Die Tradition fit machen für die Zukunft

„Die Zukunft ist unsere Baustelle“ heißt der aktuelle Slogan des Deutschen Handwerks. Im Interview erläutert Johannes Ullrich, Präsident der Handwerkskammer Freiburg, wie es um das Handwerk bestellt ist – und warum prall gefüllte Auftragsbücher nicht immer ein Grund zum Jubeln sind.

Frage:
Die Betriebe der Handwerkskammer Freiburg haben derzeit eine gute Auftragslage, stellen Mitarbeiter ein und schaffen neue Maschinen an. Blickt das Handwerk in Freiburg in eine rosige Zukunft?

Johannes Ullrich:
Ein klares „Jein“. Derzeit läuft eine Imagekampagne des Zentralverbands des Deutschen Handwerks mit dem passenden Thema: „Die Zukunft ist unsere Baustelle.“ Man muss natürlich als Handwerker – und wir als Handwerkskammer für unsere Mitglieder – zukunftsorientiert sein. Wir blicken zwar auf eine gute Tradition zurück, müssen diese Tradition aber fit machen für die Zukunft. Da sind wir dran.

Zur Person:

Johannes Ullrich, Jahrgang 1962, ist seit Ende 2014 Präsident der Handwerkskammer Freiburg. Der Maler- und Lackiermeister war von 1998 bis 2013 im Vorstand der Maler- und Lackiererinnung in Freiburg und wurde 2009 zum Freiburger Kreishandwerksmeister gewählt. Ullrich ist zudem Geschäftsführer des Malerfachbetriebs Ullrich. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

Frage:
Was tut die Handwerkskammer dafür?

Es geht uns gut, aber wir dürfen uns auf keinen Fall ausruhen.Johannes Ullrich

Johannes Ullrich:
Es geht uns gut, aber wir dürfen uns auf keinen Fall ausruhen. Wir haben eine Menge Themen auf dem Schirm: Energiewende, demografischer Wandel, ebenso die neuen Gesellschaftsstrukturen und das Bildungssystem, Digitalisierung und Automatisierung. Wir bieten unseren Betrieben Unterstützung und Beratung. Es war schon immer eine Stärke der Handwerkskammer Freiburg, dass sie Vordenker im Haus hat, die sich mit Entwicklungen und Technologien beschäftigen – und was sie für die Handwerksberufe bedeuten. Bei alledem gilt jedoch: Wir müssen unsere Arbeit stärker nach außen transportieren, um junge Menschen zu begeistern und an Fachkräfte zu kommen. Kurzum: Es geht uns gut, aber wir dürfen uns auf keinen Fall ausruhen. Das Gute hat ja auch gewissermaßen eine negative Seite: Wir sind hier in der Region an der Kapazitätsgrenze angekommen – in einzelnen Berufen können wir hier keine neuen Aufträge mehr annehmen.

Frage:
Übervolle Auftragsbücher? Das ist doch ein gutes Zeichen!

Johannes Ullrich:
Ich weiß nicht, ob das so gut ist. Denn wegen der Wartezeiten entsteht eine sehr große Unzufriedenheit bei den Kunden. Gleichzeitig stellen wir fest: Es gibt Branchen, in denen sich eine Menge tut, während andere hinterherhinken. Ein Beispiel: Zurzeit erlebt der Rohbau einen unglaublichen Boom. Alle Gewerke, die mit dem Neubau zu tun haben, explodieren geradezu. Aber alles, was mit dem Ausbau zu tun hat, hinkt da hinterher, weil die Fertigstellung der Bauten oft noch nicht so weit ist, dass die Leute vom Ausbau ans Werk gehen können. Die Auslastung da ist zwar gut. Aber einen Boom wie im Neubau gibt es nicht.

Die Auftragsbücher sind voll

Weitere Informationen im Konjunkturreport 2/2016 des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks

Frage:
„Made in Germany“
ist eine gefragte Marke. Im eigenen Land dagegen hat das Handwerk mitunter Imageprobleme: Eltern wollen ihre Kinder unbedingt auf dem Gymnasium und der Uni sehen – und nicht in der Handwerksausbildung. Woran liegt das?

Johannes Ullrich:
Das Handwerk hat es nicht geschafft, Eltern zu vermitteln, dass es gut ist, wenn ihr Kind eine bodenständige Ausbildung im Handwerk macht. Allerdings tun wir viel: Wir gehen in die Schulen, entwerfen Kampagnen, sind im Kino und Fernsehen. Das Image des Handwerks ist nicht mehr so schlecht. Mittlerweile liegt die Quote der Gymnasiasten, die ins Handwerk gehen, bei 12,6 Prozent. Vor vier Jahren waren das sieben Prozent. Wir sind auch an vielen Hochschulen unterwegs, etwa mit dem Thema „Abbruch – was dann?“. Das sind Veranstaltungen, die wir gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer planen, denn die hat dasselbe Problem wie wir.

