„Freiburg ist viel weiter als andere Städte“

Stadtentwicklung, Green City, moderne Arbeitszeitmodelle – in 14 Jahren als Oberbürgermeister der Stadt Freiburg hat Dieter Salomon in vielen Bereichen Zukunft aktiv mitgestaltet. Wir haben mit dem Grünen-Politiker über die wichtigsten Zukunftsthemen seiner Stadt, die Demokratie im Allgemeinen sowie seine Sorgen und Hoffnungen mit Blick auf Europa gesprochen.

Frage:
Herr Salomon, wenn wir uns Freiburg anschauen, dann sehen wir nicht nur eine der jüngsten Großstädte Deutschlands, sondern auch eine der am schnellsten wachsenden. War diese rasante Entwicklung zu Beginn Ihrer ersten Amtszeit absehbar?

Dieter Salomon:
In keiner Weise. Die Jahre zwischen 2002 und 2007 waren geprägt davon, dass wir in einem tiefen finanziellen Loch saßen. Wir waren 2006 eigentlich gar nicht mehr handlungsfähig. Das Regierungspräsidium hat uns mitgeteilt, wenn wir unsere Situation nicht in den Griff bekommen, dann drohe ein sogenannter Staatskommissar.

Zur Person:

Dr. Dieter Salomon, geboren 1960 in Melbourne (Australien), ist Oberbürgermeister der Stadt Freiburg. Er wurde 2002 im zweiten Wahlgang für eine Amtszeit von acht Jahren zum ersten grünen Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt. 2010 wurde er im ersten Wahlgang für weitere acht Jahre in seinem Amt bestätigt. Salomon ist seit 2003 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Städtetages und seit 2011 Stellvertretender Vorsitzender des Städtetags Baden-Württemberg.

Dieter Salomon wuchs im Allgäu auf und studierte nach dem Abitur an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Politikwissenschaft, Finanzwissenschaft und Romanische Philologie. Nach seinem Abschluss wurde er 1991 im Fach Politikwissenschaft zum Dr. phil. promoviert. Salomon ist Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen, für die er von 1992 bis 2002 im Landtag von Baden-Württemberg saß – zuerst als Abgeordneter, später als Fraktionsvorsitzender.

Dieter Salomon ist zum dritten Mal verheiratet und hat eine Tochter aus erster Ehe.

Frage:
Wie müssen wir uns das vorstellen?

Dieter Salomon:
Das bedeutet, dass Oberbürgermeister und Gemeinderat nicht mehr über Investitionen selbst entscheiden können, sondern nur noch über den Bereich, der laufende Einnahmen und Ausgaben betrifft. Wir konnten also nicht mehr frei darüber entscheiden, wo wir investieren und wo nicht. Das Ganze hatte seinen Höhepunkt 2006, als die Freiburger in einem Bürgerentscheid den Verkauf von städtischen Wohnungen verhinderten (mehr dazu im Artikel Badische Zeitung).

Frage:
Wie ist die Stadt aus dieser Zwangslage wieder rausgekommen?

Dieter Salomon:
Das Entscheidende war, dass die Steuereinnahmen wieder angesprungen sind – und zwar sehr plötzlich. Und das Zweite war, dass wir unsere Strukturen reformiert haben: Ämter zusammengelegt, Aufgaben neu verteilt, Zuschüsse gestrichen, mehr als 300 Personalstellen eingespart – das war ein Prozess, der über vier Jahre ging und rund 40 Millionen Euro an Einsparungen pro Jahr brachte. Das hat uns wieder handlungsfähig gemacht.

Frage:
Wie haben Sie den wiedergewonnenen Handlungsspielraum genutzt?

