Frauen gehören zur Kirche ohne Wenn und Aber

Er wünscht sich mehr Frauen in den Führungspositionen der Kirche, er setzt sich für den Dialog zwischen den Religionen ein und er findet, jeder muss selbst entscheiden, was ihn glücklich macht. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger ist ein moderner Kirchenmann, der von einem nie abweichen würde: dem Grundauftrag der Kirche, das Evangelium zu verkünden.

Zur Person:

Foto: Roger Köppe / Erzbistum Freiburg

Stephan Burger wurde 2014 von Papst Franziskus zum Erzbischof von Freiburg ernannt. Er ist Nachfolger von Dr. Robert Zollitsch und fünfzehnter Erzbischof der im Jahre 1827 gegründeten Erzdiözese Freiburg. Mit rund 1,9 Millionen Katholiken gehört das Erzbistum zu den größten der insgesamt 27 Diözesen in Deutschland.

Stephan Burger kam am 29. April 1962 in Freiburg zur Welt. Aufgewachsen ist er in Löffingen. Nach dem Studium der Philosophie und Theologie in Freiburg und München wurde Stephan Burger 1990 zum Priester geweiht. Nach Vikarsjahren in Tauberbischofsheim und Pforzheim wurde er 1995 Pfarrer in St. Leon-Rot. Neben seinem Dienst als Pfarrer absolvierte er von 2004 bis 2006 ein Aufbaustudium am Kanonistischen Institut der Universität Münster. 2007 bis 2014 war Stephan Burger Offizial der Erzdiözese Freiburg. Der Gerichtsvikar vertritt den Erzbischof im Bereich der kirchlichen Gerichtsbarkeit und leitet die kirchliche Gerichtsbehörde.

Frage:
Herr Erzbischof, auf Ihrer Website gibt es einen Bereich „Erzbistum diskutiert Wege in die Zukunft“. Dabei geht es um die neuen Diözesanen Leitlinien. Es tauchen Begriffe auf wie Leitende Linien“, Leitende Perspektiven“ und „Leitende Prinzipien“. Bedeutet die Gestaltung von Zukunft für Sie vor allem Leiten, Führen, Anleiten?

Ich verstehe das Kirchenrecht nicht als ein Recht, das einschränkt.Stephan Burger

Stephan Burger:
Mit dem Wort „Anleiten“ bekommt die Frage schon eine ganz andere Wendung. Und das ist mir auch sehr wichtig. Für uns als Kirche kann es nur darum gehen, einen gewissen Rahmen zu erstellen. Mit den Möglichkeiten, die wir als Institution haben und innerhalb unserer rechtlichen Vorgaben. Es geht nicht darum, einspurig etwas festzusetzen. Sondern es geht darum, zu sagen: Das gehört zu uns als Kirche und zu unserem Verständnis. Und in diesem Rahmen wollen wir gemeinsam Zukunft entwickeln. Hier ist für mich ein ganz wichtiges Stichwort Subsidiarität. (Wikipedia) Sprich, wir geben nicht alles per Order vor, sondern es wird gemeinsam vor Ort überlegt, was getan werden kann. Und es Punkte gibt, bei denen ich als Bischof sagen muss, wenn wir als Kirche unterwegs sein wollen, müssen wir uns an den vorgegebenen Rahmen halten. Der Leitungsbegriff ist für mich weit gefasst.

Frage:
Der Begriff ist für Sie weit gefasst. Aber wie eng ist der Rahmen, der aus Rom kommt?

Stephan Burger:
Richtig, der Rahmen kommt aus Rom. Und er ist, um es kurz und knapp zu sagen, im Kirchenrecht festgelegt. Ich bin von Haus aus ja Kirchenrechtler. Aber ich verstehe das Kirchenrecht nicht als ein Recht, das einschränkt. Es legt nicht alles bis ins Detail fest. Das Kirchenrecht steckt gewisse Positionen ab, innerhalb derer wir die Möglichkeit haben, Dinge zu entwickeln. Da geht es auch darum, bestimmte Gesetze zu interpretieren und sich weiterzubewegen. Das Kirchenrecht eröffnet durchaus Spielräume.

