Das Ende vom Alter, wie wir es kennen

Megatrend Silver Society

Älter werden, alt sein. Eine Redewendung bringt auf den Punkt, wie wir darüber denken: „alt aussehen“. Wer „alt aussieht“, hat das Nachsehen. Altern. Schon das Wort hat einen schalen Beigeschmack, steht für schwindende Sehkraft, Rückenschmerzen und Gedächtnisschwäche. Jung sein dagegen – oder besser: jung bleiben – steht hoch im Kurs.

Erinnern Sie sich noch an das Hickhack um Gerhard Schröders Haare? Immer und immer wieder war des Altkanzlers Schopf das Ziel eifriger Debatten und Fragen: Wie es denn – bitte schön! – sein könne, dass sein Haupt nicht nur mit jugendlicher Fülle gesegnet sei, sondern trotz seines Alters – er ging schon stramm auf die 60 zu – noch kein sichtbares graues Haar hervorluge. Der eitle Kanzler müsse doch mit Färbemittelchen nachhelfen, hieß es unnachgiebig. Was der Politiker stets ebenso vehement verneinte.

So groß war das Theater um Schröders Haarpracht, dass dieser gar vor den Kadi zog – wo die Presseagentur ddp 2003 eine Schlappe kassierte. Die nämlich hatte ein Interview veröffentlicht, in dem eine Imageberaterin behauptet, Herr Schröder helfe bei der Haarfarbe nach. Der wiederum wies das von sich, ließ seinen Coiffeur eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass er nicht färbe, und untersagte, dies zu behaupten. Die ddp ging dagegen vor – und unterlag.

Ganz gleich, ob der damalige Kanzler nun färbte oder nicht: Die Posse zeigt, welche Bedeutung das Thema Altern hat. Zeitweilig geisterte gar der Begriff „Jugendwahn“ durch die Medien. Gemeint ist damit der zwanghafte Drang, mit aller Macht gegen das ungeliebte Altern anzukämpfen. Und die Kosmetikindustrie verspricht Damen wie Herren etliche Anti-Aging-Mittelchen.

Die Devise: jung, rank und schlank – und faltenfrei. Bloß nicht altern!

Junges Aussehen um jeden Preis – die Branche boomt

Bevölkerungsentwicklung bis 2020

  • alle Angaben in Prozent

Quelle:
Statistisches Bundesamt, 13. koordinierte Bervölkerungsberechnung für Deutschland (2015)

Doch unsere Gesellschaft wird unaufhaltsam älter. Schon 2020 wird hierzulande jeder dritte Bürger die 65 überschritten haben. 1950 lag das Medianalter in Deutschland bei 35 Jahren. Das heißt: Die eine Hälfte der Bevölkerung war älter, die andere jünger.

Bis 2100 steigt dieses Alter auf 51 Jahre, rechnet das Bundeswirtschaftsministerium vor. Und nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit: Die durchschnittliche Lebenserwartung wächst global bis zum Ende des Jahrhunderts nach Prognosen des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main von heute 70 auf 83 Jahre. Medizinischer Fortschritt, mehr Wohlstand und ausreichende Ernährung führen dazu, dass wir älter werden als die Menschen früherer Zeiten. Fast überall auf der Welt. Gleichzeitig ist aber auch die Geburtenrate gesunken.

Diese Entwicklung wird meist mit „demografischer Wandel“ zusammengefasst. Noch so ein Begriff, der bei uns ein mulmiges Gefühl hinterlässt. Denn er wirft zwei Fragen auf:

  1. Wenn die Gesellschaft immer älter wird und immer weniger Arbeitende immer mehr Rentner versorgen müssen, wie wollen wir das bezahlen?
  2. Langes Leben ist nicht gleichbedeutend mit langer Gesundheit. Je älter unsere Bevölkerung wird, desto größer wird womöglich auch die Anforderung an das Gesundheitssystem. Wie wollen wir das schaffen?
Der Wohlfahrtsverband warnt vor Altersarmut

Statt des „Generationenvertrags“ ist schon vom „Generationenkonflikt“ die Rede. Die Formel, wonach die Jungen einzahlen, um die Alten zu versorgen, sie scheint nicht mehr aufzugehen: Schlagwörter wie „Alt gegen Jung“, „Überalterung“ und gar „Vergreisung“ zeigen, wie negativ das Thema besetzt ist und welche Ängste es hervorruft. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt seit Jahren vor Altersarmut, die vielen Menschen hierzulande drohe.

