Des Handwerks goldener Boden

Die Genossenschaftsbank war und ist stets treuer Begleiter und Verbündeter in guten und schlechten Zeiten

Die wichtigsten Träger der Gewerbebank waren in Freiburg immer die Handwerker. Sie stellten die größte Gruppe in der Mitgliedschaft und waren im Aufsichtsrat gut vertreten. Die Gewerbebank wurde im Volksmund zeitweise sogar Metzgerbank genannt, weil sie im Schlachthof eine Zahlstelle hatte. Die Volksbank spiegelt auch die Veränderungen im Handwerk und im modernen Mittelstand wider. Auch heute leistet die Volksbank einen wesentlichen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg des Mittelstandes.

Aus den Berufsbezeichnungen der Gewerbebank-Gründer von 1866/67 wird deutlich, wer die neue Bank vor allem brauchte: Von den 83 Gründern waren 41 ausgewiesene Handwerker, 14 Kaufleute, sieben Fabrikanten, sieben Beamte und acht sonstige Freiberufler. Sechs Gründer machten keine Angaben. Im ersten Aufsichtsrat saßen ein Bankier und zwei Kaufleute. Im Aufsichtsrat („Ausschuss“) vertraten mit Gerber Dominik Federer und Metzger Stefan Knupferer zwei stadtbekannte Meister das Handwerk neben zwei Fabrikanten, einem Arzt und einem Stadtrat. Dominik Federer wurde 1881 für zwei Jahre Aufsichtsratsvorsitzender. Handwerk und Gewerbe machten die Freiburger Gewerbebank zu ihrer Angelegenheit.

Bekannt sind bis heute die Namen von frühen und später dazugekommenen Mitgliedern wie die Buchdrucker Eduard Poppen und seine Kollegen Maximilian Ortmann und Karl Schillinger, Klaviertechniker Camilio Ruckmich, die Maurermeister Salvatore Pontiggia, Josef Winterhalter und Karl Bieringer, Metzgermeister Max Gruninger, Braumeister Julius Feierling und Bäckermeister Franz Anton Usländer, die Inhaber des Sporthauses Glockner & Müller, des Modehauses Oberpaur, der Heidiri Möbelspedition, von Foto Stober und der Rolladenfabrik Berthold Phyrr.

Die Mitgliederverzeichnisse der Freiburger Gewerbebank sind Dokumente der Freiburger Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Die Berufsbezeichnungen der Mitglieder zeugen von der breiten Verankerung der Bank quer durch alle Klassen und Schichten. Vertreten waren Bankiers und Arbeiter, Kaufleute und Tagelöhner, Professoren und Kirchendiener. Auffällig häufig tauchen Lokführer und Heizer auf. Viele der früheren Berufe gibt es heute nicht mehr, etwa Lohnkutscher, Obertelegraphenassistent, Studentendiener, Eisenbahngepäckträger, Hafner, Seifensieder, Oberleitungsaufseher, Bremser.

Auch längst untergegangene Betriebe waren Mitglieder der Gewerbebank. Eine Mützen-, eine Pappdeckel- und eine Mühlsteinfabrik sind in den Listen verzeichnet. Namentlich bekannt sind: W. Schildknecht, Toilettenseifenfabrik, Ignatz Winter, Spezereihändler, Mützenfabrik Wilhelm Kern, Klink und Neundorf, Freiburger Milchkur Anstalt, Dampfziegelei Johann Müller, Pappdeckelfabrik Hermann Strohm, Mineralwasserfabrik Franz Karl Bassing, Gipsfabrikant Johann Nold, A Schmidt & Co Mühlensteinfabrik, Kamerawerkstätten Paul Tzschachmann, Rohstoffgenossenschaft der Schuh  und Schäftemacher GmbH, Fritz Stoll, Sandlieferant, Intern. Zeitungsagentur Karl Unverzagt, Schulreliefkarten und Lehrmittelgeschäft Ad. Schöpflin, Süddeutsche Naturweinzentrale deutscher Gastwirte 10220, Oberbad. Chemische Fabrik Drogengroßhandlung Merder u. Ries, Kontrollkassenfabrikation Benno Eichhorn, Naturecht Fruchtsaftgesellschaft m.b.H., Freiburger Schmirgelverkauf Fritz Schmidt, Gegenseitiger Spiegel Versicherungsverein, Kath. Lehrlingsheim GmbH, Freiburger Lastwagenfuhrbetrieb, Güterbestätterei Feger & Alber, Korncompagnie GmbH, Leder- und Rindenhandlung, Freiburger Teigwarenfabrik H. Maier, Kassenschrankfabrik Schuler, Blindenversorgung Rastatt, Kleister und Klebstofffabrik Meier & Faller, Keradenta, Porzellan & Dental Werke A.G., Freiburger Brezelfabrik, Lodor vereinigte Firmen Zentralheizungen, Globura Erste Schwarzwälder Lampenweckeruhrenfabrik GmbH, Gold und Silberscheideanstalt Dr. J. Braun, Rheinische Tachometerbauanstalt Münzner & Co., Lytax Werke, Bau und Vertrieb feinmechanische Apparate, Kunstharzpresserei Burgbacher.