Weitere Informationen zum Stadion-Neubau des SC Freiburg

Stadion für Freiburg (News und Diskussionsplattform des SC Freiburg)

Stadion in Freiburg (Initiative der SC Freiburg Fans)

Dieter Salomon:
Wir haben Dinge umgesetzt, die jahrelang liegen geblieben sind. Unter anderem haben wir in den vergangenen zehn Jahren rund 250 Millionen Euro in die Schulsanierung gesteckt. Darüber hinaus haben wir nahezu alle Bäder saniert, die Hauptfeuerwache saniert und ausgebaut. Wir bauen gerade ein neues Rathaus sowie ein Stadion für den SC Freiburg. Und auch die Stadtbahnlinien haben wir über die Jahre kontinuierlich erweitert und ausgebaut.

Frage:
Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Dieter Salomon:
Das ist natürlich schon eine Erfolgsgeschichte. Zwar ist nicht jede Investition immer mit städtischem Geld verbunden, aber allen Projekten liegen städtische Beschlüsse zugrunde, die uns auf dem Weg zu einer nachhaltigen Stadt voranbringen. Das große Thema, das unsere Gemeinderatsarbeit in den vergangenen Jahren dominiert hat, ist aber ein anderes: Wohnen. Wir sind eine wachsende Stadt, worüber die allermeisten Freiburger auch froh sind. Wachsende Stadt heißt aber auch, dass die Grundstückspreise und in der Folge die Mietpreise steigen, weil die Nachfrage nach Wohnraum größer ist als das Angebot. Und dem kann man nur entgegenwirken, indem man baut. Das ist in vielen Städten schwierig, weil die Flächen, auf denen gebaut werden kann, knapp sind. Und deshalb müssen wir mit aller Entschlossenheit möglichst viel baureifes Land ausweisen. Da sieht auch die Mehrheit des Gemeinderates so.

[…] allen Projekten liegen städtische Beschlüsse zugrunde, die uns auf dem Weg zu einer nachhaltigen Stadt voranbringen.Dieter Salomon

Frage:
Das bedeutet, Freiburg wird sich verändern. Viele Menschen haben aber Angst vor Veränderungen …

Dieter Salomon:
Das stimmt, vielen Menschen macht der schnelle Wandel Angst, in dem sich die Stadt befindet. Viele Leute auf der Straße sagen: „Hier sind ja überall Baustellen, was ist denn da los?“ Dabei ist eine wachsende Stadt auch immer eine sich verändernde Stadt. Da muss die Infrastruktur angepasst werden, da müssen Schulen und Kitas, Straßen, Schienenwege und so weiter ausgebaut werden. Das ist komischerweise vielen Leuten klar, wenn man es ihnen erklärt. Auch wenn sie zuerst mal schimpfen. Keine Frage: Veränderungen machen vielen Leuten Angst. Dieses Gefühl ist nicht nur in Freiburg, sondern in ganz Deutschland stark ausgeprägt.

Frage:
Einen nicht unerheblichen Teil des Bevölkerungszuwachses macht der Zuzug von jungen Menschen aus. Laut Berechnungen des Statistischen Landesamts ist Freiburg die jüngste Stadt Baden-Württembergs und wird es auch im Jahr 2030 noch sein (Badische Zeitung). Lassen Sie uns vor diesem Hintergrund über den Megatrend Silver Society und die Lebensentwürfe älterer Menschen sprechen. Denn auch in Freiburg werden die Menschen ja trotzdem immer älter …

Dieter Salomon:
Erst einmal ist es gut, dass die Menschen älter werden. Und zweitens ist es auch gut, dass sie statistisch gesehen immer länger gesund dabei bleiben. Wenn man heute zehn Jahre älter wird als noch vor 20 oder 25 Jahren, heißt das nicht, dass man zehn Jahre lang krank im Alter ist, sondern es heißt in der Regel, dass man zehn Jahre lang relativ gesund alt wird. Die Zeiten, in denen Menschen statistisch gesehen alt sowie pflege- und hilfsbedürftig sind, nehmen also nicht im selben Maße zu. Dass eine Gesellschaft überaltert, hat auch nicht mit dem Älterwerden zu tun, sondern damit, dass sich die Gesellschaft demografisch verändert, weil zu wenig Junge nachkommen. Ich bin Jahrgang 1960, also noch einer der Babyboomer-Jahrgänge. Diese Jahrgänge sind statistisch gesehen doppelt so stark vertreten wie der Jahrgang 2015. Das heißt, wenn sich das durchwächst, haben wir nicht mehr eine sogenannte  Alterspyramide-, sondern eher einen Alters-Döner.

