Einfach Technik bedienen

Softwarelösungen versprechen uns, den Alltag zu erleichtern – sofern sie einfach und intuitiv zu bedienen sind. Moderne Technik allein reicht nicht aus, finden die Reservix Geschäftsführer Johannes Tolle und Johannes Güntert. Was noch dazukommen muss, um als Dienstleister zukunftsfähig zu sein, erzählen sie im Gespräch.

Unsere Stärke ist, dass wir wie ein Veranstalter denken. Johannes Tolle und Johannes Güntert

Zum Unternehmen:

Die Reservix GmbH bietet Veranstaltern ein webbasiertes Buchungssystem und gilt als eines der führenden Ticketingsysteme in Deutschland.

Zu den Kunden gehören Vorverkaufsstellen, Konzertveranstalter, Theaterhäuser, Kommunen und Sportvereine. Ihnen hilft Reservix beim Vertrieb von Tickets, aber auch beim Marketing und der Bewerbung der Veranstaltungen. Das Unternehmen wurde 2003 von Johannes Tolle und Johannes Güntert in Freiburg gegründet. Heute hat Reservix weitere Standorte in Frankfurt, Berlin, Oldenburg und Hamburg und beschäftigt insgesamt rund 260 Mitarbeiter.

Frage:
In Sachen Online-Ticket-Verkauf waren Sie vor 13 Jahren Vorreiter. Damit haben Sie vielen Veranstaltern das Leben erleichtert. Wie kamen Sie auf die Idee, Tickets online zu verkaufen?

Johannes Tolle:
Das ist damals aus der Praxis heraus entstanden. Mit meinem damaligen Chor, dem John Sheppard Ensemble, veranstalteten wir regelmäßig Konzerte. Johannes Güntert war aktiver Sänger in diesem Chor und kam 2001 auf die Idee, ein Online-Tool zu entwickeln, mit dem man Karten für unsere Konzerte bestellen konnte und zwar schon damals sitzplatzgenau.

Johannes Güntert:
Es war zwar nur ein kleines Tool, das ich in meiner Freizeit programmiert habe, aber es hatte den entscheidenden Vorteil, dass man die Tickets zu Hause ausdrucken konnte und das war 2001 noch ziemlich einmalig.

Johannes Tolle:
Und wir hatten sofort damit Erfolg: Besonders die Freiburger Studenten haben das intensiv genutzt und sich fleißig Tickets ausgedruckt und so hatten wir auch deswegen gut besuchte Konzerte.

Frage:
War das der Auslöser für ihre Existenzgründung?

Johannes Tolle:
Zuerst wollten wir das System gar nicht kommerziell anbieten, sondern nur für uns selbst nutzen. Nachdem es aber so gut angenommen wurde, haben wir uns gesagt – Moment mal, da könnte man doch mehr damit machen. Also haben wir eine Firma gegründet und einfach mal losgelegt. Wir hatten dann das Glück, sehr früh den SC Freiburg als Kunden zu gewinnen. Das war natürlich eine hervorragende Referenz und so sind wir hier in der Region relativ schnell bekannt und erfolgreich geworden.

Wir hatten das Glück, sehr früh den SC Freiburg für unser Ticketsystem zu gewinnen. Johannes Tolle

Frage:
Inzwischen sind wir es gewohnt, viele Dinge online abzuwickeln. Wie war das zu ihrer Anfangszeit? Hatten Veranstalter und Endkunden damals noch Berührungsängste mit Online-Tools?

Johannes Tolle:
Nein, die Resonanz bei den Veranstaltern war von Anfang an sehr gut. Es gab ja bereits Online-Ticketingsysteme, allerdings beruhten die noch auf einer teuren und umständlichen Technik.

Johannes Güntert:
Der entscheidende Unterschied war, dass unser System von Anfang an webbasiert war. Das bedeutet, jeder der Internet hatte, konnte es sofort nutzen. Man brauchte also keine spezielle Software auf den Rechnern zu installieren oder gar eine teure Standleitung einzurichten, wie es bis dahin üblich war.

Johannes Tolle:
Bei uns konnten die Veranstalter alle Vertriebswege, also Vorverkaufsstellen, Online-Verkauf und Abendkasse, über das Web abwickeln und zwar völlig unabhängig vom benutzten Betriebssystem. Damit haben wir es auch kleinen Veranstaltern ermöglicht, mit uns zu arbeiten.