Doch wann sind wir alt?

Gibt es eine magische Grenze? Ist alt, wer das Rentenalter erreicht hat? In den meisten Ländern der Erde werden laut der Weltgesundheitsorganisation WHO 60 oder 65 Jahre als Beginn des Alters angenommen. Aber auch dann, wenn er oder sie noch Vollzeit arbeitet, jeden Tag zehn Kilometer mit dem Fahrrad ins Büro fährt und dreimal im Jahr für eine Woche in den Bergen wandert?

Was ist die Definition von Alter? Es gibt sie nicht.

Oder anders gesagt: Wir müssen sie überdenken. Es wäre nicht das erste Mal. Laut WHO galt beispielsweise gegen Ende des 19. Jahrhunderts als alt, wer die 50 überschritten hatte. „Alter ist eine Frage der Haltung“, sagt der Wissenschaftler und Psychiater Michael Lehofer, ärztlicher Leiter der Abteilungen für Psychiatrie 1 und 3 und Bereichsleiter Neuropsychiatrie am LKH Graz Süd-West.

Die Gesellschaft wird in dem Sinne nicht älter, das Alter verschiebt sich nur.Michael Lehofer

Auch die Versicherungsgesellschaft Generali beschäftigt sich seit Jahren mit dem Bild der Alten in unserer Gesellschaft – und auch damit, wie es den Älteren gerade geht. 2013 brachte sie ihre Generali-Altersstudie heraus. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Eine deutliche Mehrheit der 65- bis 85-Jährigen fühlt sich jünger, als sie biologisch ist – und zwar um rund zehn Jahre!

Weitere Informationen zur Definition von Alter auf dem  PflegeWiki des Bundesverbandes für Pflegeberufe

Das gefühlte Alter liegt rund zehn Jahre unter dem kalendarischen

Der Megatrend Silver Society, er hat uns erfasst. Mehr und mehr passen wir unseren Lebensraum an eine älter werdenden Gesellschaft an. Es gibt neue Studiengänge, wie zum Beispiel Pflegemanagement, und allerorten werden barrierefreie Infrastrukturen geschaffen. Technik, die entwickelt wurde, um älteren Menschen das Leben zu erleichtern, wird mittlerweile zu einem selbstverständlichen Komfort für alle.

Die Zahl allein lebender Senioren ist im Vergleich zu vor 20 Jahren eindeutig rückläufig.
33 Prozent der über 65-Jährigen leben allein. Vor 20 Jahren waren es laut statistischem Bundesamt noch 41 Prozent. Ein Grund für diese Entwicklung ist, dass es heute mehr Lebens- und Wohnformen gibt. Zum Beispiel Mehrfamilienhäuser, betreutes Wohnen oder sogar Senioren-WGs. Zum Teil sind das alternative Lebensmodelle, für die sich längst auch junge Menschen begeistern.

Multigrafien – Das Lebensphasenmodell des Zukunftsintituts

Mehr Informationen zur Definition des Lebensphasenmodells des Zukunftsintitut finden Sie auf der Website des Zukunftsinstituts unter Loud & Proud: Die neue Story der Alten

Die klassische Einteilung Jugend–Beruf–Alter, sie verschwimmt mehr und mehr. Neue Partnerschaften eingehen, studieren, eine neue Arbeit aufnehmen: Das ist nicht mehr auf Jugend und mittleres Alter beschränkt, sondern findet in allen Generationen statt.

Ob die Silver Society tatsächlich Altersarmut und ein hochbelastetes Gesundheitssystems bedeutet? Oder ob sich die Lebensphase Alter nur weiter nach hinten verschiebt – so, wie das früher schon geschehen ist – und wir länger gesund sind und länger arbeiten, darauf gibt es noch keine unumstößlichen Antworten.

Eines jedoch ist gewiss: Das Bild, das wir bislang vom Altwerden haben – es ist veraltet.

Autor: Mario Oleschko

Das sagt Matthias Horx zum Thema

Was versteht man unter dem Downaging-Effekt?

Welche Vorteile hat es, Teil der Silver Society zu sein?

Wann beginnt man eigentlich zu altern?

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