Wenn man heute zehn Jahre älter wird als noch vor 20 oder 25 Jahren, heißt das nicht, dass man zehn Jahre lang krank im Alter ist, sondern es heißt in der Regel, dass man zehn Jahre lang relativ gesund alt wird.Dieter Salomon

Alterstruktur der Bevölkerung in Freiburg

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Quelle: Stadt Freiburg – Stand 01.01.2016

Frage:
Stichwort „Integration von älteren Arbeitnehmern in den Arbeitsmarkt“: Gibt es in der Verwaltung der Stadt Freiburg flexible Arbeitszeitmodelle, die es ermöglichen, über das Rentenalter hinaus zu arbeiten?

Dieter Salomon:
Wir haben im vergangenen Jahr, als die Flüchtlinge kamen, in der Bauverwaltung angefangen, geeignete Pensionäre gezielt anzuschreiben und zu fragen, ob sie bereit wären, ihre Lebenserfahrung einzubringen. Dasselbe haben wir für eine Projektgruppe zur Weiterentwicklung von Wohnbauflächen getan. Bei manchen kam dann heraus, dass sie keine 40, aber gerne 20 Stunden arbeiten möchten. Und dass sie keinen Zehnjahresvertrag haben wollten, sondern sich maximal für zwei, drei Jahre binden wollten. Meistens waren das frühere Führungskräfte, also Leute mit wahnsinnig viel Erfahrung. Und warum soll man das nicht anzapfen? Es gibt ja mittlerweile auch Leute, die freiwillig länger arbeiten, weil es ihnen Spaß macht. Mein Fahrer zum Beispiel, ist so einer. Der wird im Januar 67 und hat vor zwei Jahren zu mir gesagt: „Wissen Sie was – mir macht’s Spaß, ich mache drei Jahre länger!“ Da habe ich gesagt: „Super, freut mich sehr!“

Frage:
Ist unser System hier zu starr, zu wenig flexibel?

Dieter Salomon:
Das finde ich schon! Bei uns heißt es, du musst 40 Stunden pro Woche arbeiten und dann darfst du nicht mehr. Also: entweder 100 Prozent oder null. Das finde ich irrsinnig. Man braucht nicht darüber zu diskutieren, dass mit zunehmendem Lebensalter die physische Leistungsfähigkeit nachlässt – aber dass natürlich in vielen Jobs die Urteilsfähigkeit, die Erfahrung eine immer größere Rolle spielen, ist ebenfalls Fakt. Das heißt, du kannst vielleicht nicht mehr alles so verdauen wie ein Junger, aber du entscheidest Dinge viel schneller, weil du es viel schneller überblickst als ein Junger, dem einfach die Erfahrung fehlt. Von daher ist man ja verrückt, wenn man sagt, es fehlen Facharbeiter, es fehlen Arbeitskräfte, es fehlen Führungskräfte – und gleichzeitig greift man auf so starre Modelle zurück.

Frage:
Haben Sie denn Möglichkeiten, die beschriebene Art von Flexibilität in der Stadtverwaltung umzusetzen?

Dieter Salomon:
Wir sind natürlich an die Gesetzeslage und die unterschiedlichen Tarifverträge für Beamte und Angestellte gebunden. Das heißt, wir sind nur da flexibel, wo auch das Gesetz flexibel ist. Wir können nicht selber was erfinden. Allerdings kann man flexible Gesetze nutzen – und das tun wir auch.