Werbemarke der Freiburger Firma Gottlieb um 1900

Auch Verbände, Vereine, Genossenschaften und Gesellschaften wurden Mitglieder der Gewerbebank: Akademischer Skiclub, Teutonenhaus GmbH, Verein Frauenclub e.V., Frauen Vinzentius Verein, Hauptausschuss der Zentrumspartei in Baden, Handelsschutz- und Rabattsparverein e.V., Diözesanausschuss der katholischen Arbeitervereine, Rektorat des Kollegiums Altdorf (Schweiz), Deutscher Caritasverband (Zentrale), Reichsverband deutscher Bürstenfabriken, Deutscher Arbeitgeberbund für das Baugewerbe, Bürgergesellschaft Karl von Rotteck, Genossenschaft für Arbeitsbeschaffung im Schneidergewerbe eGmbH.

Die Verbindung zur Freiburger Geschäftswelt riss nie ab. Im ersten Gremium der Bank nach dem Zweiten Weltkrieg saßen der Präsident der Badischen Handwerkskammer Josef Lips (ein Zimmermeister), der Konditormeister Paul Danz, der Metzgermeister August Hillert, der Gastronom Willi Lehmann, der Schreinermeister Robert Ruh und der Hugstettener Zigarrenfabrikant Eduard Schondelmaier. Vorsitzender war Hans Stober, Inhaber von Photo-Stober.

Mit dem Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft veränderte sich auch die Zusammensetzung von Mitgliedschaft und Gremien der Volksbank. Im heutigen Aufsichtsrat ist der Vorsitzende ein promovierter Wirtschaftsingenieur und sein Stellvertreter ein Dachdeckermeister. Die weiteren Mitglieder sind vier Bankangestellte, ein Universitätsprofessor, ein Rechtsanwalt, ein Diplombetriebswirt, zwei geschäftsführende Gesellschafter von Gewerbebetrieben und ein Diplom-Wirtschaftsingenieur.

Eine besonders enge Beziehung zur Freiburger Gewerbebank hatte das Metzgerhandwerk. Schon im ersten Aufsichtsrat 1867 war mit Stefan Knupfer ein bekannter Freiburger Metzgermeister vertreten, die meisten Meister der Zunft wurden Mitglied der Genossenschaftsbank.

Am 12. September 1934 beschloss der Aufsichtsrat der Gewerbebank, im städtischen Schlachthof an der Dreisam, etwas südlich vom heutigen Faulerbad, eine Zahlstelle einzurichten, diese nahm ihre Arbeit am 21. Dezember 1937 auf.

Freiburger Münstermarkt 1902

Im Aufsichtsrat der Volksbank Freiburg waren 1976 ein Bauunternehmer, der Geschäftsführer der Breisgau-Milch GmbH, der Geschäftsführer des Rombach-Verlages, der Inhaber einer Baustoffgroßhandlung, der Inhaber einer Tee- und Kaffee-Handlung, ein Kreishandwerksmeister, der Direktor des Fleischer-Dienstes und zwei Bürgermeister aus dem Umland vertreten, der Vorsitzende war Steuerberater. In den Beiräten engagierten sich Landwirte, Ortsvorsteher, Architekten, Kaufleute, Blechner, Bäcker, Gipser und Installateure.

Den permanenten Strukturwandel des Handwerks in vielen Bereichen hat die Freiburger Gewerbebank, so wie später die Volksbank immer aktiv begleitet. Mit Sicherung der Liquidität, aber auch mit fachlicher Hilfestellung: Bis heute gehört die vertrauliche und frühzeitige Beratung für die Nachfolgeregelung von Betriebsinhabern und für Existenzgründer zum festen Bestandteil der Dienstleistung für Mitglieder und Kunden.

