Das Bargeld wird eine Renaissance erleben

Dr. Harald Schauenberg ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volksbank Freiburg. Hier bringt er seine Erfahrungen als mittelständischer Unternehmer ein – und seinen gesunden Menschenverstand. Und der sagt ihm, dass niemand die Zukunft  vorhersagen kann. „Man muss sich aber auf sie einstellen.“

Zur Person:

Dr. Harald Schauenberg

Der promovierte Wirtschaftsingenieur (64) ist Sohn des Unternehmensgründers Wilhelm Schauenberg und seit 1979 Geschäftsführer der Stahlbau Schauenberg GmbH. Inzwischen verantwortet er die Leitung der Unternehmensgruppe gemeinsam mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter Guntram Winterhalter (50). Harald Schauenberg war 25 Jahre Dozent an der Universität Karlsruhe und engagiert sich seit 23 Jahren als Fraktionschef der Freien Wähler im Gemeinderat von Kirchzarten. Er war zudem lange Jahre als Beirat im WVIB tätig. Aufsichtsratsvorsitzender der Volksbank Freiburg wurde er 2007. Harald Schauenberg ist verheiratet.

Frage:
Herr Schauenberg, macht es in der heutigen Zeit eigentlich noch Spaß, Aufsichtsrat einer Bank zu sein?

Harald Schauenberg:
Was die Zukunft des Bankwesens angeht, ist es sicherlich weiterhin eine spannende Aufgabe. Es gibt große Herausforderungen, was die Geschäftsmodelle der Zukunft angeht. Wenn es um die Regulierung geht, macht es natürlich weniger Spaß. Das ist ein Thema, das für alle Beteiligten relativ unerfreulich ist.

Frage:
Was sind für Sie die Geschäftsmodelle der Zukunft?

Harald Schauenberg:
Das Kundenverhalten verändert sich, hat sich schon verändert und wird sich weiterhin gravierend verändern. Es wird andere Kommunikationskanäle geben, noch stärker als heute schon. Wir werden in Zukunft eine ganz andere Wettbewerbssituation haben. Ich rechne damit, dass Anbieter auf dem Markt erscheinen werden, die nicht primär dem Bankensektor zuzurechnen sind. Wer das sein wird, können wir heute vielleicht noch gar nicht erkennen. Aber da werden spannende Dinge geschehen.

Gegründet 1958, steht Stahlbau Schauenberg heute für Anlagenbau sowie Industrie- und Gewerbebau. Inzwischen ist eine internationale Unternehmensgruppe mit über 500 Mitarbeitern entstanden, die weltweit tätig ist.

50 Ingenieure und Konstrukteure erstellen an den Standorten Kirchzarten, Ihringen, Pribram, Teheran und Dubai mit modernster 3D-CAD-Technik Konstruktionen und statische Berechnungen. An sechs Standorten in Deutschland, der Tschechischen Republik, im Iran und Dubai produzieren 350 Mitarbeiter jährlich zwischen 20.000 und 25.000 Tonnen hochwertigen Stahl, der überwiegend von eigenen Montageteams aus Kirchzarten und Leipzig europaweit montiert wird.

Frage:
Ist die Volksbank Freiburg gerüstet für diese Veränderungen?

Harald Schauenberg:
Insofern eine Bank gerüstet sein kann, ist die Volksbank Freiburg gut aufgestellt. Besser als jede Großbank. Und besser als viele vergleichbare Institute aus der Genossenschafts- beziehungsweise der Sparkassen-Welt. Aber wenn dieser Generalangriff einmal erfolgt, dann wird man erst sehen, ob überhaupt eine Bank gut aufgestellt ist. Für die Volksbank Freiburg bin ich jedoch sehr optimistisch. Als Aufsichtsratsvorsitzender muss ich das ja sein (lacht). Es wird Veränderungen geben. Ganz klar. Zum Beispiel im Bereich Personal. Wird das Modell der Direktbanken sich durchsetzen oder bleibt die persönliche Beratung im Vordergrund? Das ist eine ganz spannende Frage. Aber eines ist auch klar: Auf Kunden, die nur an einem Einmal-Geschäft interessiert sind, sollte unser Fokus nicht liegen. Besser sollte man sich fragen, wie man diejenigen bestmöglich betreuen kann, die immer wieder Leistungen bei der Bank abrufen. Zum Beispiel Kunden, die für einen Hausbau sparen wollen.