(Was IHK-Präsident Steffen Auer zu diesem Thema sagt, lesen Sie hier.)

 

Das Handwerk hat es nicht geschafft, Eltern zu vermitteln, dass es gut ist, wenn ihr Kind eine bodenständige Ausbildung im Handwerk macht.Johannes Ullrich
Imagekampagne des Handwerks: „Die zweite bessere Chance“

Das Handwerk plagt Nachwuchssorgen. Bundesweite Kampagnen sollen mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk begeistern. Mit gezielten Kampagnen sollen besonders Abgänger höherer Schulen und Studienabbrecher angesprochen werden.

Frage:
Neue Produkte, Technologien oder Dienstleistungen verdrängen traditionelle, alte Dienstleistungen und Produkte – oder lösen sie sogar vollständig ab. Zum Beispiel das Automobil die Kutsche. Die Zukunftsforscher nennen das Disruption. Inwieweit ist das Handwerk von Disruption betroffen?

Johannes Ullrich:

„Gedacht wird vieles von Ingenieuren, aber es ist das Handwerk, das all diese Ideen umsetzt.“
Unmittelbar. Diese Entwicklung ist ja ohne das Handwerk gar nicht möglich. Gedacht wird vieles von Ingenieuren, aber es ist das Handwerk, das all diese Ideen umsetzt. Insofern ist Disruption für uns eine gute Entwicklung. Digitalisierung und Globalisierung verändern die Welt.

Und das Handwerk kann daraus seinen Nutzen ziehen. Wir müssen dabei aber aufpassen, dass diese Entwicklung uns nicht überfordert, denn wir sind keine Maschinen. Die gute Tradition im Handwerk, die Kraft des Handwerks, der Familienbetrieb, der im Mittelpunkt steht: All dies muss erhalten bleiben, denn daraus hat sich auch vieles entwickelt, das unser Gemeinwesen auszeichnet. Vereinsstrukturen zum Beispiel. Viele selbstständige Handwerker waren in der freiwilligen Feuerwehr. Viele selbstständige Handwerker oder Gesellen waren in ihren Pfarrgemeinden aktiv oder in den politischen Gremien der Kommunen. Das gibt es so gut wie gar nicht mehr.

 

Frage:
Wie kann die Handwerkskammer Betrieben helfen, die mit der Anpassung Schwierigkeiten haben?

Johannes Ullrich:
Der typische Handwerkerbetrieb besteht in der Regel aus vier bis acht Mitarbeitern. Ein Industriebetrieb hat eigene Ausbildungs-, Entwicklungs- und Personalabteilungen. Der Handwerksmeister ist all das in einer Person. Er braucht daher Input. Wir informieren den Handwerker über Technik, über Menschenführung, rechtliche Veränderungen. Wir helfen ihm, auf dem Laufenden zu bleiben, denn sonst besteht die Gefahr, dass er seinen Stiefel so weitermacht, wie er ihn schon immer gemacht hat – und auf einmal den Markt verpennt.

Frage:
Auf der einen Seite haben wir die rapide technologische Entwicklung, auf der anderen Seite Handwerksbetriebe, die nicht mitkommen …

Das Land Baden-Württemberg gab im Februar 2016 den Startschuss für das Projekt „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“.

Im Rahmen des Projektes sollen Handlungsempfehlungen für den Umgang mit zukünftigen Herausforderungen und der Digitalisierung erarbeitet werden.
Erste Ergebnisse der Bestandsaufnahme wurden bereits veröffentlicht:

Broschüre: Struktur und Bestandsanalyse „Dialog und Perspektive 2025“ – Teil 1

Johannes Ullrich:
Auf meinem Schreibtisch liegt die Studie „Handwerk 2020/2025“ vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg. Darin wird klar festgestellt: Es werden Berufe verschwinden. Dafür entstehen dann andere. Ein Beispiel: Schumacher gibt es so gut wie gar nicht mehr. Dafür aber den Orthopädie-Mechanikermeister. 

Frage:
Aber gibt es da nicht auch einen gewissen Gegentrend: den Handwerker im Dorf, der mit der Digitalisierung nicht so viel am Hut hat, aber nach einem Anruf vorbeikommt, um ein Schloss auszutauschen, ein Rohr zu dichten oder die Heizung zum Laufen zu bringen?

