Ein Stamm mit vielen Wurzeln

Wie aus den Darlehenskassen und Vorschussvereinen ein mächtiger Zweig der Finanzwirtschaft wurde. Die Volksbank Freiburg hat tiefe Wurzeln in den Städten und Gemeinden der Region zwischen Rhein und Schwarzwald.

Am Anfang war die Hilfe vor Ort: Waren- und Kreditgenossenschaften entstanden dort, wo ein Bedarf nicht anders zu decken war. Der „Hilfsverein zur Unterstützung der Not leidenden Bevölkerung“, den Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Bürgermeister von Weyerbusch im Westerwald, 1847 ins Leben rief und die „Rohstoffassoziation für Tischer und Schuhmacher“ im sächsischen Delitzsch, gegründet von Richter Hermann Schulze im Jahr 1849, waren genossenschaftliche Vorläufer der Darlehenskassen und Kreditvereine, die zunächst nur auf örtlicher Ebene operierten. Doch die grundsätzliche Idee, sich mit Zusammenschlüssen auch in wirtschaftlicher Hinsicht beizustehen, verbreitete sich mit der Gründung des Deutschen Reiches rasant und führte bald zu regionalen, dann nationalen Dachverbänden. Die von unten gewachsene Bewegung wurde Ende des 19. Jahrhunderts durch das Engagement der Sozialreformer in den Parlamenten durch die Regierungen in Gesetzesform gegossen.

Genossenschaftsbanken im Großherzogtum Baden Ende 19. Jahrhundert

Das „Gesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“, kurz Genossenschaftsgesetz trat im deutschen Kaiserreich zum 1. Oktober 1889 in Kraft. Es regelt das Recht der Genossenschaften reichseinheitlich, zuvor gab es Gesetze in mehreren Ländern.

Die Genossenschaftsgesetze in den Ländern und im Deutschen Reich lösten weitere Gründungen aus: Waren- und Handelsgeschäfte, Molkereien, Handwerker, Winzer – in allen Wirtschaftsbranchen wurde die Genossenschaft als Firma salonfähig und die Genossenschaftsbanken wuchsen zum starken Pfeiler des Kreditwesens neben den Privat- und Aktienbanken heran. Die Genossenschaft als Rechtsform eines Unternehmens erwies sich als praktikabel, hilfreich und in Krisen stabil.

1872 schloss sich die Freiburger Gewerbebank dem Oberbadischen Verband der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften an, der nach der Reform des Genossenschaftsgesetzes von 1889 auch zum Prüfungsverband bestimmt wurde.

Die Freiburger Gewerbebank blieb nach ihrer Gründung 60 Jahre lang auf das Stadtgebiet von Freiburg begrenzt. 1928 schloss sich ihr die Spar- und Vorschussbank Todtnau an. Offenbar auch auf Wunsch der Textil- und Bürstenindustrie im Hinteren Wiesental, die ihre Produkte seit 1848 schneller über die neue Passstraße Notschrei nach Freiburg bringen konnte. 1943 ging auf Weisung des badischen Wirtschaftsministeriums die kleine genossenschaftliche Landesbank für Haus- und Grundbesitz Karlsruhe in der Freiburger Gewerbebank auf. Die entscheidenden Fusionen, die aus der Gewerbebank die Volksbank machten, fingen in den 1970er-Jahren an. Die Volksbank Freiburg ist das Produkt vieler Fusionen von kleinen und kleinsten Genossenschaften.

Verlosung beim Prämiensparen in der Freiburger Gewerbebank vor 1970

Auf ihrer Ahnentafel finden sich 35 verschiedene Namen, nicht nur große und bekannte, sondern auch längst vergessene wie beispielsweise der 1888 gegründete „Ländliche Consumverein Königschaffhausen“ am Kaiserstuhl oder die „Hengsthaltungsgenossenschaft Breitnau Steig“ im südlichen Schwarzwald, die „Landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaft Rötenbach“ im Hochschwarzwald und der „Ländliche Kreditverein Hausen an der Möhlin“ im Breisgau.

Die Fusion mit der Volksbank St. Blasien im Jahr 1972 machte den Auftakt. Zur wichtigsten Fusion jedoch geriet der Zusammenschluss zwischen Freiburger Gewerbebank und Raiffeisenbank Freiburg im Jahr 1973. Die Raiffeisenbank Freiburg war aus einer Reihe von Zusammenschlüssen von Waren- und Kreditgenossenschaften im südlichen Breisgau entstanden. Die Vereinigung der „Blauen“ und der „Gelben“ in Freiburg – so die gegenseitigen Titulierungen entsprechend der bevorzugten Werbefarbe – fand nicht von ungefähr in der Schlussphase des Nachkriegsbooms statt. Das Ende des üppigen Wachstums bedeutete mehr Konkurrenz um einen schrumpfenden Kuchen. Die kleinen Finanzinstitute konnten zudem die anstehenden Investitionen in neue Technologien nicht alleine stemmen. Die Vereinigung der beiden Traditionslinien der Genossenschaften war auf allen Ebenen, auch bei den Verbänden, durch die wirtschaftliche Entwicklung auf die Tagesordnung gesetzt worden. Widerstand war in den meisten Fällen zwecklos, die „Kleinen“ hätten in der Regel auf Dauer nicht überleben können.