Frage:
Ist also der Standort der Volksbank Freiburg in einem eher ländlichen Umfeld von Vorteil, weil die Kunden hier treuer sind?

Harald Schauenberg:
Die Volksbank Freiburg wird im ländlichen Raum vertreten bleiben. Die Frage ist nur, auf welche Art und Weise. Ist es wirklich erforderlich, in jedem kleinen Ort noch eine Zweigstelle zu haben? Oder kann man die Verbundenheit zu den Kunden auch anders herstellen? Das sind Fragen, auf die der Vorstand Antworten sucht. Ist es zum Beispiel ein Modell der Zukunft, den Kunden zu Hause zu besuchen? Oder wünscht die Mehrzahl der Menschen tatsächlich noch die klassische Zweigstelle?

Aufgaben und Rechte des Aufsichtsrates nach § 111 Aktiengesetz (AktG)

Frage:
Inwiefern können Sie als Aufsichtsrat die Geschicke der Bank beeinflussen oder mitgestalten?

Harald Schauenberg:
Die Aufgabenteilung ist gesetzlich klar geregelt. Das operative Geschäft wird durch den Vorstand geführt. Da wollen wir uns als Aufsichtsrat nicht einmischen. Aber es ist natürlich klar, dass Vorstand und Aufsichtsrat die Zukunftsstrategien eng miteinander abstimmen und besprechen. Denn letztlich muss ja der Aufsichtsrat zur Strategie seinen Segen geben. Und gegebenenfalls müssen Anpassungen vorgenommen werden. In diesen Gesprächen sind wir aber weniger Aufsicht als mehr Rat. Im positiven Sinne. Wir Aufsichtsräte, die wir mittelständische Unternehmer sind, bringen unser Know-how zum Wohle der Bank ein. Insofern ist eine gewisse Einflussnahme natürlich da.

Wir Aufsichtsräte, die wir mittelständische Unternehmer sind, bringen unser Know-how zum Wohle der Bank ein.Harald Schauenberg

Frage:
Ist es entscheidend für Ihre Aufsichtsratstätigkeit, dass Sie aktiver Unternehmer sind?

Harald Schauenberg:
Ja, absolut. Wenn Sie so wie ich viele Jahrzehnte als mittelständischer Unternehmer arbeiten, wissen Sie viele Dinge anders einzuordnen. Sie wissen zum Beispiel ganz genau, dass keiner die Zukunft kennt. Es hat mal jemand gesagt: Ein guter Unternehmer kennt die Zukunft nicht, aber er kann sich möglichst schnell auf sie einstellen. Wenn man das als Unternehmer verinnerlicht hat, dann versteht man auch die Grenzen im Können und Wissen eines Vorstandes. Er entwickelt eine Strategie nach bestem Wissen und Gewissen. Er weiß aber, dass diese Strategie mit vielen Unsicherheiten behaftet ist. Und der Aufsichtsrat mit seinen vielen erfahrenen Unternehmern weiß das auch. Die reale Welt sieht dann immer etwas anders aus als prognostiziert. Das wissen und akzeptieren alle. Und deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand sehr fruchtbar.

Frage:
Aus Ihrer Sicht als Aufsichtsrat: Was sind die wichtigsten Herausforderungen der Volksbank Freiburg in den kommenden Jahren?

Harald Schauenberg:
Ich gehe davon aus, dass im Bankensektor kein allzu großes Wachstum mehr möglich sein wird. Das heißt: Wer erfolgreich sein will, muss in einen Verdrängungswettbewerb eintreten. Das geht natürlich nur mit großen Anstrengungen und knappen Preisen. Darauf wird man seine Kostenstruktur ausrichten müssen. Die Konkurrenz wird, wie gesagt, aus dem Nicht-Bankensektor kommen. Und der Kunde wird in Zukunft anders agieren. Junge Menschen wollen heute schon alles über ihre Smartphones abwickeln. Es wird also eine technologische Herausforderung auf die Banken zukommen.

Frage:
Im Wort Aufsichtsrat steckt das Wort Aufsicht. Was sind die Punkte, bei denen Sie und Ihre Aufsichtsratkollegen gerne ein bisschen genauer hinschauen?