Im alten Schlachthof in der Faulerstraße

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Zahlstelle im Schlachthof wieder eröffnet, damit Viehhändler, Bauern und Metzger ihren Zahlungsverkehr erledigen konnten. Die anliefernden Bauern bestanden meist auf Barzahlung, auch wenn es sich um größere Summen handelte. Die Konten der Viehhändler, später der Agenturen, wurden dementsprechend belastet, ebenso diejenigen der Metzger, die das Fleisch zur Weiterverarbeitung einkauften. Diese Abrechnung wurde „Metzgerprogramm“ genannt. Auch die Lohnzahlungen der Schlachthofmetzger wurden meist über die Zahlstelle abgewickelt, die nur mit einer Person besetzt war und nur montags, dienstags und freitags geöffnet hatte. Der Dienstag und der Freitag waren die Schlachttage.

Wer in der Zahlstelle im Schlachthof arbeiten musste, hatte besondere Arbeitsbedingungen, weil mit der Anlieferung des Viehs und dem Schlachten mehr oder weniger strenge Gerüche und ein erheblicher Lärmpegel verbunden war. Kein Job für zarte Naturen. Andererseits gab es auch interessante und angenehme Seiten. So fanden im Schlachthof die legendären Fastnachtsbälle der Metzger statt und zu Weihnachten konnte sich der Bankangestellte vor nahrhaften Geschenken wie Schinken und Schäufele kaum retten.

Als der Schlachthof 1971 in das Industriegebiet Nord zog, wurde die Zahlstelle in eine reguläre Filiale unmittelbar am Eingang des Betriebsgeländes umgewandelt und stand auch anderen Kunden des Gewerbegebietes offen. Als der bargeldlose Zahlungsverkehr zur Regel wurde, entfiel die Notwendigkeit der Einrichtung für die Schlachthofgeschäfte, daher wurde die Volksbank-Filiale Industriegebiet Nord am 31. August 1994 geschlossen.

Wichtige Aufschlüsse gab das neue Instrument der Marktforschung. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach führte die Volksbank Freiburg 1989 und 1994 Marktanalysen durch, um ihre Zielgruppe und ihre Stellung am Markt präzise zu kennen.

Die Analyse von 1989 ergab, dass 70 Prozent der Unternehmen in Freiburg (und 53 Prozent der Bevölkerung) mit der Sparkasse zusammenarbeiten. 58 Prozent der Unternehmen (und 35 Prozent der Bevölkerung) kooperieren mit der Volksbank. 35 Prozent der Firmenkunden nennen die Volksbank als Hausbank. In diesem Bereich liegt die Volksbank in Freiburg vor allen anderen. Die Großbanken (Deutsche, Dresdner, Commerzbank) sind bei den umsatzstarken Betrieben präsent, die Volksbank beim umsatzschwächeren Mittelstand.

Fünf Jahre später, im Jahre 1994, stellte die Studie fest, dass die Volksbank zwar weniger Exklusivkunden hat als die anderen Kreditinstitute. Aber wieder nennen 33 Prozent der Firmenkunden die Volksbank als Hausbank (zum Vergleich: Deutsche Bank: 9 Prozent). Die Volksbank hat bei den umsatzstarken Unternehmen mit mehr als fünf Millionen DM Jahresumsatz erheblich zugelegt.

Die über Jahrzehnte gewachsene Vielfalt der Dienstleistungsbetriebe in der Region Südbaden ist ein wesentlicher Standortfaktor, von dem vor allem Tourismus und Handel in hohem Maße profitieren.

Die Attraktivität der Region weit über die Grenzen hinaus ist auch ein Verdienst der jahrzehntelangen Handwerks- und Gewerbeförderung der Volksbank. Zahlreiche erfolgreiche Handwerksbetriebe sind der Volksbank über Generationen verbunden, viele haben Startkapital von der Gewerbebank erhalten und sind zu stattlichen kleinen und mittleren Betrieben herangewachsen, teilweise haben sie die Schwelle zum Industriebetrieb überschritten und sind international tätig. Auch solche Betriebe halten nach wie vor der Volksbank Freiburg als ihrer Hausbank die Treue, viele ihrer Geschäftsführer und Eigentümer engagieren sich in den Wahlgremien der Volksbank oder den Kundenbeiräten.

Autor: Heinz Siebold

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