„Durch jeden Fehler entsteht Zukunft“

Seit Nassim Taleb, Professor für Risikoanalyse an der New York University, 2013 sein Buch „Antifragilität“ veröffentlicht hat, treibt Experten eine Frage um: Sind Banken antifragil genug, um die nächste Finanzkrise zu überstehen? Darüber und ob 100-prozentige Sicherheit überhaupt sinnvoll ist, haben wir mit dem Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx gesprochen.

Zur Person:

Matthias Horx, geboren 1955 in Düsseldorf, ist Publizist und Unternehmensberater und gilt als einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nach dem Studium der Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main arbeitete er zunächst als Comic-Zeichner und später als Autor bei verschiedenen Zeitschriften wie „Tempo“ und „Merian“ sowie bei der „Zeit“. 1993 gründete er gemeinsam mit Peter Wippermann das Trendbüro in Hamburg. Fünf Jahre später folgte die Gründung des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main, das sich in der Folgezeit zu einer der wichtigsten Denkfabriken der europäischen Trend- und Zukunftsforschung entwickelte. Das privatwirtschaftliche Institut hat Filialen in London und Wien und beschäftigt 35 Mitarbeiter.

Matthias Horx beleuchtet in seinen Beiträgen die Wechselwirkung von sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends. Neben zahlreichen Studien hat der Publizist auch viele Bücher geschrieben, darunter „Zukunft wagen – Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren“ (2013), „Das Megatrend-Prinzip – Wie die Welt von morgen entsteht“ (2011) und „Das Buch des Wandels – Wie Menschen Zukunft gestalten“ (2009).

Matthias Horx lebt mit seiner Frau, Oona Horx-Strathern, und den beiden Kindern, Tristan und Julian, am Stadtrand von Wien. Dort bewohnt er seit 2010 mit seiner Familie das sogenannte Future Evolution House, „ein Testlabor für ein Familienleben in der Zukunft“ (Horx).

(Quelle: Zukunftsinstitut, Wikipedia)

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.zukunftsinstitut.de),
Fotos: Klaus Vyhnalek

Das Horxsche Zukunftshaus besteht aus zwei voneinander getrennten Kuben („Home“ und „Work“). Dazwischen gibt es einen Teich, eine Wiese und einen kleinen Gemüsegarten. Die Box „Home“ ist in die Bereiche „Love“, „Lounge“ und „Guests“ aufgeteilt, wobei das Paar im Bereich „Love“ lebt (Schlafzimmer plus Bad) und die Kinder im Bereich „Guests“.

Zwischen diesen beiden Bereichen befindet sich der Gemeinschaftsraum „Lounge“, in dem unter anderem elektronische Kommunikationsmittel verboten sind.

Über den Garten erreicht man den etwa 100 Meter entfernten Kubus „Work“, in dem Matthias Horx und seine Frau Oona Horx Strathern ihre Büros haben. Dort gibt es auch ein kleines Kino und eine Gästewohnung.

Zwar werden im Future Evolution House erneuerbare Energien wie eine Photovoltaik-Anlage genutzt und die Familie fährt ein Elektroauto, für das sie den Strom selbst produziert – technische Gimmicks sucht man dennoch vergebens. Alles ist nutzerorientiert und soll dazu beitragen, dass alle Bewohner die Möglichkeit haben, sich individuell zu verwirklichen. Denn Horx ist überzeugt, dass der Mensch nicht nur Technik braucht, um zufrieden und glücklich zu sein, sondern auch die Natur. Die Frage „Was wollen Menschen mit Technik erreichen?“ ist daher von zentraler Bedeutung für ihn und soll in diesem „Testlabor für ein Familienleben in der Zukunft“ unter anderem beantwortet werden.

Was ist das Besondere an Ihrem Future Evolution House?

Wie wohnen wir in der Zukunft?

Nassim Nicholas Taleb, Jahrgang 1960, ist Ehrenprofessor für Risikoanalyse an der New York University und Autor zahlreicher Fachbücher und wissenschaftlicher Aufsätze. Weltweite Bekanntheit erlangte der Wirtschaftsmathematiker mit seinem Buch „Der Schwarze Schwan“, das im April 2007 erschien. Darin lieferte er mit dem Bild des „Schwarzen Schwans“ die passenden Erklärungsansätze für den Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008/2009. Der Titel ist inzwischen weltweit ein geflügeltes Wort, um das völlig Unerwartete zu beschreiben.

