Die Volksbank – früher und heute

Von der Mitgliedergenossenschaft bis zum kundenorientieren Dienstleister. Die ersten Mitglieder der Gewerbebank waren noch vollumfänglich haftende Eigentümer mit unternehmerischem Risiko. Heute ist das Risiko gestreut und wird mit modernsten Mitteln gemanagt. Seit der Digitalisierung und mit Beginn der Dienstleistungsgesellschaft ist das Bankgeschäft komplett neu orientiert und organisiert worden.

Was früher gut war, muss heute nicht schlecht sein: Seriosität und Vertrauen waren und sind das wichtigste Kapital, das der Bank Kundschaft und Geschäft bringt. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken haben über das Versprechen hinaus, so sein zu wollen, ein paar wichtige Grundsicherungen von Beginn an installiert. Die Bank gehört nicht anonymen Investoren mit Stimmrechtspaketen, sondern namentlich bekannten Bürgern mit verantwortlichen Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. In der Mitgliederbank hat jeder Eigentümer den gleichen Anteil und daher bei Entscheidungen der Generalversammlung auch das gleiche Stimmrecht. Der Geschäftszweck der Genossenschaftsbank ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Förderung all ihrer Mitglieder in deren wirtschaftlichen Belangen. Eine Solidargemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil, so wie heute noch.

Seinerzeit hochmodern: das Kassenterminal um 1974

Das Solidarprinzip ging bei der Freiburger Gewerbebank am Anfang so weit, dass jedes einzelne Mitglied mit seinem ganzen Vermögen für alle Verbindlichkeiten der Bank haftete. Das war einerseits ein Risiko, andererseits eine Demonstration für potenzielle Kunden. Sie bedeutete: Seht her – euer Geld ist bei uns sicher. Die unbeschränkte Haftung war möglich, als der Kreis der Kunden und das Geschäft übersichtlich waren. Man kannte sich persönlich und konnte die Bonität eines Kreditnehmers augenscheinlich gut bewerten.

Das Geschäft der Freiburger Gewerbebank bestand nach ihrer Gründung praktisch ausschließlich in der Kreditvergabe und Darlehensaufnahme zwischen Mitgliedern. Sparbücher wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt, das Massengeschäft ohne Pflicht zur Mitgliedschaft wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg heran. Die unbeschränkte Haftung konnte nicht lange aufrechterhalten werden, weil das Erfolgsmodell immer mehr Mitglieder anzog und Bonitätsprüfungen somit schwieriger wurden. Schon 1879 wurden neue Sicherungsnachweise eingefordert, Bürgschaften und „Faustpfänder“. Nachdem der Freiburger Bauboom der Jahrhundertwende abgeflaut war, kam es zu Insolvenzen und Zwangsvollstreckungen, sodass die Gewerbebank die Haftung der Mitglieder auf ihren Geschäftsanteil begrenzte. Wäre das nicht geschehen, hätte die Gewerbebank die Inflation 1923 vermutlich nicht heil überstanden.

Im Zeitalter der Globalisierung sind die Sicherungsmechanismen zum zentralen Merkmal des Bankgeschäftes geworden. Ohne Risikomanagement ist Bankgeschäft heute nicht mehr möglich. Auch die Volksbank Freiburg hat dafür neue Instrumente entwickeln müssen. In der jüngsten Zeit gibt es dafür eine neue Zeitrechnung: „nach der Finanzkrise“. Seitdem hat das Risikomanagement eine ganz neue Bedeutung bekommen und es kostet viel Geld. Die Risikotragfähigkeit der Volksbank Freiburg wird ständig vom Geschäftsbereich Unternehmenssteuerung überprüft. Nach dem Willen des Gesetzgebers muss heute jede Bank ihre Bücher weit öffnen. Das soll ein zweites Fiasko wie 2008 – die Pleite der Lehman-Bank und ihre Folgen – verhindern. Das ist im Prinzip sinnvoll, allerdings wird zu wenig zwischen Bank und Bank differenziert. Investmentbanken ticken anders als regionale Genossenschaftsbanken. (Siehe hierzu auch unser Zukünfte-Interview mit Vorstand Uwe Barth.)

