Die Welt rückt enger zusammen

Megatrend Globalisierung

Vom Tourismus in aller Herren Länder über den Austausch von Wissen und Daten bis hin zu internationalen Gerichten und Parlamenten: Die Globalisierung umfasst mehr als bloß den weltweiten Handel. Sie hat viele Facetten. Und trotz aller Chancen, die sie bietet: Der rasante Wandel, den sie mit sich bringt, er ruft auch Unsicherheit und Gegentrends hervor.

Daran haben wir uns längst gewöhnt: Früchte aus aller Herren Länder – das ganze Jahr über

Tag für Tag erleben wir im Supermarkt, wie eng unsere Welt wirtschaftlich verknüpft ist. Orangen und Zitronen aus Kalifornien, Feigen und Datteln aus Marokko, Mangos und Bananen aus Brasilien: Es ist für uns selbstverständlich, jederzeit eine reichhaltige Auswahl an Obst vorzufinden – auch im tiefsten Winter.

Und nicht nur an Obst. Etliche andere Waren lassen ebenfalls Tausende von Kilometern hinter sich, bis sie ihren Weg in die heimischen Auslagen finden. Lebensmittel, Technik, Luxusgüter: In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Welthandel verfünffacht.

Containerumschlag der drei größten Europäischen Frachthäfen

  • in Mio. Tonnen

Auch an der Zapfsäule spüren wir die Auswirkungen der Globalisierung. So kannte der Ölpreis jahrelang nur eine Richtung: nach oben. Entsprechend stiegen die Spritpreise – und mit ihnen der Unmut der Autofahrer. Doch vor gut zwei Jahren drehte sich der Wind, der Ölpreis sank rapide. Kostete das Fass 2014 noch mehr als 100 Dollar, ist es derzeit rund die Hälfte (Stand: Oktober 2016) Zeitweilig lag der Preis sogar unter 30 Dollar.

Was war passiert? Zwei der größten Öl-Produzenten der Erde, die USA und Saudi-Arabien, hatten damit begonnen, sich einen wirtschaftlichen Schlagabtausch zu liefern. Die USA setzen nämlich seit einiger Zeit auf eine bislang wenig genutzte Fördermethode, das sogenannte Fracking. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in Gesteinsschichten gepresst, um diese aufzubrechen und vom Öl und Gas zu trennen.

Diese Methode ist aufwendiger und damit teurer als andere – und sie ist umstritten: Viel Wasser ist hierfür nötig; zudem werden die beigemischten Chemikalien als umweltschädlich angesehen. Mittels Fracking erschlossen sich die USA jedoch neue Öl- und Gasvorkommen. Daraufhin drehte Saudi-Arabien im wahrsten Sinne des Wortes den Hahn auf, erhöhte seine eigene Produktion und flutet den Weltmarkt seitdem mit günstigem Öl, um die US-Konkurrenz auszubooten.

Niedrige Ölpreise setzen das kostspielige Fracking-Verfahren unter Druck

Der Kampf zweier Öl-Riesen beeinflusst die gesamte Weltwirtschaft. Nicht nur der Verbraucher, sondern auch die Industrie mag sich über die Preisentwicklung freuen – die großen Öl-Länder dagegen stöhnen. Auch das vergleichsweise reiche Saudi-Arabien spürt die Einschnitte deutlich, und andere große – aber arme – Öl-Exporteure wie zum Beispiel Venezuela können nicht mithalten und stecken in der Krise.

Globalisierung wirkt auf vielen Ebenen. Übernationale Instanzen sind entstanden, deren Handeln Auswirkungen auf Menschen vieler Länder hat. Das Europäische Parlament beispielsweise debattiert Gesetze, die für die gesamte EU gelten. Und die Wirtschaftspolitik der Europäischen Zentralbank hat einen starken Einfluss darauf, wie hoch die Zinsen sind, die wir fürs Sparen bekommen oder die wir für einen Kredit zahlen müssen.

Für Politikwissenschaftler bedeutet Globalisierung eine Schwächung inländischer Institutionen (…) Ökonom John Whalley
„Für Politikwissenschaftler bedeutet Globalisierung eine Schwächung inländischer Institutionen (…)“, sagt der Ökonom John Whalley von der Western University in Kanada – und ergänzt den Begriff um eine weitere Komponente: „Für Soziologen bedeutet Globalisierung die Verschmelzung diverser Kulturen, Sprachen und Gesellschaften.“ (Quelle)

Digital rückt die Welt näher zusammen

Denn Dank Internet sind wir in Sekundenschnelle mit aller Herren Länder verbunden. Videotelefonate über Tausende von Kilometern hinweg sind nichts Besonderes mehr. Rund um den Globus tauschen Universitäten Daten, Thesen und Forschungsergebnisse untereinander aus. Und mittels sozialer Medien wie YouTube oder Facebook erreichen bis dato unbekannte Privatpersonen binnen kurzer Zeit ein Millionenpublikum – von Berlin bis Bangladesch.