Holzschnitt in einer Ausgabe des Corpus luris canonici von 1573

Das Kirchenrecht, auch kanonisches Recht (Wikipedia), regelt das Leben innerhalb einer kirchlichen Gemeinschaft. Es ist quasi das Grundgesetz für Gemeindemitglieder. In säkulären Staaten ist das Kirchenrecht dem staatlichen Grundgesetz untergeordnet. Dennoch gewährt das kirchliche Selbstbestimmungsrecht den Religionsgemeinschaften Freiheit von staatlicher Einmischung. Im Bereich des kanonischen Rechts erfolgt die Rechtsprechung durch die ordentlichen Kirchengerichte (Wikipedia), auch Offizialate oder Konsistorien genannt.
Die Kodifizierung des Kirchenrechts begann bereits im Mittelalter. Die daraus entstandene Gesetzessammlung, der Codex luris Canonici, wurde zuletzt im Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils bis 1983 vollständig überarbeitet.

Der Codex luris Canonici, das innere Kirchenrecht, besteht aus sieben Büchern:

Buch 1: Allgemeine Normen
Buch 2: Volk Gottes
Buch 3: Verkündigungsdienst der Kirche
Buch 4: Heiligungsdienst der Kirche
Buch 5: Kirchenvermögen
Buch 6: Strafbestimmungen in der Kirche
Buch 7: Prozesse

(Weiterführende Informationen: Der Codex luris Canonici / 1983)

Frage:
Globalisierung, Digitalisierung, disruptive Veränderungen in der Arbeitswelt: Das sind Fremdwörter, die vielen Menschen Angst machen, weil sie diese Entwicklungen nicht verstehen bzw. davon überfordert sind. Welche Antworten hat die Kirche auf die Verunsicherung der Menschen?

Wenn wir uns in Gottes- und Nächstenliebe auf den Weg machen, können wir Zukunft gestalten, kann Zukunft gelingen.Stephan Burger

Stephan Burger:
Da hat die Kirche seit 2000 Jahren eine Antwort: das Evangelium. Wenn wir in die Geschichte schauen, hat es schon immer Entwicklungen und Veränderungen gegeben. Es haben sich Gesellschaften gebildet und wieder aufgelöst. Es gab Auseinandersetzungen, Zerwürfnisse und Zusammenführungen. Hier hat die Kirche den Grundauftrag, all diese Prozesse mit dem Evangelium in die Zukunft zu begleiten.

Das Evangelium will als Grundlage für Entwicklungen dienen für eine bessere Welt. Bei allem, was wir nicht steuern und einschätzen können, wissen wir uns doch getragen von der Botschaft Jesu Christi. Wir wissen uns getragen von einem Gott, der uns Zukunft zusichert. Wenn wir uns in Gottes- und Nächstenliebe auf den Weg machen, können wir Zukunft gestalten, kann Zukunft gelingen. Und dann brauchen wir uns trotz aller Veränderungen vor der Zukunft nicht zu fürchten, weil unser Leben immer in Gottes Hand liegt.

Es gehört zu unserer christlichen Überzeugung, dass Jesus Christus der Herr von Zeit und Ewigkeit ist. Und mit ihm bewegen wir uns. Wenn wir mit ihm Zukunft gestalten, brauchen wir nicht zu fürchten, sondern können sie als Chance begreifen

Frage:
Müssen Sie das Überbringen der Botschaft an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen?

Stephan Burger:
Wir müssen die richtigen Worte finden. Wir müssen sie in die Zeit hineinverkünden, damit sie auch angenommen und verstanden werden können. Das ist eine Herausforderung. Immer wieder. Und je nachdem, in welchem Milieu man sich bewegt, stellt sich die Frage, inwieweit die Menschen noch mit einer religiösen Sprache vertraut sind, inwieweit verstehen sie die Worte noch. Die Übersetzungsarbeit ist ein bleibender Auftrag für die Kirche. Das gelingt einmal mehr, einmal weniger.

Frage:
Das Evangelium ist also eine Botschaft, die über die Jahrtausende Bestand hat. Ist das nicht auch ein Vorwurf, der der Kirche gemacht wird? Dass sie sich nicht verändert?

Stephan Burger:
Wenn wir die Geschichte anschauen, hat sich Kirche immer verändert. Weil sich die Zeiten und die Gesellschaften verändern. Und weil wir immer in der jeweiligen Zeit und Gesellschaft mit der Botschaft Gottes unterwegs sind. In der Kirche spiegelt sich auch immer ein Stück Gesellschaft, denn die Menschen in der Kirche gehören ja zur Gesellschaft. Umgekehrt tragen die Menschen in der Kirche die Gesellschaft mit. Sie haben die Aufgabe, das Evangelium in die Gesellschaft zu tragen und immer wieder neu umzusetzen. Mir geht es darum, keine Gegensätze aufzubauen, sondern Kirche und Gesellschaft im Miteinander zu sehen.