Nach der Finanzkrise wurden viele Rettungsschirme aufgespannt, der Verbraucherschutz beim Abschluss von Bankgeschäften, insbesondere Wertpapiergeschäften, verschärft.

Eine Werbung für den allgemeinen Sprachgebrauch

Die „Regulatorik“, so der Fachbegriff für Transparenz- und Präventionsmaßnahmen, hat dermaßen zugenommen, dass sich seit 2014 eine eigen Abteilung mit dem Namen „Compliance“ darum kümmert. Ihre Aufgabe ist es, die „Regelkonformität“  in allen geschäftlichen Vorgängen zu verbessern und den rechtlichen Anforderungen gerecht zu werden. Compliance ist keine nachgelagerte Kontrolle, sondern von vorneherein in alle operativen und strategischen Prozesse eingebunden. Denn regelkonformes Verhalten bedeutet, dass strengstens darauf geachtet wird, die „Mindestanforderungen an das Risiko“ der Bundesanstalt für Bankenaufsicht (BaFin) einzuhalten. Jeder Fehler, jedes Versehen könnte sonst den Abschluss eines Wertpapiergeschäftes gefährden. In der Compliance-Abteilung gibt es Beauftragte für den Wertpapierschutz, für Informationssicherheit, für Geldwäsche- und Betrugsprävention.

Rechtskonformes Verhalten ist Bestandteil der Bonitätsprüfung bei Krediten und muss in jedem Beratungsprotokoll sichtbar sein. Auch wenn der Verbraucherschutz durch die Formulare und „Beipackzettel“ zuweilen übertrieben ausgestaltet scheint, hat er Nutzen auch für die Bank. Er steigert die Beratungsqualität und Banken, die ihre Mitarbeiter darauf einstellen, haben Vorteile im Wettbewerb.

Verbraucherschutz soll den wirtschaftlich schwächeren Konsumenten gegenüber den stärkeren Unternehmen, Institutionen und dem Staat schützen. Daher müssen Geschäfte transparent sein. Es gibt kein gesondertes und gebündeltes Verbraucherschutzgesetz, sondern eine Vielzahl von Vorschriften. Verbraucherschutz für Finanzdienstleistungen ist im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Wertpapierhandelsgesetz geregelt. Die Bankenaufsicht (BaFin) verlangt eine anlage- und anlegergerechte Beratung, die Einholung und Dokumentation von Angaben des Kunden zu seinen Anlagezielen, Vermögensverhältnissen und seiner Risikobereitschaft und die namentliche Meldung aller Wertpapierberater. Kritiker bemängeln, dass die damit verbundene Papierflut den Kunden eher verwirrt als aufhellt und den Finanzdienstleistern enorme bürokratische Hürden errichtet.

Bankbeamte hat es im eigentlichen Sinne nie gegeben. Aber man nannte sie so. Streng, unnahbar und würdevoll bewilligten oder lehnten sie – zumeist Herren in Schwarz – die Anträge von Kunden ab. Nicht nur die Schalterfestungen und Bratenröcke sind verschwunden, das Selbstverständnis einer Bank, die im scharfen Wettbewerb steht, ist ein völlig anderes. Das Herz der Bank ist heute der Vertrieb. Sechzig Prozent der rund 500 Volksbank-Mitarbeiter sind direkt am Kunden tätig, als Berater für all seine Bedürfnisse in jeder Lebensphase. Fast vierzig weitere Prozent sind in der „Produktion“, sie verarbeiten „innen“, was der Vertrieb „außen“ akquiriert hat, zu Verträgen. Alles vertriebsnah und mit möglichst geringem Zeitaufwand dank stetig wachsendem EDV-Einsatz. Eine Filialbank muss heute so schnell sein wie eine Direktbank – und zugleich anders: eine Beraterbank.