Taleb wurde im Libanon geboren und studierte unter anderem an den Universitäten von Pennsylvania und Paris-Dauphine, wo er auch promovierte. Vor seiner Karriere als Bestsellerautor arbeitete er für Banken und Unternehmen als Hedgefonds-Manager an der Wallstreet. Neben „Der Schwarze Schwan“ zählen die Bücher „Narren des Zufalls“ (2001) und „Antifragilität“ (2013) zu seinen bekanntesten Werken. In Letzterem beschreibt er Antifragilität allgemein als Eigenschaft oder Fähigkeit, sich unter Unsicherheit, Variabilität, Störungen und Stress zu verbessern. Es ist in einer sich verändernden und unvorhersehbaren Umwelt als das Gegenteil von Fragilität definiert. Fragiles leidet unter dem Einfluss von Zufälligkeit, Variabilität, Störung und Stress. Es wird schlechter oder geht zugrunde.
[Quelle: Wikipedia]

Frage:
Nassim Taleb skizziert ein einfaches Bild, um das Thema „Antifragilität“ – mit Blick auf Banken – zu erklären: „Der nächste Crash eines Flugzeugs führt dazu, dass die Wahrscheinlichkeit von Flugzeugabstürzen abnimmt. Der Crash einer Bank führt dazu, dass die Wahrscheinlichkeit von Banken-Crashs zunimmt.“ Können Sie uns das näher erläutern, Herr Horx?

Matthias Horx: 
Dazu sollten wir uns zuerst den Begriff Antifragilität genauer anschauen. Das Wort beschreibt Systeme, die sich stören lassen, irritieren lassen und dadurch ständig lernen. Im Grunde genommen kann man das auf eine Familie beziehen. Eine Familie ist deshalb oft so robust, weil in ihr dauernd Chaos herrscht, weil dauernd etwas stört. Die Kinder stören, die Eltern stören sich gegenseitig, der Hund stört. Da aber dieses System gelernt hat, damit umzugehen, ist es lebendig.

Matthias Horx im Interview Antifragilität

Nassim Nicholas Taleb erklärt „Antifragilität“ 

Interview mit Nassim Nicholas Taleb auf 3Sat (in englischer Sprache)

Frage:
Und was bedeutet das für die Finanzbranche?

Matthias Horx: 
Eine Bank, die immer mehr auf Sicherheit, auf die Ausweitung ihres Geschäftsmodells und höhere Zinsen setzt und ihre lineare Erwartung an die Zukunft dadurch ausfüllt, dass sie immer mehr Kundenberater und Manager einstellt, wird scheitern, weil sie nicht mehr vital ist. Sie ist im Grunde genommen nicht mehr störfähig. Sie wird innerlich versteinern – und irgendwann zusammenbrechen. Bei klassischen Hierarchien haben wir oft den Effekt, dass diese nicht mehr anpassungsfähig sind für Wandel und Veränderung. Deshalb sind auch alle Netzwerkformen sehr viel antifragiler, robuster, resilienter in Bezug auf Herausforderungen der Zukunft.

Frage:
Sind Genossenschaftsbanken dann im Vorteil?

Das Paradoxe ist, dass durch die Fehler, die wir alle machen – und wenn wir daraus lernen –, sehr viel mehr Zukunft entsteht als durch die Fehler, die wir um jeden Preis vermeiden möchten.Matthias Horx

Matthias Horx:
Auf jeden Fall, weil sie als Netzwerk aufgebaut sind und weil sie nicht – oder zumindest nicht immer – die klassische Pyramide abbilden. Das können Sie heute sehr gut in der Automobilbranche sehen. Die Krisen dort haben sehr viel damit zu tun, dass dort alte Hierarchien vorherrschen, die sich eben nicht mehr stören lassen. Die haben ein bestimmtes Bild der Welt und wollen dieses gnadenlos durchsetzen. Hier kommt es immer wieder zu Fehlern. Das Paradoxe ist, dass durch die Fehler, die wir alle machen – und wenn wir daraus lernen –, sehr viel mehr Zukunft entsteht als durch die Fehler, die wir um jeden Preis vermeiden möchten. Das ist die Idee der Antifragilität. Es ist eigentlich die Theorie des Lebendigen.

Frage:
Klingt irgendwie nach selbst lernenden Systemen …

Matthias Horx:
Systeme haben immer eine Selbst-Lern- und Selbst-Korrekturfähigkeit. Das sehen wir auch am menschlichen Organismus. Wir haben ein Immunsystem, das permanent lernt. Wenn aber das Immunsystem durch Krankheiten nicht trainiert wird, dann versagen irgendwann seine Funktionen. 100-prozentige Sicherheit in allen Systemen, die wir gerne hätten – auch in der Gesellschaft –, führt dazu, dass die Gesellschaft letztendlich verkommt. Sie hat keine vitalen, lebendigen Prozesse des Lernens mehr. Durch den übermäßigen Wunsch nach Sicherheit werden wir die Sicherheit letztendlich abschaffen.

100-prozentige Sicherheit in allen Systemen – auch in der Gesellschaft – führt dazu, dass die Gesellschaft letztendlich verkommt.Matthias Horx

Wie macht man Systeme sicher?

Das Interview führten Dr. Stephan Tiersch und Marcus Stradinger
Kamera/Fotos: Helmut Fischer

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