Frage:
Zu den Menschen in der Kirche gehören vor allem auch die Frauen. Das Zukunftsinstitut (Dossier) behauptet: „Die Geschlechterbilder fusionieren, alte Rollenbilder und Karrieremodelle lösen sich auf.“ Im Zusammenhang mit der katholischen Kirche hat diese Aussage ja eine besondere Konnotation. Wie lange wird sich Rom noch gegen die Frauen wehren können? Sie selbst schätzen die Mitarbeit von Frauen in Ihrem Bistum ja offensichtlich.

Stephan Burger:
Es steht für mich ganz außer Frage, dass Frauen in dieser Kirche einen Auftrag haben. Dafür war ich lange genug Pfarrer, um zu wissen, was Frauen in der Kirche alles stemmen. Ohne die Frauen wäre Kirche für mich nicht denkbar und lebbar. Sie gehören dazu. Ohne Wenn und Aber. Was natürlich bisher als Problem wahrgenommen wird, ist die Zulassung zu den Weiheämtern. Da hat die katholische Kirche aufgrund ihrer Lehre und ihrer Tradition die klare Auffassung, dass das Weiheamt den Männern vorbehalten bleibt. Dazu hat sich Papst Johannes Paul II. (Karol Józef Wojtyła, Anm.d.R.) klar geäußert (Siehe auch). Ebenso auch der jetzige Papst Franziskus. Er rückt ebenfalls nicht von dieser Grundposition ab. (FAZ Artikel) Aber er setzt neue Akzente. Er möchte in Führungspositionen, die nicht an das Weiheamt gebunden sind, mehr Frauen einbeziehen. Die Perspektive der Frauen ist für uns wichtig und unverzichtbar. Dass hier noch mehr getan werden kann, um Frauen in gehobene Positionen zu bringen, das steht für mich außer Frage. Darauf lege ich großen Wert. Wenn es um Glaubenslehre, Glaubensinhalte und dogmatische Festlegungen geht, unterwirft sich die Kirche nicht dem Zeitgeist. Hier gibt es ein Kontinuum durch die Geschichte hindurch. Es gibt eine offenbarte Wahrheit. Wenn diese nicht mehr verstanden wird, muss es uns gelingen, eine Sprache zu finden, die Menschen verstehen. Wie das angenommen wird, ist eine andere Frage. Wir können unsere Botschaft niemandem aufzwingen, nur dazu einladen.

Frage:
Wenn Sie im Freiburger Münster den Blick über die Häupter Ihrer Schäfchen schweifen lassen, sehen Sie vermutlich viel Grau und Weiß. Macht Ihnen das Sorge um den Fortbestand der Kirche?

Freiburger Münster

Stephan Burger:
Nein, darüber mache ich mir keine Sorgen. Kirche ist für mich nicht zuerst eine Institution, sondern ein Geschenk Jesu Christi an uns. Er schenkt uns den Glauben und die Gemeinschaft mit ihm. Das wird sich zeitlos durch die Geschichte weiterbewegen, wird weitergeschenkt und weitergegeben. Was sich verändern wird, ist manche äußere Gestalt der Kirche. Natürlich ist der Besuch des Gottesdienstes, die Feier der Heiligen Messe, ein sehr wichtiges Element und für mich unverzichtbar. Aber Kirchenzugehörigkeit nur an der Zahl der Gottesdienstbesucher festzumachen, das würde für mich zu kurz greifen. Es sind sehr viele glaubend unterwegs, auch wenn sie nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen. Wir erleben es sehr wohl, dass sich auch junge Menschen für den Glauben begeistern, den Glauben leben. Was sich aber nicht immer gleich in der jeweiligen Pfarrgemeinde auswirkt. Es gibt innerhalb der Kirche auch Verbände, Gruppierungen und Gemeinschaften.  Mir ist es wichtig, Kirche in ihrer ganzen Breite zu sehen. Und das nicht allein auf den Gottesdienstbesuch zu reduzieren. Gerade wenn es um das soziale und caritative Engagement geht, bei der Flüchtlingshilfe zum Beispiel, sind viele in Nächstenliebe unterwegs, ohne dass sich das am Sonntag im Gottesdienst niederschlägt.

