Lernen wird zum Grundstrom der Gesellschaft

Die Auswirkungen des Megatrends Digitalisierung machen Wissen zu einem globalen, demokratischen Gut. Und so entwickelt sich unsere Gesellschaft mehr und mehr zu einer Wissensgemeinschaft, bei der Wissensmanagement und lebenslanges Lernen immer weiter an Bedeutung gewinnen.

Der technische Wandel hat innerhalb von nur ein paar Jahrzehnten eine Kulturrevolution ausgelöst: Die Menge an weltweit gespeicherten Daten übertrifft um mehrere Tausend Male das, was in allen jemals gedruckten Büchern steht. Erinnern wir uns: Bis vor gut 600 Jahren waren Bücher ein hohes Privileg. Sie entstanden in den Schreibstuben der Klöster, wo Mönche still und fleißig Wissen vervielfältigten, Bücher füllten und kunstvoll illustrierten. Diese Werke wurden hinter dicken Mauern gehütet wie Schätze. Wissen bedeutete Macht.

Frühere Zentren des Wissens: Bibliotheken, hier des Klosters Strahov in Prag

Vom Elfenbeinturm hinein ins Volk

Dann ereignete sich die erste, einschneidende mediale Revolution: Um das Jahr 1450 gelang es Johannes Gutenberg durch die Verwendung von beweglichen Lettern den Buchdruck zu revolutionieren. Dies machte erstmals die massenhafte Verbreitung von Wissen, Nachrichten und Meinungen möglich – und zwar frei von einer Kontrolle durch Kirche und Obrigkeit. Was von Letzteren als Teufelswerk verurteilt wurde, kam dem triumphierenden Volk zugute: Der Buchdruck förderte bedeutsame gesellschaftliche Veränderungen wie das Zeitalter der Aufklärung oder auch den Aufstieg des Bürgertums. Wissen wurde auf einmal jedem, der lesen konnte oder es lernte, zuteil. Ein Meilenstein!

Mehr als ein halbes Jahrtausend später folgte dann die nächste bahnbrechende Veränderung: 1984 empfängt der Informatiker Werner Zorn mit seinem Team in Karlsruhe die erste E-Mail auf einem deutschen Mailserver (Artikel „Stern“) .
1991 startet dann das World Wide Web. Informationen werden von nun an via Internet einer globalen Öffentlichkeit zugänglich. Im 21. Jahrhundert angekommen, wird – dank Nanotechnologie und neuer Kommunikationskanäle – Wissen im Bruchteil einer Sekunde übermittelt. Jederzeit, an jedem Ort, ohne Funkloch. Das Internet, das der Verleger Dr. Hubert Burda als den „Rock’n’Roll unserer Zeit“ betitelte, es boomt und verändert uns.

(Weitere Informationen: Die chronologische Entwicklung des Internets)

Prof. Dr. Werner Zorn – einer der ersten deutschen Internetpioniere, empfing mit seinem Team die erste E-Mail in Karlsruhe

Die Gesellschaft der Lernenden: Das sind wir alle

Wir nutzen es täglich: Durch einfache Suchmechanismen oder freie Enzyklopädien können Informationen zu jedem beliebigen Thema schnell gefunden und beliebig breit und tief recherchiert werden. 2005 gab es weltweit 2,5 Millionen Wikipedia-Artikel, 2015 waren es bereits 36,1 Millionen (Statistik Wikipedia). Wissen lässt sich situativ und spontan abrufen. Der Zugriff auf Informationen ist kein Privileg mehr. Bahn frei für eine Gesellschaft, die sich mehr und mehr zu einer Wissensgesellschaft entwickelt. „Lernen wird zum Grundstrom der Gesellschaft“, resümieren folgerichtig die Experten des renommierten Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main.

Drei Kräfte, so die Experten vom Zukunftsinstitut, formen die Wissenskultur der Zukunft, in der Lernen eine Aufgabe für alle ist: Digitalisierung, Globalisierung und der Wandel hin zur kreativen Ökonomie. Die Digitalisierung spiele dabei eine mehrfache Rolle: Zum einen verstärke sie als Automatisierung von Routineaufgaben die Wichtigkeit genuin menschlicher Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, zum anderen könne sie aber auch ein Werkzeug sein, um die Schätze der Wissenskultur zu heben. Durch Digitalisierung wird Wissen demokratisiert und globalisiert.