Die zweite Fusionswelle fand zur Jahrtausendwende statt. Den Impuls gab der Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken Ende der 1990er-Jahre mit dem Slogan „Bündelung der Kräfte“. In Südbaden folgten daraus die Fusionen der Volksbank Freiburg mit der Raiffeisenbank Südlicher Schwarzwald in der Gegend von St. Märgen und St. Peter im Jahr 2000, mit der Kaiserstühler Volksbank im Jahr 2002 und mit der Volksbank Hochschwarzwald im Jahr 2003.

 

Alle Verschmelzungen hatten freilich ihre Besonderheiten. Die Volksbank Hochschwarzwald war in finanzielle Schwierigkeiten geraten und konnte nur durch die Fusion gerettet werden, während die anderen Fusionspartner als wirtschaftlich gesunde Häuser unter ein gemeinsames Dach im regionalen Wirtschaftszentrum Freiburg gingen.

Am Ende der Fusionen stand eine bedeutende Regionalbank mit Einzugsgebiet vom Rhein bis in den Hochschwarzwald mit einer um ein Drittel höheren Bilanzsumme von 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2003. Im Jahr 2006 wurde mit 41 personalbetriebenen Zweigstellen der höchste Stand der Versorgung in der Fläche erreicht.

Die Nähe zum Kunden war die große Stärke gegenüber Großbanken, die Filialen nur in mittleren und größeren Städten eröffneten. Persönliche Beratung auch im ländlichen Raum erwies sich als Vorteil im härter werdenden Wettbewerb. Mit der Digitalisierung stellt sich die Herausforderung „Kundennähe“ jedoch auf neue Weise. „König Kunde“ setzt sich heutzutage abends oder in seiner Freizeit an den PC oder nimmt in der Mittagspause sein Smartphone, um ohne Schlangestehen und Warten vor dem Schalter Bankgeschäfte zu tätigen. Aus der Filialbank ist teilweise bereits eine Direktbank geworden.

Doch nicht alles ist virtuell machbar. Der Mensch braucht zuweilen Bargeld und das kommt nicht über Glasfaser oder Funkwellen. Und auch manches bargeldlose Bankgeschäft ist ohne persönliches Gespräch zwischen Menschen nicht möglich: Wer einen namhaften Kredit für die Finanzierung einer Wohnung braucht oder Geld in einen Fonds zur Altersversorgung anlegen will, braucht Rat. Die besten Ratgeber findet der Kunde oder die Kundin dort, wo die Erfahrung sitzt – bei den Fachkräften der Bank seines Vertrauens. Dieser „Kanal“ war bei der Gründung vor 150 Jahren der Einzige – und er ist heute im geschäftlichen Bereich genauso wichtig wie damals.

Denn Investitionsfinanzierung ist virtuell nicht möglich, dazu ist jeder Fall zu speziell, zu komplex und zu diskret. Er muss von Mensch zu Mensch besprochen werden. Volksbank-Berater sind auf diese Aufgabe eingestellt. Sie müssen schnell beraten und sie werden dabei von einer modernen und leistungsfähigen Informationstechnologie unterstützt. Die kann je nach Bedarf und Möglichkeiten des Kunden sofort und automatisch Lösungsvorschläge anzeigen, die Berater und Kunde unmittelbar am Bildschirm umsetzen können.

Umfang und Qualität der Bankgeschäfte sind 150 Jahre nach Gründung der Freiburger Gewerbebank nicht mit dem einfachen Kreditgeschäft des 19. Jahrhunderts zu vergleichen. Geblieben ist jedoch das Prinzip: Was immer noch und immer mehr zählt, sind Vertrauen und Seriosität. Auch weil die Fülle der Informationen groß, aber der Durchblick für den Normalbürger schwierig ist. Die Volksbank Freiburg baut als Nachfolgerin der Gewerbebank auf die Kompetenz von  500 Beschäftigten, die Treue von 43.000 Mitgliedern, 140.000 Kunden und ist mit einer Bilanzsumme von über drei Milliarden Euro und fünf Milliarden betreutem Kundenvolumen eine der größten Genossenschaftsbanken im Land.

Mobile Zweigstelle der Freiburger Gewerbebank für den Freiburger Westen

Autor: Heinz Siebold

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