Dementsprechend wichtig ist heute die Ausbildung. Die Volksbank Freiburg bildet ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem hohen Anteil selbst aus, ein Dutzend Azubis werden jedes Jahr eingestellt und die meisten werden nach der Lehre übernommen.

Viele Auszubildenden werden nach der zweijährigen Lehre über die Akademie Badischer Volksbanken und Raiffeisenbanken oder der Frankfurt School of Finance and Management zu Bankfach- oder Bankbetriebswirten fortgebildet und bereiten sich in Trainée-Programmen auf Führungsaufgaben vor.

Das „Recruiting“ von Auszubildenden und externen Fachkräften geht heute über die Herausbildung einer profilierten „Arbeitgebermarke“. Die Volksbank wirbt mit ihrem Profil daher auch bei Portalen wie „Kununu“ und stellt sich Beurteilungen in Sachen Arbeitsatmosphäre, Vorgesetztenverhalten, Kollegenzusammenhalt, Interessante Aufgaben, Kommunikation, Gleichberechtigung, Umgang mit Kollegen Karriere/Weiterbildung, Gehalt/Sozialleistungen, Arbeitsbedingungen, Umwelt-/Sozialbewusstsein, Work-Life-Balance und Image.

Die Ausbildung von Fachkräften in der Bank gehört zum Kernbereich des Geschäfts, dessen wichtigstes Kapital das Vertrauen ist. Sachkenntnis und Kommunikationsfertigkeit sind für die verantwortungsvolle Tätigkeit unabdingbar. Finanzprodukte vom Konsumkredit bis zur Wohnungsfinanzierung oder Anlageformen sind für viele Menschen schwer durchschaubar und einzuschätzen. Anders als etwa beim Kauf von Waren informieren sich die Kunden bei Finanzprodukten zwar vorab im Internet, suchen dann aber in der Regel immer noch den persönlichen Kontakt zur Bank. Online- und Mobile-Banking haben ihre Grenzen, die Filiale bleibt daher ein wichtiger Weg zur regionalen Bank. Immerhin besuchen nach wie vor zwei Drittel aller Bankkunden mindestens einmal im Jahr ihren Bankberater in der Filiale – bei den Volksbanken sind es 74 Prozent. Das Vertrauen der Kunden muss nicht nur erarbeitet, sondern auch nachhaltig bestätigt und gerechtfertigt werden.

Und dennoch ist mit der fortschreitenden Digitalisierung die Reduzierung von Infrastruktur vorprogrammiert. Der bargeldlose Zahlungsverkehr wird dank der Bezahldienste im Internet noch zunehmen. Die gesamte deutsche Kreditwirtschaft zieht mit „Paydirect“ in diesem Wettbewerb mit. Noch im Jahr 1990 gab es in Deutschland noch 50.000 Bankfilialen, ihre Zahl ist mittlerweile unter 30.000 gesunken. Auch Regionalbanken wie die Volksbanken und Raiffeisenbanken suchen nach Wegen, auch unter dem Diktat der Kosten-Nutzen-Relation den direkten Kundenkontakt über Filialen zu erhalten. Am Ende wird das Verbraucherverhalten über die Zahl der Filialen entscheiden. Die Produktivität der Beschäftigten ist dank der Digitalisierung in den letzten zehn Jahren gut um das Doppelte gestiegen. Unter dem Druck von niedrigen Zinsen und damit sinkenden Erträgen im Kerngeschäft, von steigenden Kosten durch Investitionen in IT-Technologie und Fachpersonal werden die Banken ihre Produktivität weiter erhöhen müssen. Ob die Bank als „Vollsortimenter“ bestehen oder sich auf ausgewählte Bereiche konzentrieren wird, wird sich zeigen.