Frage:
Über die infrastrukturellen Veränderungen der Vergangenheit bis heute haben wir bereits gesprochen. Wie aber wollen Sie es schaffen, in einer boomenden Stadt wie Freiburg die Lebensqualität und damit eben auch die Infrastruktur up to date zu halten?
 

Dieter Salomon:

Wir haben in Freiburg den glücklichen Umstand, dass die Bevölkerung dieser lebenswerten Stadt diese auch so erhalten will. Das heißt, die Freiburger erwarten von uns, dass die Stadt attraktiv bleibt. Alles, was den grundsätzlichen Reiz dieser Landschaft zwischen Rheinebene und Schwarzwald ausmacht, muss erhalten werden. Das ist das erklärte Ziel der Stadtverwaltung und des Gemeinderates. Dazu zählt auch die Erhaltung der Freiburger Waldflächen, die bei 42 Prozent der Gemarkungsfäche ausmachen, was gigantisch ist. Da außerdem mehr als 50 Prozent als Landschaftsschutzgebiete und/oder Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, gibt es viele Gebiete, wo sie faktisch nicht bauen können. Das heißt, die Flächen, wo man tatsächlich die Stadt verändern kann, sind gering. Allerdings müssen wir dort kluge, naturverträgliche Maßnahmen umsetzen.

Lebenswertes Freiburg:
Interaktives Chart der Wirtschaftswoche „Die besten Städte Deutschlands 2016

Grünes Freiburg – Blick auf den Stadtteil Waldsee
Wir haben in Freiburg den glücklichen Zustand, dass die Bevölkerung diese Stadt, die sie ja als sehr lebenswert erlebt, auch so erhalten will.Dieter Salomon

Frage:
Sie haben das Thema Ökologie angesprochen. Ökologisches Handeln ist heutzutage selbstverständlich. Jeder – ob privat, in der Wirtschaft oder in der Politik – versucht, ökologisch zu handeln. Wo sehen Sie hier für Freiburg die Aufgaben?

Dieter Salomon:
Da gibt es unterschiedliche Denkschulen. Früher hat man alles über Leuchtturmprojekte definiert. Wenn jemand ein tolles Haus gebaut hat, war es ein Leuchtturmprojekt. Und dann war die Frage, können wir alle Häuser so bauen oder ist das nur ein Beispiel dafür, was technologisch geht und das rechnet sich alles gar nicht? Diese Zeiten haben wir längst hinter uns. Wir sind bei Neubauten in Freiburg seit fünf Jahren schon bei einem Passivhaus-Standard. Das ist sogar Vorschrift und wird auch bei Gewerbebauten immer mehr zum Normalfall. Wir hatten jahrelange Diskussionen, ob sich die Zusatzkosten je amortisieren oder ob dann bei Passivhäusern die Wohnungen schimmeln. Diese Diskussionen gibt es im Grunde nicht mehr. Wir bauen gerade ein neues Rathaus für 80 Millionen Euro. Das ist ein Plus-Energie-Haus, aber in Freiburg so normal, dass es gar keiner mehr zur Kenntnis nimmt.

Frage:
Ist das typisch Freiburg?

Dieter Salomon:
Irgendwie ja. Wir wurden 2010 zur Bundeshauptstadt des Klimaschutzes und 2012 zur nachhaltigsten Großstadt Deutschlands gewählt. Und als ich dann ein Jahr später in der Jury saß, hieß es dann „Freiburg hat den Preis ja schon bekommen – aber wen nehmen wir dann?“. Freiburg ist einfach viel weiter als viele andere Städte. Das ahnen viele Freiburger und trotzdem finden sie, dass viel zu wenig passiert. Das spricht eigentlich für eine sehr ehrgeizige Bevölkerung, von der natürlich viele den Wunsch haben, die Welt zu retten. Auch wenn man von Freiburg aus die Welt nicht retten kann.

Frage:
Ein klein wenig kann man die Welt aber schon retten, oder?