Johannes Ullrich:
Das ist richtig. Der Handwerker um die Ecke bietet einen Riesenvorteil: Er ist menschlich, es gibt eine Face-to-Face-Kundenbeziehung und keine Internet-Anonymität. Aber: Die individuelle Handwerksleistung ist natürlich teurer. Deswegen kommen wir an der Technologie kaum vorbei. Sie kann uns eine Entlastung bringen: dahin gehend, dass ich langfristig den Preis halten kann. Allerdings nur, wenn ich zuvor in teure Maschinen investiere.

Frage:
Wird der Preis nicht ohnehin vom Kunden bestimmt? Er hat ja heutzutage mehr Möglichkeiten, vorab Vergleichsangebote einzuholen.

Wir haben […] in gewissen Märkten oder Segmenten einen Preisverfall. Da kann der normale Handwerker nicht mithalten. Wir bereiten die Betriebe darauf vor, damit sie sich auf die Situation einstellen können.Johannes Ullrich

Johannes Ullrich:
Wir haben verschiedene Märkte – mitunter auch in derselben Branche. Nehmen Sie etwa den ganzen Bereich gesunde Ernährung, dieser Markt wächst! Und die Kunden sind bereit, die höheren Preise zu zahlen. Aber es gibt natürlich Schichten, die sich das nicht leisten können. Auch dieser Markt muss versorgt werden, und dafür ist die Industrie da. Es gibt auch Menschen, die können sich keinen Maler leisten, die streichen selber. Wir haben – auch durch die Konkurrenz aus Osteuropa – in gewissen Märkten oder Segmenten einen Preisverfall. Da kann der normale Handwerker nicht mithalten. Wir bereiten die Betriebe darauf vor, damit sie sich auf die Situation einstellen können.

Frage:
Wie können die Betriebe sich darauf einstellen?

Johannes Ullrich:
Sie müssen Eigenmarketing betreiben und stärker in den Kundenkontakt gehen. Viele Handwerker machen keine Werbung. Aber wenn ich eine gewisse Betriebsgröße habe, muss ich auch im Bereich Marketing aktiv werden. Wir haben Berater im Haus, die sich mit kriselnden Unternehmen beschäftigen, aber auch Unterstützung bei Neugründungen geben. Mein Lehrer hat immer gesagt: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

Frage:
Was raten Sie dem selbstständigen Handwerker im Ein-Mann-Betrieb, der zu Ihnen kommt und sagt: Ich kann nur 28 Euro pro Stunde verlangen, wenn ich auf dem Markt überleben will. Was soll ich tun?

Johannes Ullrich:
Den Zusammenschluss suchen. Es ist uns als Handwerkskammer auch schon gelungen, eine Reihe von Einzelunternehmen zusammenzuführen. Aber im Grunde kann der Handwerker auch mehr als 28 Euro pro Stunde verlangen. Der Markt gibt das her. Der Handwerker muss wirtschaftlich arbeiten können, und das schließt mit ein, auch an die eigene Zukunft zu denken. Aber es gibt viele, die das nicht erkennen. Hinzu kommt die Konkurrenz aus Osteuropa – die zudem oft über den Tisch gezogen wird. Diese Handwerker arbeiten hart und sehen dann am Ende nicht einmal Geld dafür. Die soziale Ungerechtigkeit nimmt zu, das ist leider so.

Frage:
Sie sagen einerseits, dass eine kleine Betriebsgröße von Vorteil sein kann wegen der unmittelbaren Nähe zum Kunden. Auf der anderen Seite raten Sie zum Zusammenschluss. Ist das nicht ein Widerspruch?

Johannes Ullrich:
Es gibt derzeit ein starkes Wachstum an den Rändern. Die Ein-Mann-Betriebe nehmen zu – ebenso die Anzahl großer Betriebe. Es ist die mittlere Schicht, die zurückgeht, die Unternehmen mit vier bis 20 Mitarbeitern. Und das ist keine gute Entwicklung. Solo-Unternehmer sind heutzutage oft Gesellen, die sich selbstständig machen, wenn sie bestimmte Qualifikationen mitbringen. Das geht zurück auf eine Reform der Handwerksordnung vor vielen Jahren, die uns nicht gutgetan hat. Momentan gibt es 56 Handwerksberufe, in denen die Gesellen keinen Meister mehr brauchen, um sich selbstständig zu machen. Die verdienen aber wenig, weil sie auf dem Markt überleben wollen. Das hat zur Folge, dass sie sich nicht um ihre Altersvorsorge kümmern können. Denen reicht ein Stundenlohn von 28 Euro. Ein großes Unternehmen mit seinem ganzen Apparat muss etwa 50 Euro veranschlagen. Die Selbstständigen kalkulieren so, dass sie überleben können, zahlen aber nichts in die Rentenkasse. Es ist klar abzusehen, dass diese Unternehmer später in der Altersarmut enden. Deutschland ist geprägt von einem starken Mittelstand. Aber der verschwindet leider mehr und mehr.