Vom klugen Umgang mit Wissen

Doch Wissen will nicht nur gesammelt, sondern auch strukturiert, geprüft, gepflegt und gemanagt werden. Das bedeutet eben auch, Informationen nach ihrer Güte einzuschätzen, Quellen kritisch zu hinterfragen und sich nicht nur auf eine einzige Bezugsquelle zu verlassen. Obendrein nimmt die Halbwertszeit von Wissen ähnlich schnell ab, wie neue Informationen oder Kommunikationswege zunehmen.

Da Fachwissen ruck, zuck veraltet ist, müssen wir eine Art Meta-Bildung erwerben, die uns befähigt, unser Lernen flexibel an veränderte Umstände anzupassen. Dass die Gesellschaft dazu in der Lage ist, liegt auf der Hand: Jeder dritte EU-Bürger ist ein Akademiker. Die heutige Gesellschaft ist gebildeter als jemals zuvor. Tendenz steigend: Durch Online-Studium und Angebote wie „Massive Open Online Courses“ wird Wissen auch in die entlegensten Winkel der Erde getragen.

Lebenslanges Lernen: längst Realität

Bereits 1962 thematisierte die Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) erstmals den Begriff „lebenslanges Lernen“ (lifelong education). Gut ein halbes Jahrhundert später zeigt sich, wie visionär die UNESCO war: Lebenslanges Lernen ist das Gebot der Stunde. Auch weil sich Wissen alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt. In manchen Berufssparten sogar noch schneller. Lernen entscheidet laut Zukunftsinstitut den Wettbewerb der Volkswirtschaften. Dabei gilt lebenslanges Lernen längst nicht nur für Berufseinsteiger. Auch für Fachkräfte heißt es, sich ständig weiterzubilden, um den Herausforderungen in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt gerecht zu werden. Ein Prozess, der das ganze (Berufs-)Leben prägt. Kein Wunder boomt der Weiterbildungs-Sektor. Und damit das Lernen leicht gelingt, wird vor allem in Dänemark, der Schweiz, Schweden und Finnland viel getan.

Halbwertszeit von Wissen

Situatives Lernen statt stures Büffeln

Neue Lernformen bieten einen Anreiz, um Wissen zeitgemäß zu erwerben: Video-Tutorials sind das Tool der Wissbegierigen schlechthin geworden. Bemerkenswert ist dabei nicht das Medium selbst, sondern vielmehr die Herangehensweise: Es geht um situative, spontane Problemlösung statt stupidem Auswendiglernen im Vorfeld. Selbst vor Mechaniken, die man aus Videospielen kennt – wie etwa sich ein höheres Niveau zu erspielen – wird nicht halt gemacht, um smart und schnell an Wissen zu kommen: So zählen auch „Serious Games“ (Weitere Informationen vom TÜV Rheinland) zu den neuen Formen der Wissensvermittlung.

YouTube-Video von campus tv zu Serious Games

E-Klausuren, Webinare und Aufnahmeprüfungen via Skype sind längst an der Tagesordnung. Schöne neue Lernwelt. Die dennoch den Kontakt und die Interaktion mit anderen braucht, um Wissen einzuordnen, abzugleichen, es zu diskutieren und auch infrage zu stellen. Der Austausch mit Menschen statt mit Maschinen ist immer noch der beste Prüfstand für Wissen.

Die gute Nachricht ist: Unser Gehirn kann sich bis ins hohe Alter an neue Lernbedürfnisse anpassen. Und: Wenn im Gehirn ein echter Lernprozess einsetzt, werden nachweislich Glückshormone ausgeschüttet, wie der Forscher George Loewenstein belegte. Eine Studie unter der Leitung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in zehn europäischen Ländern belegte außerdem, dass Erwachsene vom Lernen profitieren. Fast alle Teilnehmer spürten positive Effekte in der Familie und bei der Arbeit. Lernen, das bestätigten über 80 Prozent der Befragten, verbessere das allgemeine Wohlbefinden und sorge für mehr Zufriedenheit. (Link zur Studie)

[…] Lernen heißt, in Kontakt mit anderen zu sein und zu bleiben. Wir sind soziale Wesen. […] Gerald Hüther, Deutscher Neurobiologe

Der Neurobiologe und Vorstand der „Akademie für Potenzialentfaltung“, Gerald Hüther, drückt es noch drastischer aus: „Lernen heißt, in Kontakt mit anderen zu sein und zu bleiben. Wir sind soziale Wesen. Alles, was der Mensch lernen darf, hat er von anderen. Aus biologischer Sicht heißt Lernen nichts anderes, als lebendig zu bleiben. Wer nichts mehr lernen kann, ist tot.“

Autor: Cornelia Mangelsdorf

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