Dieter Salomon:
Natürlich, zumindest müssen wir’s versuchen! Das Problem ist: Wir haben international einen wahnsinnigen Ruf, obwohl wir international gesehen ein Dorf sind. Wenn ich erzähle, Freiburg ist eine Großstadt mit rund 200.000 Leuten, dann lachen die mich aus. Schanghai hat 20 Millionen Einwohner, da ist Freiburg noch nicht mal ein Stadtteil.

Frage:
Und trotzdem ist es der Stadt gelungen, sich international im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit einen herausragenden Namen zu machen. Wie schafft man das?

Dieter Salomon:
Man muss Strukturen ändern! Wenn Sie Klimaschutz machen wollen und CO2-Reduktion haben, da haben Sie im Prinzip zwei große Bereiche: Der eine ist der Verkehrsbereich. Sie müssen also eine Verkehrspolitik machen, die nicht gegen das Auto ist, sondern Alternativen zum Auto fördert. Das heißt, Sie müssen den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und Fahrradwege bauen. Und Sie müssen schauen, dass man eine Stadt der kurzen Wege hat. Dass man auch seine Alltagsbesorgungen in den Stadtteilen manchmal sogar zu Fuß machen kann. Schon vor 17 Jahren hatten wir einen sensationellen Wert: In Freiburg werden rund 70 Prozent aller Wege eben nicht mit dem Auto zurückgelegt. Es gibt, glaube ich, keine Großstadt in Deutschland, die ähnliche Werte hat. Das heißt übrigens auch, dass, wenn man die derzeitige Baustellensituation abzieht, es auch kaum Staus in Freiburg gibt.

Wiwilíbrücke

Rekord an der Wiwilibrücke: Bis Ende 2016 werden über 3,3 Millionen Radfahrer erwartet: Rad-Zähl-Display an der Wiwilibrücke

Frage:
Und was ist der zweite große Bereich, um CO2 zu reduzieren?

Dieter Salomon:
Wir müssen moderne Heizungen nutzen, mehrfachverglaste Fenster einbauen sowie Dächer und die Außenhaut von älteren Häusern besser dämmen. Jetzt kann man noch den Industrie- und Gewerbebereich hinzunehmen. Und wenn Sie in diesen drei Bereichen als Stadt konsequent etwas tun, dann können Sie nachhaltige Politik machen. Gleichzeitig müssen wir natürlich auch schauen, dass wir von den fossilen Brennstoffen wegkommen hin zu erneuerbaren Energien. Dass man zum Beispiel Blockheizkraftwerke baut oder Fernwärme auf Basis erneuerbarer Energien anbietet. Das sind alles strukturelle Maßnahmen, die jede für sich genommen wenig spektakulär ist, aber die in der Summe dafür sorgen, dass sie die DNA einer Stadt durchaus verändern können.

Frage:
Mit Blick auf die Zukunft: Welche Themen muss Freiburg angehen, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein?

Dieter Salomon:
Wir sind dabei, die Struktur der Stadt zu ändern. Das heißt, dass wir weiterhin Flächen für Gewerbe und Wohnen vorhalten und dass wir unsere Infrastruktur – ÖPNV, Rathaus, Stadion etc. – weiter sanieren werden. Ansonsten treiben uns dieselben Themen wie in den Vorjahren um, hier müssen wir das Rad nicht neu erfinden.

Dieter Salomon:
Eine Stadt ist immer so attraktiv, wie die Kultureinrichtungen, die sie sich leistet. Wir haben ein überdurchschnittlich gutes Stadttheater und wir haben Schulen und Bildungseinrichtungen auf allen Niveaus. Nur wenn das gegeben ist, kommen junge Leute hierher und können sich eine persönliche Zukunft hier vorstellen. Dieses Phänomen der Schwarmstadt (Badische Zeitung) – und Freiburg zählt zu den sogenannten Schwarmstädten – hat ja eigentlich eine paradoxe Entwicklung als Ursache. Früher sind die jungen Leute dahin gegangen, wo die Arbeitsplätze waren. Heute ist das demografiebedingt etwas anders. Die Jungen ahnen instinktiv, dass wir sie brauchen, dass sie die Bedingungen diktieren können, weil die Betriebe auf sie angewiesen sind. Und das führt dazu, dass junge Leute heute dahin gehen, wo sie es schön finden. Und so selbstbewusst sind, zu sagen: Den passenden Job dazu kriege ich dann schon. Darum kommen die Leute nach Freiburg