Frage:
Wie haben Sie Ihr System in den vergangenen 13 Jahren weiterentwickelt?

Johannes Tolle:
Letztlich ähneln sich doch die Bedürfnisse der meisten Veranstalter. Deshalb bieten wir ein einheitliches System an, das gut bedienbar ist und sich rasch konfigurieren lässt. Wenn es dann doch einmal Sonderwünsche oder neue Anforderungen gibt – und die gibt es im Ticketing immer wieder – versuchen wir das so umzusetzen, dass es in das Gesamtkonzept passt und von allen genutzt werden kann. Also ein evolutionäres Modell, bei dem alle von diesem Ideenpool profitieren.

Frage:
Besonders in Ihrer Branche muss man ständig up to date sein. Was tun Sie, um nicht von anderen überholt zu werden?

Johannes Güntert:

Wir müssen einfach wissen, was gerade im Trend liegt. Ein Beispiel sind die Endgeräte: Es ist wichtig, das Design immer so anzupassen, dass es auch auf dem Smartphone oder Tablet gut nutzbar ist. Daneben ist die Usability entscheidend – es muss alles einfach zu bedienen sein. Wenn das nicht gegeben ist, funktioniert es nicht. Viele technische Neuerungen scheitern daran, dass sie zu kompliziert sind und deshalb auch nicht benutzt werden. Wir suchen immer die einfachsten Lösungen – also eine komfortable und intuitiv zu bedienende Software, sowohl für den Endkunden als auch für Veranstalter und Vorverkaufsstellen.

Wir müssen einfach immer wissen, was gerade im Trend liegt.Johannes Güntert

Johannes Tolle:
Wir besuchen natürlich die wichtigsten Messen und gehen zu internationalen Branchentreffen. Noch wichtiger ist der direkte Draht zum Kunden. Wir sind eben nicht nur ein Technologieunternehmen, sondern genauso Dienstleister: Wir beraten den Veranstalter, wie er mehr Tickets verkaufen kann und was er konkret dazu braucht. Bei uns sind täglich 20 Mitarbeiter unterwegs, sprechen mit den Kunden, schulen und beraten sie.

Frage:
Gerade in Ihrer Branche sind Sie auf Fachkräfte angewiesen? Wie finden Sie geeignete Mitarbeiter und wie halten Sie diese?

Johannes Tolle:
Ein ganz großer Teil unseres Erfolgs beruht natürlich auf dem hervorragenden Team, das wir hier haben. Deshalb achten wir sehr darauf, auch weiterhin gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Und das ist heutzutage nicht einfach, besonders im Bereich Softwareentwicklung. Auf der anderen Seite profitieren wir von unseren Standorten: Mit Frankfurt, Berlin und Freiburg haben wir drei ganz unterschiedliche „Stadttypen“ zu bieten: Eine Großstadt in der Mitte Deutschlands, eine Metropole wie Berlin und natürlich Freiburg mit seiner hohen Lebensqualität, dazu noch Oldenburg mit einer Uni mit dem Fachbereich Informatik.

Johannes Güntert:
Wir können also aus einem größeren Pool schöpfen. Es müssen ja heute nicht mehr alle am gleichen Ort sein, um zusammen arbeiten zu können. Ich denke, die Entwicklung geht zukünftig da hin, dass man verschiedene Teams an verschiedenen Orten hat, die dort jeweils unterschiedliche Dinge erledigen, aber eng miteinander vernetzt sind und miteinander kommunizieren. Gerade Informatiker können sich heute die Jobs aussuchen und wollen nicht mehr örtlich flexibel sein. Aus diesem Grund muss eben der Arbeitgeber mobil sein.
Außerdem denken wir langfristig, was die Ausbildung betrifft und arbeiten mit dualen Hochschulen zusammen. Wir beschäftigen immer zwei bis drei Auszubildende, die wir in vielen Fällen auch übernehmen. Wir bilden also die Mitarbeiter für unser sehr spezielles Business möglichst selbst aus. Und die meisten entwickeln sich innerhalb unseres Hauses weiter. Es gibt Kollegen, die im Service oder am Telefon angefangen haben und sich dann
umorientiert und ins Marketing oder den Vertrieb gegangen sind. Wir haben eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Abteilungen.

