Arbeiten jenseits 65 – mehr Segen als Fluch?

Müßiggang im Alter ist out. Aktivität ist in. Ein Trend, der sich in vielen Bereichen des gesellschaftlichen und sozialen Lebens sowie in der Arbeitswelt zeigt. Und davon profitieren Alte wie Junge. Denn Erfahrung trifft Elan.

Text: Ann Braun

„Die Generation 65+ ist heute sehr viel aktiver als früher“, bestätigte Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes, im Rahmen einer Pressekonferenz die neue Lebenseinstellung der älteren Bürgerinnen und Bürger in Deutschland (Quelle: Erfahrung ist Zukunft).

Mit einer Wahlbeteiligung von 75 Prozent mischt die Silver Society politisch messbar mit. Immer mehr Seniorinnen und Senioren besuchen als Gasthörer eine Uni; rund 42 Prozent der Gasthörerinnen und -hörer an deutschen Hochschulen waren im Wintersemester 2014/15 mindestens 65 Jahre alt. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 31 Prozent. Auch die Anzahl älterer Internetnutzerinnen und -nutzer nimmt stetig zu. Eine wachsende Anzahl der Generation 65+ engagiert sich in einem Ehrenamt. Oder arbeitet weiterhin im bisherigen Beruf.

Ältere Menschen beschäftigen sich zunehmend mit neuen Medien

Die Initiative „Erfahrung ist Zukunft“ will die Herausforderungen des demografischen Wandels bewusst machen, die Perspektiven einer älter werdenden Gesellschaft aufzeigen und mithelfen, notwendige Veränderungen voranzubringen. Mehr zum Thema unter www.erfahrung-ist-zukunft.de

Der Megatrend Silver Society entwickelt sich unaufhaltsam zur starken Kraft in unserer Gesellschaft und verändert nachhaltig das Bild vom alternden Rentner. Eine aufschlussreiche Zusammenfassung über die Auswirkungen dieses Trends für Wirtschaft und Sozialstrukturen finden Sie im Megatrend Dossier des ZukunftInstituts in Frankfurt am Main; www.zukunftsinstitut.de

Bei Letzterem handelt es sich um eine Entwicklung, die Arbeitgebern hochwillkommen ist. In einer Zeit zunehmenden Fachkräftemangels sind Ältere in der Wirtschaft von unschätzbarem Wert. Waren es 2005 noch sechs Prozent der über 65- bis 69-jährigen, die einer Berufstätigkeit nachgingen, hat sich die Erwerbstätigenquote dieser Altersgruppe mit 14 Prozent um mehr als die Hälfte verdoppelt. Mit ihrem gewachsenen Potenzial und ihrer hohen Flexibilität sorgen sie für fließende Produktionsabläufe und damit gleichzeitig für stressfreieres Arbeiten. Zusätzlich profitieren auch die jungen Mitarbeiter davon. Denn ältere Kolleginnen und Kollegen, die nicht mehr auf der Karriereleiter drängeln und in ihrem Leben angekommen sind, bieten Hilfestellung, geben Erfahrung und Wissen ab. Dies kann auch IHK-Präsident Steffen Auer bestätigen: „Ältere Mitarbeiter haben eine unglaubliche Erfahrung und sind in der Lage, innerhalb kürzester Zeit Dinge zu lösen, für die ein junger Mitarbeiter oft mehrere Tage braucht.“
(Zum Interview mit Steffen Auer geht es hier.)

Anzahl arbeitender Rentner

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Der Alterssurvey des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) gilt als wichtige Langzeitstudie über das Älterwerden. Erhebungen fanden 1996, 2002, 2008 sowie 2014 statt. Mehr dazu unter www.dza.de

Die Freude an der fortgeführten Berufstätigkeit der Ü-65er belegt auch eine vom Bundesfamilienministerium veröffentliche Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA). Demnach ist die Zahl der Menschen, die auch im Ruhestand einer Erwerbstätigkeit nachgehen, von 5,1 Prozent im Jahr 1996 auf 11,6 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Die Gründe, warum junggebliebene Seniorinnen und Senioren auf eigenen Wunsch länger arbeiten, nennt der sogenannte Alterssurvey des DZA dabei nicht. Die Zahlen der Studie deuten darauf hin, dass Bildung dabei eine Rolle spielt.

Während zum Zeitpunkt der Erhebung von den 40- bis 65-Jährigen mit niedrigem Bildungsniveau 50,6 Prozent erwerbstätig waren, lag der Anteil bei Personen mit mittlerem Bildungsniveau bei 70,8 Prozent und bei Menschen mit hohem Bildungsabschluss bei 81,5 Prozent.

Außerdem wurde festgestellt, dass es den älteren Menschen in heutiger Zeit gesundheitlich besser geht als in früheren Zeiten. Gut zwei Drittel seien körperlich kaum eingeschränkt. Und 40- bis 85-Jährige treiben heute häufiger Sport als noch vor 20 Jahren; ein Trend, der sich vor allem bei den über 60-Jährigen zeigt.

Parallel zu dieser Entwicklung startete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ein Forschungsprojekt, das die sozialpolitischen Folgen einer Anhebung des Renteneintrittsalters, insbesondere der Rente mit 67, empirisch analysieren soll. Laut DIW steht dabei im Fokus der Arbeit, „wie Arbeitslosigkeits- und Gesundheitsrisiken im Zusammenspiel mit den Rentenreformen das Renteneintrittsverhalten beeinflussen und welche Einkommenseffekte damit verbunden sind“. In der Projektbeschreibung wird die Verlängerung der Lebensarbeitszeit als wichtiges politisches Ziel genannt, um die volkswirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels zu bewältigen.

Weitere Informationen über das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Forschungsprojekt „Verhaltens- und Verteilungswirkungen von Rentenformen“ finden Sie unter www.diw.de

Eine Aufgabe riesigen Ausmaßes, deren Lösung vor allem Pessimisten kurz vor ihrem 65. Geburtstag mit Skepsis entgegensehen. Denn schließlich ist es ein Unterschied, freiwillig in Voll- oder Teilzeit mit der Berufstätigkeit weiterzumachen oder möglicherweise sogar um den Preis der Gesundheit und der Lebensqualität bis 67 weiterarbeiten zu müssen.

Das ist ein Punkt, zu dem IHK-Präsiden Steffen Auer eine klare Meinung hat: „Mitarbeiter, die jahrelang körperlich sehr hart gearbeitet haben, können einfach nicht mehr – oft auch vor dem 65. Lebensjahr schon nicht. Da muss die Politik etwas tun.“
(Zum Interview mit Steffen Auer geht es hier.)

Optimisten der Silver Society dagegen lässt diese Entwicklung gelassen die Schultern zucken. Sie sehen sich eher als Gewinner. Schließlich verdient man länger voll. Die Lebenserwartung ist sowieso höher denn je. Für Müßiggang, wenn denn eines Tages gewünscht, bleibt also immer noch Zeit genug.

Erfahrene Fachkräfte werden in Zukunft mehr denn je gebraucht

Matthias Horx zu Silver Society und länger arbeiten

Was sind das für Menschen, die freiwillig länger arbeiten?

Wann beginnt man eigentlich „zu altern“?

Welche Vorteile hat es, Teil der Silver Society zu sein?

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