Das Handwerk in Zahlen 2014

Anzahl der Betriebe / Mitarbeiter / Umsätze
Bundesrepublik: 1.007.016 / 5.379.000 / 533 Mrd. €
Baden-Württemberg: 132.607 / 766.000 / 88 Mrd. €
Handwerkskammer Freiburg: 15.708 / 102.821 / 8,9 Mrd. €

Quelle: Handwerkskammer Freiburg 2014

Verteilung der Gewerbegruppen Handwerkskammerbezirk Freiburg 2014

  • Bau/Ausbau
  • Metall/Elektro
  • Holzgewerbe
  • Textil
  • Nahrungsmittel
  • Gesundheit
  • Sonstige

Erfahrene Mitarbeiter sind im traditionellen Handwerk unverzichtbar

Frage:
Stichwort gesellschaftliche Entwicklung – vor allem im Hinblick auf die Demografie: Es gibt immer mehr Menschen, die auch im Alter noch arbeiten. Binnen zehn Jahren hat sich der Anteil derjenigen, die mit 65+ noch arbeiten, mehr als verdoppelt von sechs auf heute 14 Prozent. Ein Modell auch fürs Handwerk?

Johannes Ullrich:
Ganz klar: ja. Auch deswegen ist das Gesundheitsmanagement so wichtig: Wir müssen unsere Handwerker fit halten! Als ich 1999 den Betrieb von meinem Vater übernommen habe, habe ich im Laufe der Zeit danach fünf oder sechs Mitarbeiter in die Rente verabschiedet. Verdiente Kollegen, die den Betrieb mit aufgebaut hatten. Diese Mitarbeiter sind nicht alt geworden. Nur einer von ihnen lebt noch. Das Handwerk ist eine Strapaze für den Körper.

Frage:
Warum arbeiten dann heutzutage auch die Handwerker länger?

Johannes Ullrich:
Um sich ihren Lebensstandard zu erhalten, denn ihre Renten sind niedrig. Und da sind dann einfach irgendwann körperliche Grenzen gesetzt. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht außer Acht lassen: Wir brauchen die erfahrenen Mitarbeiter! Die kennen sich aus. Und sie verkörpern eine handwerkliche Tradition, die bei den jungen Mitarbeitern auch nachgefragt wird. Früher hieß es, mit 60 ist man nicht mehr produktiv genug. Das hat sich total gedreht. Der alte, erfahrene Mitarbeiter erfährt viel Wertschätzung durch die jungen Kollegen – ich erlebe das tagtäglich in meinem Betrieb.

Frage:
Sind generell neue Konzepte nötig im Hinblick auf Handwerker, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bis Ende 60 arbeiten können?

Johannes Ullrich:
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wird sich dazu hoffentlich mal Gedanken machen, denn Vorschläge seitens des Handwerks liegen längst auf dem Tisch. Wenn die Altersrentner sich etwas dazuverdienen, wird denen derzeit die Rente gekürzt. Das ist doch ein völlig falsches Zeichen! Jetzt wurde der Renteneinstieg mit 63 möglich gemacht. Das ist einerseits gut, auf der anderen Seite bedeutet es natürlich auch einen Verlust von Arbeitskräften. Was ich an der aktuellen Politik aber vor allem kritisiere, ist, dass viel zu wenig in die Bildung investiert wird. Wir brauchen da viel, viel mehr! Auch im Hinblick auf die Flüchtlinge: Es wird allerorten von Integration gesprochen, aber es gibt zu wenig Lehrer, all die Kinder zu unterrichten!

Frage:
Sie haben in einem Interview gesagt, dass das Thema Ausbildung ein Kernthema für die Handwerkskammer ist. Was kann die Kammer hier leisten?