Frage:
Sind es eher ältere Menschen, die sich im Ehrenamt engagieren?

Stephan Burger:
Nein. Da sind wir querbeet gut aufgestellt. Das Thema Flüchtlingshilfe hat Kirche wieder in ein neues Licht gerückt. Die Menschen sehen, das ist nicht nur ein Gebäude aus Stein. Es waren noch nie so viele ehrenamtlich engagiert in der Kirche wie in dieser Zeit. Früher war klar: Kirche, das ist der Pfarrer, der macht das – gemäß des Schäfchenprinzips: der Hirte weiß alles und macht alles. Die Gläubigen gehen in den Gottesdienst und gut. Hier hat sich im Gemeindeleben einiges gewandelt. Es geht nicht darum, eine Botschaft von oben zu verkünden, sondern, im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Botschaft als Volks Gottes gemeinsam zu leben.

Konzileröffnung 1962 – Foto: Peter Geymayer

 

 

 

 

 

 

 

Im Januar 1961 kündigte Papst Johannes XXIII. das nach katholischer Zählung 21. ökumenische Konzil an. Es wurde zwischen Oktober 1962 und Dezember 1965 in vier Sitzungsperioden im Vatikan abgehalten. Auch als Zweites Vatikanisches Konzil bezeichnet, steht es für die Erneuerung der katholischen Kirche.

Weitere Informationen: Deutsche Bischofskonferenz – Das zweite Vatikanische Konzil

Frage:
Wir sehen uns einer immer größer werdenden Zahl von Menschen anderer Glaubensrichtungen gegenüber. Vor allem aus dem arabischen Raum. Wie gehen Sie hier in Freiburg mit dieser wachsenden muslimischen Glaubensgemeinschaft um?

Stephan Burger:
Es steht für mich außer Frage, dass wir uns in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen in Respekt und Achtung begegnen. Jeder hat seine Überzeugung. Entscheidend ist, dass wir den Dialog suchen und im Gespräch bleiben. So lernen wir voneinander. Je nachdem, woher die muslimischen Gläubigen zu uns kommen, müssen sie sich nicht nur mit einer fremden Kultur und Religion auseinandersetzen. Sie treffen hier in Deutschland auch auf unterschiedliche muslimische Strömungen. Das ist eine große Herausforderung. Die muslimischen Gemeinden haben ja – ähnlich unseren christlichen Konfessionen – unterschiedliche theologische Ansätze. Auch für sie sollte es wichtig und notwendig sein, ins Gespräch zu kommen. So wie es für uns wichtig ist, uns mit den unterschiedlichen Konfessionen auszutauschen. Hier zum Dialog zu ermutigen und sich gemeinsam bewusst zu machen, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit des Religionsverständnisses und des Glaubens zu einer Gesellschaft des Miteinanders zusammenwachsen sollten – das ist für mich ein wichtiges Anliegen.

Wir dürfen die Religionen nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen miteinander Wege in die Zukunft suchen und ein friedliches Miteinander fördern und vorleben. Wenn wir die Religionen genauer analysieren, erkennen wir sehr wohl Überschneidungen, Dinge, die uns gemeinsam wichtig sind. Darauf können wir aufbauen. Dazu gehört natürlich die Bereitschaft auf allen Seiten, Ängste und Befürchtungen zu überwinden und aufeinander zuzugehen. Dialog kann man nicht erzwingen.

Frage:
Wird sich die Diskussion um die Integration von Flüchtlingen bald beruhigen?

Stephan Burger:
Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. Die Menschen kamen ja aus einer Notsituation zu uns. Sie treffen hier bei uns auf eine völlig andere Kultur. Und je nachdem, wie offen die Gesellschaften sind, aus denen sie kommen, tun sie sich mit unserer Art der Freiheit und des Lebensstils sehr schwer. Wir werden deshalb noch sehr viel an Hilfestellungen leisten müssen. Integration ist kein Selbstläufer. Aber wenn von Ängsten vor einer Islamisierung gesprochen wird, muss man das auch einmal in Relation setzen.
Es leben fünf bis sechs Millionen Muslime in Deutschland bei einer Gesamtbevölkerung von mehr als 80 Millionen Menschen. Und dann heißt es, wir hätten keine Chance, unsere Kultur zu erhalten. Da frage ich mich wirklich, was geht bei uns eigentlich gerade ab? Die Mehrheit der Muslime ist bereit, sich zu integrieren, die Sprache zu lernen, Berufe zu ergreifen, Steuern zu bezahlen und die Gesellschaft mitzutragen. Deshalb wehre ich mich gegen die Schwarz-Weiß-Malerei und gegen die Angstmacherei. Wir haben keinen Grund dazu.

