die Firma im Buchhandel aktiv, der heute der wichtigste Geschäftszweig ist. Neben der Buchhandlung in der Bertoldstraße gibt es eine weitere Filiale in Lahr. Auch die Buchhandlung Walthari gehört seit 1996 zur Firmengruppe.

Ein weiterer Zweig ist der Rombach Verlag, der sich auf wissenschaftliche Publikationen spezialisiert hat.

Ergänzt wird das Firmenportfolio durch den Bereich Veranstaltungen mit der Konzertreihe „Albert Konzerte“ und einer eigenen Event-Agentur.

Frage:
Ihre Rombach Unternehmensgruppe beschäftigt sich mit Buch, Zeitung und Druck – das gedruckte Wort wurde und wird immer wieder totgeredet. Was halten Sie davon?

Andreas Hodeige:
Ich habe immer daran geglaubt, dass das gedruckte Wort nicht sterben wird. Natürlich gibt es eine gewisse Verlagerung – aber solche Entwicklungen gab es schon immer. Ein gutes Beispiel ist das Radio: Mit dem Aufkommen des Fernsehens wurde es totgesagt, aber es hat sich bis heute gehalten.

Man muss sich eben immer wieder neu erfinden und das hat das Radio mit Erfolg gemacht. Nun kann man das gedruckte Buch nicht neu erfinden, aber man kann den Menschen näherbringen, dass das Buch wichtig und wertvoll ist! Und da bin ich absolut optimistisch.

Man kann das gedruckte Buch nicht neu erfinden, aber den Menschen näherbringen, dass es wichtig und wertvoll ist. Andreas Hodeige

Frage:
Gerade im Buchhandel verzeichnet der Online-Markt starke Zuwächse. Wie können Sie neben Amazon und Co. bestehen?

Andreas Hodeige:
Sicherlich kam es in unserer Branche mit der Digitalisierung und mit dem Aufkommen von Amazon zu einer Krise. Die Verkaufszahlen im stationären Buchhandel sind eingebrochen, aber das hat sich mittlerweile stabilisiert. Die Beratung durch eine ausgebildete Buchhändlerin kann der Online-Handel eben nicht ersetzen.

Aber auch wir mussten umdenken und haben mittlerweile einen Online-Shop. Wir haben sehr schöne Wachstumsraten mit unserem Onlineshop. Allerdings auf einem sehr geringen Niveau im Vergleich zu unseren Buchhandlungen. Wer ein Buch online bestellen will, macht das fast automatisch bei Amazon und kommt gar nicht auf die Idee, ein Buch bei uns online zu suchen. Unsere Strategie ist es deshalb, immer einen Tick besser zu sein. Auch wir verschicken Bücher kostenlos und schnell – bieten aber einen zusätzlichen Service: Bei uns kann der Kunde online bestellen, hat aber die Möglichkeit, das Buch noch am selben Tag in der Buchhandlung abzuholen. Diese Präsenz vor Ort kann der reine Versandhandhandel nicht bieten.

Zudem sind wir in den Bereich E-Book eingestiegen – müssen aber feststellen, dass sich dieser Bereich in Deutschland nicht so wie erwartet entwickelt. Die Menschen mögen einfach das haptische Erleben. Ein Buch hat einen Wert an sich, man stellt es sich gerne ins Regal – niemand würde ein Buch wegwerfen. Das kann ein E-Book nicht bieten.

Frage:
Zu Ihrer Unternehmensgruppe gehört auch eine Medienproduktion, die unter dem Namen „digitale manufaktur“ firmiert. Hier bringen Sie Digitalisierung und Handwerk, also neue und alte Welt zusammen. Wie sieht das konkret aus?

Andreas Hodeige:
Wir führen eine sehr moderne Druckerei, die ausschließlich mit Digitaldruck arbeitet – spezialisiert auf kleine und mittlere Auflagen und individualisierbare Produkte. Aber auch wenn der ganze Produktionsprozess digital ausgerichtet ist, stehen an der Druckmaschine immer noch Menschen, und zwar ausgebildet als Mediengestalter oder klassisch als Drucker.