Johannes Ullrich:
Wir haben Ausbildungsbotschafter in den Betrieben, die wir schulen, und die dann ihrerseits in die Schulen gehen. Fernsehen, Kino, Plakate: Alles, was wir medial machen können, machen wir. Das Image des Handwerks muss aufpoliert werden. Die jungen Leute müssen erkennen, dass auch ein guter Realschulabschluss wichtig ist. So, wie einst auch ein guter Hauptschulabschluss einen hohen Wert hatte. Das hat ja früher funktioniert! Wenn jemand seinen Hauptschulabschluss in der Tasche hatte, war er ja auch ausbildungsfähig. Das hat sich gewandelt. Wir haben zu wenig ausbildungsfähige Menschen fürs Handwerk. Wir stellen immer mehr fest, dass die Schulnoten auf den Abschlusszeugnissen nicht mehr mit der Realität übereinstimmen. Ich brauche natürlich keine Mathe-Genies. Aber die Auszubildenden sind oft nicht in der Lage, Flächen auszurechnen. Sie bringen allerdings handwerkliches Talent mit, und darauf können wir aufbauen.

Das Image des Handwerks muss aufpoliert werden. Die jungen Leute müssen erkennen, dass auch ein guter Realschulabschluss wichtig ist. Johannes Ullrich

Frage:
Liegt die Zukunft des Handwerks in den traditionellen und klassischen Berufen, oder eher bei neuen Produkten und Dienstleistungen?

Johannes Ullrich:
Es wird ein Mix aus beidem sein. Das klassische Handwerk wird nicht untergehen. Auch in 50 Jahren wird es den Klempner geben, der Wasserrohre flickt, und den Elektriker, der Leitungen repariert. Es werden auch neue Berufe entstehen – und zwar aus alten, die dann verschwinden.

Frage:
Wie wird der Handwerker in 50 Jahren sein?

Johannes Ullrich:
Es wird auch in 50 Jahren noch den „klassischen“ Handwerker geben. Er wird andere Möglichkeiten haben, er wird andere Technik bedienen müssen, doch die Kernberufe werden nicht aussterben. Was sich im Handwerk in den vergangenen zehn bis 15 Jahren entwickelt hat, ist enorm. Aber die Kernberufe sind trotzdem noch da. Was zunehmen wird: die Bereitschaft für Auslandsaufträge. Unsere Handwerkskunst wird nachgefragt im Ausland.
Ein anderer großer Bereich, der auf uns zukommt: die Denkmalpflege. Da wird sich einiges tun.

Frage:
Inwiefern?

Johannes Ullrich:
Das klassische Denkmal ist für Sie eine Burgruine oder das historische Kaufhaus. Künftig werden ganze Städte oder Stadtteile unter Denkmalschutz gestellt. Es wird viel mehr Wert darauf gelegt, Gebäude zu erhalten, die nach heutigen Maßstäben nicht dem klassischen Bild vom Denkmal entsprechen. Die Städtepolitik wird sich in dieser Hinsicht ändern. Es wird andere Bauvorschriften geben. Wenn wir die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte betrachten, hat sich da immens viel geändert – denken Sie allein an den ganzen Bereich energetisches Bauen. Das bedeutet natürlich auch: Zukunft! Das Handwerk, das hier gebraucht wird, wird’s immer geben.

Frage:
Wir leben in einer Zeit, in der wir mit Informationen geradezu überflutet werden. Dadurch fällt es immer schwerer, den Überblick zu behalten. Was tun Sie, um den Überblick zu behalten?

Johannes Ullrich:
Viele fragen mich: „Wie machst du das? Beruf, Ehrenamt, Familie?“ Und dann noch ein Hobby? Sport machen? Ich will dringend wieder Sport machen. Es geht mehr und mehr nur mit Verzicht auf irgendetwas anderes. Und die Flut an Informationen, die über uns hereinbricht, kann ich gar nicht mehr kanalisieren. Da brauche ich viele Gespräche – auch mit meinen Mitarbeitern. Jeder muss in seinem Bereich die Informationen bearbeiten – alleine kann ich das gar nicht mehr.

Mit der Ressource Mensch, mit der Arbeitskraft Mensch, muss gut umgegangen werden.Johannes Ullrich

Frage:
Abschließend: Welche Dinge bereiten Ihnen persönlich Sorge – und was macht Ihnen Hoffnung? 

Johannes Ullrich:
Sorge bereitet mir der Mensch im Handwerk: Mit der Ressource Mensch, mit der Arbeitskraft Mensch, muss gut umgegangen werden. Man darf dem Menschen nicht zu viel abverlangen. Chancen haben wir eine Menge – allein durch die technische Entwicklung. Da werden Dinge entstehen, die das Arbeiten leichter machen, damit der Mensch nicht mehr so hart körperlich arbeiten muss. Das ist die Hoffnung, die ich habe.

 

 

Das Interview führte Mario Oleschko
Fotos: Michael Bode

Das sagt Matthias Horx zu den angesprochenen Themen

Was ist Disruption?

Was sind das für Menschen, die freiwillig länger arbeiten?

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

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