Werbung für Auszubildende, Personalentwicklung und Arbeitgebermarketing – all das hat bei der Gewerbebank-Gründung 1867 und lange Zeit danach keine oder kaum eine Rolle gespielt. Auch noch nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1954, als Peter Grunert seine Banklehre bei der Freiburger Gewerbebank begann, hatte sich in Bezug auf Rang und Ansehen der Lehrlinge gegenüber der Vorkriegszeit nicht viel geändert. Nach wie vor wurden die „Stifte“ als dienstbare Hilfskräfte eingesetzt, denen man ungeliebte Arbeiten und Botengänge übertrug.

Peter Grunert schildert das so: „Eine gefürchtete Tätigkeit war das Sortieren der täglich anfallenden Buchungsbelege zu den passenden Kontoblättern. Nach Schalterschluss wurden die Taschen mit Belegen und Kontoblättern zu mächtigen elektromechanischen Buchungsmaschinen gebracht und dort verbucht. Die Lehrlinge verbrachten einen Großteil ihrer Lehrzeit mit dieser notwendigen, aber stupiden Sortierarbeit, die keinen Ausbildungssinn ergab. Da war es eine willkommene Abwechslung, wenn die Frühstückszeit nahte. Dann eilten die Lehrlinge auf den schönen Wochenmarkt am Münster und erfüllten die Einkaufswünsche der Vorgesetzten und Angestellten. Für mich bedeutete dagegen jeder Gang eine Qual, weil die Bratwürste verführerisch dufteten und ich mir keine leisten konnte.

Das Lehrlingsentgelt im ersten Lehrjahr betrug 63 DM, im zweiten 82 DM und im dritten 106 DM. Davon und von einer kleinen Waisenrente musste ich alle Ausgaben bestreiten und sollte bei meinen Verwandten auch noch etwas zum Haushalt beisteuern. Eine ältere Kollegin beobachtete, dass ich nie frühstückte und steckte mir ab und zu heimlich ein Butterbrot zu. Das werde ich nie vergessen, aber auch nicht den Spott der Kollegen wegen meines sächsischen Dialektes. Eine besonders gute Erinnerung habe ich an die Kurse, die der Badische Genossenschaftsverband für alle Lehrlinge in einer Genossenschaftsschule in Staufen durchführte. Dieser gut geleitete Unterrichts- und Freizeitbetrieb machte mir mehr Spaß als die meist recht trockene Praxis.“

Berufsfremde Botengänge erlebte auch Bernhard Wichmann 1961: „Als Lehrling besuchte ich die Berufsschule im heutigen Walter-Eucken-Gymnasium. Sie fand wöchentlich zweimal je einen halben Tag statt. Nach Unterrichtsende wurde die Zeit für den Fußweg zum Betrieb und eine Mittagspause zugestanden. Dann hatte man wieder in der Abteilung zu sein. Die fälligen Hausaufgaben waren die Beschäftigung am Abend oder Samstagnachmittag. Es gehörte zu den Obliegenheiten des Lehrlings, für das Stammpersonal das zweite Frühstück zu besorgen. Da war man eine ganze Stunde damit beschäftigt, in den verschiedenen gewünschten Läden einzukaufen und wurde schließlich noch angemeckert, wenn der heiße Fleischkäse inzwischen nicht mehr warm war. Privatbesorgungen für den Direktor habe ich allerdings auch nicht mehr erlebt.“ Dafür war das Ausfahren von Sammelbestellungen aller Art in die Wohnungen der Kollegen ebenfalls Lehrlingsaufgabe. Und das Abdecken der Maschinen mit Hauben, während sich die Stammbelegschaft zum Nachhauseweg aufmachte. Am Morgen durfte der Lehrling die Post aus dem Schließfach holen, aufmachen und für den Direktor „lesegerecht vorbereiten“. Im ersten Lehrjahr gab es dafür eine Ausbildungsvergütung von 98 Mark, das Einstiegsgehalt lag 1963 bei 538 Mark brutto.

Auszubildende der Gewerbebank um 1956

Autor: Heinz Siebold

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