Gerade Informatiker können sich heute die Jobs aussuchen und wollen nicht mehr örtlich flexibel sein. Aus diesem Grund muss eben der Arbeitgeber mobil sein.Johannes Güntert

Frage:
Stichwort Unternehmenskultur: Unterscheidet sich ihr Unternehmen in Sachen Mitarbeiterführung und Hierarchien von Traditionsunternehmen?

Johannes Güntert:
Wir haben generell eine flache Hierarchie – natürlich gibt es Strukturen, Teamleiter und Mitarbeiter, die für bestimmte Bereiche zuständig sind. Allerdings ist das eher eine Rollenstruktur, das heißt, dass einzelne Mitarbeiter je nach Projekt verschiedene Rollen übernehmen können. Es gibt nicht immer dieselben Teams und dieselben Teamleiter, sondern das ist projektbezogen – denn jeder hat seine Stärken in unterschiedlichen Bereichen.

Frage:
Welche Trends erwarten Sie für Ihre Branche in den nächsten Jahren?

Johannes Güntert:
Ticketing wird auf jeden Fall noch mobiler und immer einfacher werden. Die Bezahlung wird noch konsequenter direkt über das Smartphone abgewickelt, das wiederum selbst als „Ticket“ für die Einlasskontrolle dienen wird.

Johannes Tolle:
Ich bin mir sicher, dass es zwar immer auf effiziente Technologie ankommen wird, das aber allein wird nicht ausreichen, um erfolgreich zu sein. Denn unserer Erfahrung nach gibt es zu jedem großen Trend fast immer einen „Gegentrend“. Dass man sich z.B. heutzutage sein Ticket ausdrucken kann, ist praktisch, aber viele Leute vermissen das bunte Ticket von früher. Und so bieten wir unseren Kunden neuerdings ein sogenanntes Premiumticket, das zwar digital erzeugt wird, aber fast genauso aussieht, wie das Ticket im Analogzeitalter und das man sich gern als Souvenir an die Pinnwand hängt.

Frage:
Blick in die Zukunft: Im Jahr 2067 feiert die Volksbank Freiburg ihr 200-jähriges Bestehen. Wird Reservix dann noch auf dem Markt sein?

Johannes Güntert:
Da sind wir optimistisch. Wenn es uns gelingt, die Nachfolge zu klären und wir der technologischen Entwicklung folgen, dann kann es Reservix auch in vielen Jahren noch geben.

Frage:
Gefühlt wird unser Alltag immer komplexer und damit unübersichtlicher. Was tun Sie, um den Überblick zu behalten?

Johannes Güntert:
Ich denke, es hilft, Systeme zu benutzen, die uns den Alltag vereinfachen. Mit Groupware, also Software, die die Zusammenarbeit von Menschen an unterschiedlichen Orten vereinfacht, kann man gute Wege und Strukturen schaffen, um sich mit vielen Menschen zu organisieren und den Überblick zu behalten.

Frage:
Was macht Ihnen Angst, wenn Sie an die Zukunft denken? Und was macht Ihnen Hoffnung?

Johannes Güntert:
Angst macht mir auf jeden Fall der Populismus. Die Globalisierung ist an sich eine gute Sache, aber es besteht immer die Gefahr, dass die Menschen ihre Vorteile nicht sehen und in Anachronismus zurückfallen oder Ängste entwickeln. Man spricht ja inzwischen vom postfaktischen Zeitalter und da muss man wirklich aufpassen, dass man Meinungen nicht gleichberechtigt zu Fakten sieht. Gleichzeitig bin ich optimistisch, dass die positiven Seiten der modernen Entwicklungen die Oberhand gewinnen. Also beispielsweise, dass Technologien dazu dienen, Umweltprobleme zu lösen.

Johannes Tolle:
Ich mache mir Sorgen, dass sich Populismus und im Gefolge nationalistische Tendenzen weltweit weiter ausbreiten. Ich denke, es steht auch für uns Europäer ungeheuer viel auf dem Spiel. Hoffnung macht mir, dass immer mehr Menschen diese Sorge teilen und bereit sind, sich zu engagieren.

Das Interview führten Claudia Wasmer und Franziska Wendlandt
Fotos: Michael Bode

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