Zudem hat der Kunde bei uns immer noch einen persönlichen Ansprechpartner, der mit ihm, wenn erforderlich, jeden Druckauftrag bespricht. Die Beratung hat bei uns also immer noch einen hohen Stellenwert.

Dadurch sind wir zwar nicht ganz so billig wie reine Internet-Druckereien – liefern aber eine durch Menschen kontrollierte Qualität.

Frage:
Ihr Slogan lautet „Seit 75 Jahren Kompetenz, Qualität und Zuverlässigkeit für Druck, Medienproduktion, Verlagswesen, Kultur und Wissensvermittlung“. Sie verstehen sich also nicht nur als Verleger, Drucker und Buchhändler, sondern haben sich auch die „Wissensvermittlung“ auf die Fahnen geschrieben. Was ist damit konkret gemeint?

Andreas Hodeige:
Wir verlegen seit Jahrzenten geisteswissenschaftliche Werke. Diese Tradition geht auf meinen Vater zurück und noch heute sind wir hier gut etabliert. Und das finde ich außerordentlich wichtig. Ich bin der Meinung, dass insbesondere die Geisteswissenschaften das gedruckte Buch brauchen – in den Naturwissenschaften mag das anders sein.

Leider werden heute kaum noch Bücher von Bibliotheken gekauft. Früher gingen von den wissenschaftlichen Büchern automatisch immer ein paar Hundert Stück an die Bibliotheken – das ist heute nicht mehr so. Und auch sonst sind diese Bücher schwer an den Mann zu bringen.

Trotzdem halte ich daran fest, geisteswissenschaftliche Bücher zu verlegen – ich glaube einfach, wir müssen das tun – gerade heute! Kultur ist unser Vermögen. Natürlich ist das ein Stück weit Idealismus – denn hier handelt es sich um ein Zuschussgeschäft. Aber solange wir damit keine riesigen Verluste machen, will ich das einfach tun.

Der stationäre Buchhandel bleibt der wichtigste Vertriebsweg für Bücher. Mit einem Umsatz von knapp 4,43 Milliarden Euro hat er aber im Vergleich zum Vorjahr 3,4 Prozent eingebüßt.

Der Internetbuchhandel erwirtschaftete letztes Jahr 1,6 Milliarden Euro, ein Plus von 6,0 Prozent. Diese Summe macht einen Anteil am Gesamtumsatz von 17,4 Prozent aus. In diesen Zahlen sind nicht nur die Einnahmen des Marktführers Amazon enthalten, sondern auch die Online-Umsätze des stationären Sortiments.

Die Verlage konnten in ihrem Direktgeschäft leicht zulegen. Mit 1,92 Milliarden Euro können sie ein Plus von 0,8 Prozent verbuchen.

Und so setzt sich der Gesamtumsatz komplett zusammen:

Sortimentsbuchhandel 4.427 Mio. Euro (48,2 %),
Verlage direkt 1.919 Mio. Euro (20,9 %),
Internetbuchhandel 1.602 Mio. Euro (17,4 %),
sonstige Verkaufsstellen 931 Mio. Euro (10,1 %),
Versandbuchhandel 118 Mio. Euro (1,3 %),
Warenhäuser 113 Mio. Euro (1,2 %),
Buchgemeinschaften 77 Mio. Euro (0,8 %).

Quelle: „Buch und Buchhandel in Zahlen 2016“, Hrsg.: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., Frankfurt am Main: Juli 2016.

Frage:
Sie schreiben auf Ihrer Website, Ihr Unternehmen sei geprägt von dezentraler Führungsstruktur und einer flachen Hierarchie. Wie sieht das konkret aus?

Andreas Hodeige:
Jede einzelne Firma, die zur Gruppe gehört, hat einen eigenen Geschäftsführer beziehungsweise Leiter. Diese arbeiten autark und selbstständig, eigenverantwortlich und mit eigenen Gestaltungsbereichen. Wir treffen uns lediglich einmal monatlich zu einer Strategierunde und diskutieren das bisherige und weitere Vorgehen.

Ich habe das vor ein paar Jahren so eingeführt, um den Unternehmer im Unternehmen zu fördern.