Aber vielleicht dient diese Diskussion dazu, sich der eigenen Kultur wieder mehr bewusst zu werden. Worauf gründen wir unsere Gesellschaft? Worauf gründen wir unsere Werte? Was ist uns wichtig?

Frage:
Die Kirche – nicht nur die katholische – setzt stark auf Gemeinschaft und auf ein tradiertes Familien- und Gesellschaftsbild. Die Entwicklung, vor allem in den westlichen Gesellschaften, geht schon lange in die entgegengesetzte Richtung: Individualisierung, klassische Lebenskonzepte werden nicht einmal mehr bewusst infrage gestellt, sondern spielen einfach keine Rolle. Ist diese Entwicklung in Ihren Augen grundsätzlich negativ? Gibt es dem Einzelnen mehr Freiheit – oder weniger?

Es gab es in allen Zeiten, dass Menschen mit bestimmten Positionen der Kirche nicht einig waren. Aber das heißt für mich nicht, dass sie nicht der Kirche zugehörig sein können. Stephan Burger

Stephan Burger:
Das ist eine Frage, die jeder Einzelne zunächst für sich selbst beantworten muss. Ich kann bestimmte Lebensformen nicht aufzwingen. Das sind die Entscheidungen eines Individuums: Ich möchte allein leben. Ich möchte in einer Partnerschaft leben. Ich möchte eine Familie gründen. Jede und jeder muss sich heute Gedanken machen über seine Lebensgestaltung. Als Kirche haben wir natürlich klare Vorstellungen von Familie, vom Zusammenleben, von einer Gesellschaft, die wir für richtig halten. Ob der Einzelne das dann akzeptiert oder nicht, das ist die Freiheit jedes Einzelnen. Da kann ich niemanden bevormunden. Aber die Kirche hat das Recht und die Pflicht ihr Verständnis in die Gesellschaft einzubringen.  Zugleich muss ich auch denjenigen respektieren, der nicht so lebt, wie die Kirche es sagt. Ich werde mich hüten, über jemand anderen den Stab zu brechen. Und erwarte umgekehrt Respekt vor unserer Meinung.

„Ausbildung, Arbeit, Heirat, Kinder, Tod? Die neuen Biografien kennen nicht nur eine Richtung, sondern sie verlaufen entlang neuer Brüche, Umwege und Neuanfänge. Sie sind zu „Multigrafien“ geworden. Und in einer Gesellschaft, die uns immer mehr individuelle Freiheiten gibt, uns aber auch immer stärker unter Entscheidungsdruck setzt, verändern sich Werte …“

Zukunftsinstitut – Megatrend Individualisierung

Zu allen Zeiten gabe es Menschen, die mit bestimmten Positionen der Kirche nicht einig waren. Aber das heißt für mich nicht, dass sie nicht der Kirche zugehörig sein können. Es gab schon immer ein Ringen um die persönliche Lebensführung. Wir sind alle Menschen, die nicht Ideale nicht ganz erfüllen, sondern die immer wieder mehr oder weniger dahinter zurückbleiben und scheitern. Und für die, die scheitern, sich besinnen und umkehren, hat Kirche den Auftrag, im Namen Jesu Vergebung zuzusprchen und Versöhnung zu ermöglichen.  Wer fehlgegangen ist, kann wieder umkehren und von Neuem anfangen. Kirche ist keine Gesellschaft der Heiligen. Kirche ist eine Gemeinschaft fehlerhafter Menschen, die  im Glauben unterwegs sind. Das hat auch Papst Franziskus kürzlich in seinem großen Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT deutlich gemacht, wenn er von sich selbst sagte, dass er ein Sünder und fehlbar sei. Mir persönlich liegt es am Herzen, dass die Kirche niemandem die Tür vor der Nase zuknallt. Alle Menschen sind wichtig und wertvoll. Wer sich nicht an den Vorstellungen der Kirche orientiert, verliert trotzdem nicht seine Würde als Mensch. Auch als Kirche müssen wir immer wieder neu lernen mit der Thematik des Scheiterns umzugehen. Das Evangelium ermutigt uns, uns immer wieder weiterzuentwickeln.