Dieter Salomon:
Das Thema, das Freiburg am meisten verändert hat in den vergangenen 30, 40 Jahren – und was in der Öffentlichkeit nicht unbedingt wahrgenommen wird –, ist, dass Freiburg sich zu einer Forschungs- und Wissenschaftsstadt entwickelt hat. Es gab Ausgründungen aus der Universität, die hier arbeitsplatzmäßig unglaublich relevant sind. Wir sind die Stadt in Baden-Württemberg, die seit den 80er-Jahren – damals zugegebenermaßen ausgehend von niedrigem Niveau – nicht nur prozentual gesehen, den höchsten Arbeitsplatzzuwachs hat, sondern auch in absoluten Zahlen. Im mittleren Neckarraum gab es Anfang der neunziger Jahre einen großen Verlust industrieller Arbeitsplätze. Innerhalb eines Jahres gingen dort 150.000 Arbeitsplätze verloren.

Bei uns ist nichts verloren gegangen, sondern wir haben umgekehrt im Windschatten dieser industriellen Krise die Dienstleistungen in den Bereichen Forschung, Handel, Versicherungen und Banken aufgebaut. Der größte Wertschöpfungsfaktor dabei – das weiß kein Mensch in Freiburg – ist der ganze Bereich, den wir Neudeutsch Life Science nennen. Das ist ein Konglomerat aus dem klassischen Gesundheitsbereich bestehend aus Uni-Klinikum, Ärzten, Reha-Einrichtungen, Medizintechnikbereich usw. Medizintechnische Firmen haben seit dem 19. Jahrhundert eine große Tradition im Schwarzwald. Wir haben hier drei, vier Firmen mit Weltruf in der Medizintechnik, bis hin zu Biotechnologiefirmen*. Das zeichnet das Gesundheits-Cluster hier aus. Nicht nur fast 25 Prozent der Arbeitsplätze in Freiburg hängen hier dran, sondern auch rund 25 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen. Dabei muss man dazu sagen, dass die Uni-Klinik als größte Arbeitgeberin in Südbaden mit über 10.000 Beschäftigten ja bis auf Nebenbereiche eigentlich keine Gewerbesteuer zahlt. Wenn man das gesamte Gesundheits-Cluster inklusive pharmazeutische Industrie zusammenrechnet, dann kommen wir ungefähr auf ein Viertel unserer Gewerbesteuereinnahmen. Dabei hat die Stadt Freiburg mit rund 170 Millionen (2015) heute das dreifache Gewerbesteueraufkommen wie noch vor 20 Jahren.

* Biotech-Unternehmen aus Freiburg organisieren sich im Verein „BioValley e.V.“. mit seiner Geschäftsstelle im Biotechpark Freiburg. Träger des Biotechparks ist die Technologiestiftung BioMed Freiburg

Frage:
Lassen Sie uns noch einen Blick über die Grenzen werfen. Bereiten Ihnen die gegenwärtigen Entwicklungen in Europa Sorgen?