Frage:
Für flache Hierarchien braucht man andere Mitarbeiter als früher. Wie finden Sie flexible, motivierte und engagierte Mitarbeiter?

Andreas Hodeige:
Man muss sich die passenden Leute selbst ausbilden. Wir legen viel Wert auf eine gute Ausbildung und übernehmen dann diese Leute auch. Bisher haben wir keine Probleme damit, Nachwuchs zu finden. So ist der Fachkräftemangel bei uns kein Thema. Natürlich ist heute mehr Flexibilität gefragt. Das zeigt sich zum Beispiel bei den Arbeitszeiten – es gibt nun mal Phasen, in denen mal weniger zu tun ist und das muss dann eben in anderen Zeiten – beispielsweise im Weihnachtsgeschäft – wieder ausgeglichen werden. Das ist aber in der Regel kein Problem – im Gegenteil, die flexiblen Arbeitszeiten werden von vielen Mitarbeitern geschätzt.

Frage:
Welche Zäsuren gab es in der Geschichte der Unternehmensgruppe, die im Rückblick zukunftsweisend waren?

Andreas Hodeige:
Der extremste Bruch war sicher die Umstellung von Bleisatz auf Fotosatz. Das war ein Riesenschritt und in gewisser Weise vergleichbar mit der Digitalisierung.

Wir sind ein Gemischtwarenladen, aber gerade das macht uns stark. Andreas Hodeige

Frage:
Welche Ideen oder Pläne haben Sie noch für die Zukunft?

Andreas Hodeige:
Ich setze auf die Idee Familienunternehmen. Nur so können wir eine Kultur pflegen, wie wir sie leben. Die Austauschbarkeit der Innenstädte heute ist eine Katastrophe. Mir ist es wichtig, dass es Familienunternehmen gibt wie beispielsweise Schafferer, Kaiser oder Bohny, die das Bild unserer Innenstadt prägen. Ich habe nicht vor, unser Geschäftsmodell in der näheren Zukunft zu verändern. Außer vielleicht mit dem stationären Buchhandel noch etwas in weitere kleinere Städte zu expandieren.

Wir sind ein Gemischtwarenladen, aber gerade das macht uns stark. Bei uns vernetzen sich viele Dinge: Der Besucher einer unserer Konzert-Reihen ist auch ein Buchkäufer und der Buchkäufer hat vielleicht auch mal was zu drucken.

Frage:
Ihr Unternehmen hat die Stadt Freiburg deutlich geprägt. Wo sehen Sie Ihre Unternehmensgruppe in 50 Jahren?

Andreas Hodeige:
In 50 Jahren? Ich weiß noch nicht mal, wo ich sie in fünf Jahren sehe! Ich mache keine Fünf- und Zehn-Jahres-Pläne mehr, das hat noch nie funktioniert. Ich mache heute nur noch Ein-Jahres-Pläne.

Hoffnung macht mir die Regionalität, die ich gestalten kann. Ich finde den Begriff Heimat sehr wichtig. In der heutigen Welt brauchen die Menschen einen Bezugspunkt und das ist die Heimat.Andreas Hodeige

Frage:

Gefühlt wird unser Alltag immer komplexer und damit unübersichtlicher. Was tun Sie, um den Überblick zu behalten?

Andreas Hodeige
Ich versuche, Abstand zu halten zum Tagesgeschäft. Das habe ich inzwischen anderen übertragen.

Frage:
Was macht Ihnen Angst, wenn Sie an die Zukunft denken? Und was macht Ihnen Hoffnung?

Andreas Hodeige:
Angst macht mir die politische Entwicklung, der Rechtsruck in ganz Europa und die Unprofessionalität, die damit einhergeht.

Hoffnung macht mir die Regionalität, die ich gestalten kann. Ich finde den Begriff Heimat sehr wichtig. In der heutigen Welt brauchen die Menschen einen Bezugspunkt und das ist die Heimat. Und gerade ein lokales Familienunternehmen kann auch eine Heimat sein oder Heimat ausmachen.

Das Interview führten Claudia Wasmer und Franziska Wendlandt
Fotos: Michael Bode

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