Harald Schauenberg:
Sie müssen sich das so vorstellen: Um das Einzelgeschäft kümmern wir uns nicht. Es gibt in der Bank eine Innenrevision. Und mit dem Verband haben wir eine Institution, die alles prüft. Es würde wenig Sinn ergeben, wenn wir jetzt auch noch anfingen, Kassenbestände zu zählen. Was wir uns vorlegen lassen, sind die globalen Dinge. Zum Beispiel die Gesamtrisikostruktur. Gibt es beispielsweise irgendwo ein Klumpenrisiko? Da lassen wir uns auch sehr detailliert vom Vorstand berichten. Darüber hinaus gibt es im Kreditgeschäft gewisse Größenordnungen, wo wir ohnehin mitentscheiden müssen.

Frage:
Sie sind ein Unternehmer, der international unterwegs ist. Sehen Sie in anderen Ländern Entwicklungen, die uns hier noch gar nicht so bewusst sind?

Harald Schauenberg:
Ich kann natürlich Dinge früher sehen. Zum Beispiel habe ich vor drei Jahren schon gesagt, dass wir den Peak der Globalisierung überschritten haben. Selbst die europäischen Staaten innerhalb der EU schotten sich immer mehr ab. Das stellen wir als international agierendes Unternehmen natürlich fest. Der Brexit zum Beispiel zeigt, dass diese Entwicklungen tatsächlich voranschreiten.

Frage:
Stichwort Digitalisierung. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung in Ihrem Unternehmen?

Harald Schauenberg:

Digitalisierung ist ja etwas schwierig zu definieren. Natürlich nutzt jedes moderne Unternehmen die digitalen Möglichkeiten. Zum Beispiel sind wir immer noch der einzige Stahlbauer in Deutschland, der schon vor vielen Jahren das sogenannte CIM-Konzept durchgesetzt hat. Das steht für computer-integrated manufacturing und bedeutet, dass alle Daten von der Konstruktion über die Produktion bis hin zum Versand digital und zentral geführt werden. Das ist überlebensnotwendig.

Aber: Wir stellen sehr komplexe Anlagen her. Und das geht nicht nur digital. Niemand ist in der Lage, solche Bauwerke komplett theoretisch zu durchdenken. Da sind Entscheidungen von Menschen vor Ort erforderlich. Das Bankgeschäft ist im Vergleich dazu ein relativ einfaches Geschäftsmodell, was nur verkompliziert wird durch eine Vielzahl an Regularien.

Frage:
2018 feiert Ihr Unternehmen den 60. Geburtstag: ein Grund zu feiern? Auch mit Blick in eine erfolgreiche Zukunft?

Harald Schauenberg:
Also von Natur aus feiern wir ja immer gerne! Wir werden das also mit Sicherheit feiern. Aber wir haben natürlich schon gewisse Sorgen, wenn diese Anti-Globalisierungs-Tendenzen anhalten, dass wir mit unserem Geschäftsmodell in ganz große Schwierigkeiten kommen können, falls man uns nicht mehr erlaubt, global zu agieren.

Für uns sind die Länder wichtig, die Bodenschätze haben, sprich Öl, Gas, Kohle. Sie benötigen unsere Anlagen zur Weiterverarbeitung dieser Rohstoffe. Ein Beispiel ist Russland. Wegen der Sanktionen ist das Geschäft sehr schwierig geworden. Selbst innerhalb der Europäischen Union werden geschickt Blockaden aufgebaut.

Wir in Deutschland haben derzeit ein gesellschaftliches Weltbild, das nicht besonders industriefreundlich ist. Wir wollen alle gerne die Produkte nutzen – die Industrie dafür wollen wir aber nicht. Das bleibt ein spannendes Feld. Wir haben darauf schon reagiert und bieten mehr Produkte für den deutschen Markt an. Industrie- und Gewerbebau mit schlüsselfertigen Bürohäusern, Produktionsanlegen, Autohäuser, Lagerhallen und so weiter.

Unser Marktumfeld ändert sich wesentlich schneller als das einer Bank. Ich kann Ihnen nicht sagen, was im nächsten Jahr sein wird. Wie wird sich zum Beispiel künftig unser Geschäft in den USA entwickeln, das sehr wichtig ist für uns?