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat neulich auf dem Grünen-Parteitag einen Satz gesagt, der mich nachdenklich gemacht hat. Kretschmann sagte, er hätte sich in seinem Leben nicht vorstellen können, dass er noch mal um die liberale Demokratie, um den Rechtsstaat kämpfen muss.Dieter Salomon

Dieter Salomon:
Große Sorgen sogar. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat neulich auf dem Grünen-Parteitag einen Satz gesagt, der mich nachdenklich gemacht hat. Kretschmann sagte, er hätte sich in seinem Leben nicht vorstellen können, dass er noch mal um die liberale Demokratie, um den Rechtsstaat kämpfen muss. Wir haben ein Gesellschaftssystem, das bis vor kurzem allgemein akzeptiert war. Wobei man sich natürlich darüber streitet, was alles schlecht ist, was man besser machen muss und in welche Richtung es sich entwickelt. Aber niemand hat doch infrage gestellt, dass das ein gutes System ist. Und jetzt erleben wir in ganz Europa, dass die Angst vor Veränderung und Komplexität bei vielen Menschen den Wunsch nach vermeintlich einfachen, überschaubaren, nationalen Strukturen weckt.

Frage:
Was müssen die europäischen Staaten Ihrer Meinung nach jetzt tun?

Dieter Salomon:
Wir müssen uns alle am Riemen reißen und gemeinsam wieder handlungsfähig werden. Das Problem in Europa ist, dass die vielen nationalen Regierungen jeweils von populistischen Bewegungen oder populistischen Figuren handlungsunfähig gemacht werden. Dabei haben Regierungen Angst davor, dass, wenn sie vernünftig handeln würden, am Ende die Populisten die Macht übernehmen würden. Und das macht wiederum eine europäische Einigung unmöglich. Kanzlerin Angela Merkel, zum Beispiel, hat eine verantwortungsvolle Flüchtlingspolitik betrieben – stand allerdings in Europa sehr allein da. Der französische Präsident Francois Hollande sagte zu ihr: „Du hast ja in der Sache recht, aber wenn ich das mache, wird Marine Le Pen vom Front National noch stärker, das kann ich nicht machen.“ Vergleichbare Situationen haben wir in den Niederlanden, in Österreich und in einigen osteuropäischen Ländern. Wir sind nicht bereit, die europäische Idee, die immer eine Idee von Menschenrechten, Gleichheit und Toleranz war, zu leben. Das macht Europa handlungsunfähig. und das macht mir schon große Sorgen.

Ein nachdenklicher Oberbürgermeister

Frage:
Das heißt, der Optimismus liegt da gerade ein bisschen auf Eis bei Ihnen?

Dieter Salomon:
Der hat einen schweren Dämpfer genommen. Und ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem wir alle dafür kämpfen müssen, dass diese Demokratie erhalten bleibt! Ich glaube, wir Kinder der Demokratie begreifen erst jetzt, dass unsere Demokratie wahnsinnig viel voraussetzt. Und dass sie nur überleben kann, wenn auch die Menschen für die Demokratie einstehen und sich bürgerschaftlich füreinander engagieren.

Frage:
Kann so eine Bewegung wieder entstehen?

Dieter Salomon:
Die gibt es bereits, wie wir während der Flüchtlingssituation im vergangenen Jahr gesehen haben, wo wildfremde Menschen den Flüchtlingen einfach so geholfen haben. Aber sie findet nicht unter politischen Überschriften, sondern zwischenmenschlich statt. Und das ist ja eigentlich wunderbar.

Letzte Frage:
Jetzt haben wir über viele Dinge gesprochen, die Ihnen Sorgen bereiten. Was macht Ihnen denn trotz allem noch Hoffnung für die Zukunft?

Dieter Salomon:
Mir hat im Dezember vor allem Hoffnung gemacht, dass die Freiburgerinnen und Freiburger trotz des brutalen Verbrechens an einer Studentin mutmaßlich durch einen Flüchtling aus Afghanistan besonnen und reflektiert geblieben sind. Auch der Unterstützung für Flüchtlinge hat das Ganze offensichtlich keinen Abbruch getan. Das macht mir Mut, dass die Kultur des Respekts, der Toleranz und des demokratischen Umgangs in einer bunten und vielfältigen Gesellschaft weiter gelebt werden.“

Das Interview führte Marcus Stradinger
Fotos: Michael Bode

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