Globalisierung – der Begriff scheint zudem untrennbar mit einem anderen verbunden: Wachstum. Dem wirtschaftlichen Wachstum genauso wie dem Wachstum von Wissen und Datenvolumen. Und dennoch: Die Verschmelzung und Vernetzung der Welt auf so vielen Ebenen, sie ruft auch Unsicherheit und Gegentrends hervor. Nationale Strömungen sind entstanden oder gewinnen an Zulauf. In Großbritannien hat das Volk 2016 entschieden, die Europäische Union zu verlassen. Und die Verhandlungen zwischen der EU und den USA über das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) verlaufen zäh. Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten scheint die Vorhersagbarkeit zukünftiger Entwicklungen auf der globalen Bühne internationaler Beziehungen nahezu unmöglich. In Europa wächst die Sorge, dass protektionistische Strömungen und Nationalstaatlichkeit zu einem globalen Handelskrieg mit massiven Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und die Sicherheitslage führen können.

Gegentrend „Glokalisierung“

Ein weiterer Gegentrend ist die „Glokalisierung“ – ein Kunstwort, das sich aus „global“ und „lokal“ zusammensetzt. Es bedeutet, dass auch kleine mittelständische Unternehmen Zugang zu den Weltmärkten finden – sofern es ihnen gelingt, sich den jeweils variablen Bedürfnissen der Kundschaft vor Ort anzupassen. „Der Druck durch die Globalisierung wird immer größer“, sagt Steffen Auer, Präsident der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein. Seiner Ansicht nach kann der Mittelstand nur überleben, wenn es ihm gelingt, sich den ständig wechselnden Rahmenbedingungen anzupassen. (Das Interview mit Steffen Auer finden Sie hier.)

Matthias Horx zu „Glokalisierung“

Globalisierung bedeutet demnach, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einem ständigen Wandel unterworfen sind. Jahrzehntelang war „made in China“ ein Synonym für Billigware aus Fernost. Und: Viele namhafte Unternehmen produzierten in Asien, um mit gutem Gewinn im Westen zu verkaufen. Doch so einfach geht die Rechnung mittlerweile nicht mehr auf. Denn die chinesische Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Die Folge: Die Löhne sind gestiegen, was die Produktion in Fernost nicht mehr zwangsläufig so rentabel macht. Stattdessen kämpfen viele Firmen heute gegen Produktpiraterie im asiatischen Raum.

Chinas Wachstum stottert. Das zwingt immer mehr chinesische Unternehmen dazu, die Produktion in Länder mit noch niedrigeren Löhnen auzulagern.
Ein interessantes Video zum Thema finden Sie auf „Global 3000 – Das Globalisierungsmagazin“ der Deutschen Welle:

DW – Global 3000: Chinesische Firmen produzieren in Afrika

Foxconn Shenzhen
Arbeiter in einer Foxconn-Fabrik im chinesischen Shenzhen

Foxconn ist einer der weltweit größten Hersteller von Elektronik- und Computerteilen. Als Auftragshersteller produziert das Unternehmen unter anderem für Hewlett-Packard, Dell, Apple, Nintendo, Microsoft und Sony. (Foxconn Wikipedia)

Bis 2030 will die internationale Staatengemeinschaft extreme Armut und Hunger beseitigen. Doch das rasante wirtschaftliche Wachstum von Ländern wie Indien und China erzeugt eine neue Art von Hunger: den nach Energie. Und noch längst haben Wind und Sonne fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl nicht verdrängt. Weswegen wir uns Gedanken machen, inwieweit sich das Klima global verändert – und was das für uns alle bedeutet.

Wirtschaftliches Wachstum, Kommunikation, Austausch von Wissen und Kultur: Die Globalisierung lässt die Welt zusammenrücken. Aber sie bringt neue Herausforderungen mit sich.

Autor: Mario Oleschko

Das sagt Matthias Horx zu Globalisierung

Wie lässt sich der Megatrend Globalisierung beschreiben?

Lässt sich der Megatrend Globalisierung abbremsen?

Was bedeutet „Glokalisierung“ für eine Stadt wie Freiburg?

Schreibe einen Kommentar


Lesen Sie unsere Kommentarrichtlinien