Frage:
Sie sind der Chef einer großen Verwaltung. Sind Sie noch nahe genug an den Menschen, um zu wissen, was sie bewegt?

Stephan Burger:
Sollte das einmal nicht mehr der Fall sein, spätestens dann wird es Zeit, meinen Posten zu räumen (lacht). Ich möchte kein Verwaltungsmensch oder Technokrat werden, der losgelöst vom normalen Leben die Fäden zieht. Der Dienst in der Kirche ist der Dienst für und an den Menschen. Und das kann nur dann gelingen, wenn man den Kontakt zu den Menschen hat. Wenn der mal nicht mehr da ist, dann läuft es aus dem Ruder. Dafür war ich auch lange genug normaler Ortspfarrer, um zu wissen, worauf es ankommt.

Frage:
In 50 Jahren feiert die Volksbank Freiburg 200-jähriges Jubiläum. Wo sehen Sie die Erzdiözese Freiburg in 50 Jahren? Wird sich etwas grundlegend verändert haben?

Stephan Burger:
Da lassen sich heute schon Entwicklungen absehen. Es wird sicherlich Gemeinden mit einem blühenden Leben geben, weil es Gläubige gibt, die sich engagieren und denen es wichtig ist, den Glauben in Gemeinschaft zu leben. Und es wird Gemeinden geben, in denen sich niemand mehr groß interessiert. Aber ich bin der Überzeugung, dass auch in 50 Jahren Kirche präsent sein wird, für die Menschen da sein wird. Aber mit welchen Möglichkeiten und welcher Ausdehnung, das muss ich offenlassen. Das hängt auch davon ab, wie es der Kirche als Institution gelingt, Verwaltungsstrukturen zu modifizieren und an die Herausforderungen anzupassen. An der äußeren Gestalt von Kirche wird sich noch einiges verändern. Das ändert allerdings nichts am Grundauftrag und daran, dass Kirche auch in 50 Jahren die Botschaft Jesu verkünden wird.

Frage:
Unser Alltag wird immer schneller und komplexer. Was machen Sie persönlich, um mit dieser Komplexität zurechtzukommen?

Stephan Burger:

Ich versuche, mir meinen Glauben zu erhalten. Die Beziehung zu Gott zu pflegen. Das ist für mich die Grundvoraussetzung, um mit dem Leben zurechtzukommen. Zu wissen, bei allen Unsicherheiten, da geht einer mit mir und gibt mir Hoffnung und die Kraft, alle Herausforderungen anzugehen. Nicht umsonst habe ich als bischöflichen Wahlspruch gewählt: Christus in cordibus – Christus in den Herzen. Er erinnert mich an den Rückhalt, den ich habe. Und dann ist es auch gut zu wissen, dass ich nicht allein, sondern mit vielen unterwegs bin und Kirche gestalte.

Und wenn ich mal eine Auszeit brauche, finde ich im Kloster Beuron immer eine Zufluchtsstätte.

Kloster Beuron 2009 im oberen Donautal – Foto: Elke Wetzig

Der Bruder von Erzbischof Stephan Burger, Tutilo Burger, ist Erzabt des Benediktiner-Klosters Beuron im Donautal
Link zum Kloster
Panorama-Rundgang im Kloster Beuron

Frage:
Beim Blick in die Zukunft: Was macht Ihnen Angst, was macht Ihnen Hoffnung?

Stephan Burger:
Angst ist vielleicht ein zu starkes Wort. Aber wenn ich mir unsere gesamtpolitische Lage anschaue, wirft das schon Fragezeichen auf. Wo bleiben – auch weltweit – Politiker mit Vernunft an der Regierung, die klar analysieren können und Entwicklungen mit Bedacht voranbringen? Und wo bestimmen nur noch Emotionen die Entscheidungen?

Hoffnung macht mir allemal die Gewissheit, dass wir nicht Herr von Zeit und Ewigkeit sind. Das ist ein anderer. Und er will, dass unser Leben gelingt. Er trägt uns. Und das lässt mich mit Zuversicht in die Zukunft schauen.

Das Interview führte: Mechthild Wachter
Fotos: Michael Bode

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