Frage:
Blick in die Zukunft: In 50 Jahren feiert die Volksbank Freiburg ihr 200-jähriges Bestehen. Womit verdient eine Bank 2067 ihr Geld?

Harald Schauenberg:

Das ist eine sehr schwierige Frage. 50 Jahre sind verdammt lang! Ich denke, es wird in 50 Jahren die sogenannten Finanzintermediäre noch geben. Und wir werden sie auch brauchen. Es liegt an der Volksbank, ihrem Vorstand und ihrem zukünftigen Aufsichtsrat, sich den Herausforderungen zu stellen und darauf zu reagieren. Ich bin davon überzeugt, dass ein Institut wie die Volksbank Freiburg mit die größten Chancen in der ganzen Branche hat, in 50 Jahren noch da zu sein. Das Kreditgeschäft zum Beispiel, das Zur-Verfügung-Stellen von Liquidität, das wird es in einem halben Jahrhundert noch geben. Da werden Geschäftsfelder hinzukommen, es werden aber noch welche verschwinden. Aber das Grundgeschäft, das wird bleiben. Und das Bargeld wird eine Renaissance erleben. Der Staat will immer mehr seine Hand daraufhalten und über jeden Cent Bescheid wissen. Gut informierte Menschen merken das und wollen nicht, dass der Staat jederzeit Zugriff auf ihren persönlichen Besitz hat. Die große Masse allerdings ist tatsächlich angetan von der Idee, das Bargeld abzuschaffen. Es wird Versuche geben, das Bargeld abzuschaffen. Die weitere Entwicklung bleibt aber spannend. Vielleicht müssen eines Tages die Gerichte klären, wie es mit dem Bargeld weitergeht.

Es wird Versuche geben, das Bargeld abzuschaffen. Die weitere Entwicklung bleibt aber spannend. Vielleicht müssen eines Tages die Gerichte klären, wie es mit dem Bargeld weitergeht. Harald Schauenberg

Frage:
Gefühlt wird unser Alltag immer komplexer und damit unübersichtlicher. Was tun Sie, um den Überblick zu behalten?

Harald Schauenberg:
Da habe ich eine klare Meinung. 90 Prozent der Dinge, die heute als modern gelten, sind unnötig. Absoluter Blödsinn. Sie haben eher schädliche Wirkung. Ein Musterbeispiel ist für mich das Internet: Zehn Prozent der Anwendungen sind toll. 90 Prozent der Nutzung ist blödsinnig! Wenn all diese Leute, die stundenlang Informationen aus dem Internet heraussuchen, die sie nicht brauchen, produktiv für die Volkswirtschaft arbeiten würden, dann hätten wir einen unglaublichen Wachstumsschub. Ich persönlich brauche keine sozialen Netzwerke. Was da steht, interessiert mich nicht.

Frage:
Was macht Ihnen Angst, wenn Sie an die Zukunft denken? Und was macht Ihnen Hoffnung?

Harald Schauenberg:
Angst habe ich davor, dass der Wohlstand in Deutschland zurückgeht. Und ich fürchte, wir sind nicht so leidensfähig wie zum Beispiel eine portugiesische Nation. Was die haben wegstecken müssen in den vergangenen Jahren, ohne zu klagen, das wird in Deutschland so nicht gehen. Und wenn das passiert, habe ich wirklich Angst vor politischen Verwerfungen. Denn dann kommt die Zeit der radikalen Parteien. Wir haben jetzt schon fast 25 Prozent Anteil und wenn der mal auf 40 Prozent hochgeht, dann wird was passieren. Davor habe ich Angst.

Es hat ein kluger Mensch mal gesagt: „Zu einer freien Marktwirtschaft gehört ein gesundes Gottesvertrauen.“ Die Zukunft kennt keiner, man muss sich darauf einstellen. Und Gottesvertrauen heißt, man muss auch Vertrauen in sich selbst haben. Egal, wie es kommt, ich muss positiv damit umgehen. Ich kenne viele, auch junge Menschen, die diese positive Lebenseinstellung noch haben. Die das Herz am richtigen Fleck haben. Wenn es solche Menschen in ausreichender Zahl gibt, muss es uns um die Zukunft nicht angst und bange sein.

Das Interview führte Mechthild Wachter

Fotos: Michael Bode

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